Angekommen und von der Gestaltung ausgeschlossen

Das alles inspirierende Element menschlicher Erfüllung ist die gelungene Leistung. Nichts motiviert mehr, als etwas lernen zu können, dass bei seiner Tätigkeit quasi als Nebenprodukt vonstatten geht. Alle ernst zu nehmenden Anthropologen der Moderne hatten auf diesen Umstand hingewiesen. Gemeint ist der zivilisatorische Prozess. jeder Mensch durchlebt seine eigene Entwicklungsgeschichte. Und wer nicht gefordert wird, der langweilt sich nicht nur, dem werden auch die Chancen genommen, sich zu entwickeln. Der Prozess der Erkenntnis ist untrennbar mit dem „Stoffwechsel“, der Interaktion des Individuums mit seiner Umgebung bei Gestaltungsprozessen verbunden.

Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht nur eines der exportfreudigsten Länder dieser Welt. In der Natur der Sache begründet liegt die Tatsache, dass hier eine Menge Verfahren zur Verfügung stehen, die für Volumen wie Güte der Produktion verantwortlich zeichnen. Das erfordert menschliche Leistung in hoher Konzentration und in hohem Ausmaß. Genau dieser Umstand führt dazu, dass die Verantwortlichen für den leistungsbezogenen Output im Land angesichts der demographischen Entwicklung seit langer Zeit die Warnung aussprechen, das Ende der Exportnation sei in Sicht, wenn nicht intelligente und leistungswillige Menschen hinzukämen. Momentan wird versucht, diese Menschen zu akquirieren, indem auf anderen europäischen Arbeitsmärkten wie in Spanien und Portugal die Zukunft dieser Länder abgeworben wird, um die deutschen Optionen zu erhöhen. Außerhalb Europas tut man sich schwer, wären dann doch Anstrengungen erforderlich, die kulturell anspruchsvoll und weit jenseits der reinen Wissensvermittlung angesiedelt wären.

Wegen seiner Attraktivität hinsichtlich der Leistung streben immer mehr junge Menschen Richtung Europa. Sie kommen aus allen Teilen der Welt. Ihnen gemeinsam ist die Perspektivlosigkeit in den Arealen, aus denen sie kommen. Im Zeitalter der digitalen Kommunikation sehen sie zwar die Bilder der güterlichen Hochzivilisation, aber sie dürfen sie nicht genießen. Weltweit führt das zur Verstädterung, deren Ende erst für die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts prognostiziert wird, und nicht, Weil diese Menschen sich eines anderen besännen, sondern weil dann die Landflucht abgeschlossen ist. Diejenigen, die sich auf den Weg in die Metropolen der Leistung machen, können zweifellos als die Alphatiere der Unzufriedenen bezeichnet werden. Unzufriedenheit allein kann auch zu nachhaltiger Depression führen. Unzufrieden zu sein, und es gegen ein autokratisches Regime, über bewachte Grenzen und unwirtliche Meere hinweg in die entfernten Zentren der ersehnten Metropolen zu schaffen erfordert Mut, Widerstandskraft und Permanenz. Kurz, wer hier ankommt, der hat ein Assessment Center hinter sich, wie es die Privatwirtschaft wohl nie bieten wird.

Nun wäre es sicherlich nicht nur ein Zeichen von Souveränität, sondern auch eine Geste des Respektes, wenn man denjenigen, die die weite, beschwerliche und nicht selten riskante Reise hinter sich gebracht haben, an den gestalterischen Möglichkeiten hierzulande teilhaben ließe. Ja, richtig verstanden, anstatt sie in irgendwelchen alten Immobilien unter fragwürdiger Bewachung zu kasernieren, könnte man ihnen Zugänge gewähren zu Lehrwerkstätten wie Produktionsstätten, zu Volkshochschulen wie zu Lernprojekten. Statt bewacht auf das Ende eines bürokratischen Aktes abwarten zu müssen, könnten die Immigranten sehr genau sehen, wie sich dieses Land definiert, in nützlichen, gestalterischen Prozessen. Und es könnte bei denen, die hierher mit all ihrer Hoffnung gekommen sind, dafür werben, dass es eine positive Perspektive sein könnte, sich in diesen Prozess der entstehenden Werte einbringen zu können. Man nennt so etwas Perspektiven schaffen. Dagegen stehen die übliche Phalanx derer, die sich hinter Rechtsverfahren verschanzen und eine phlegmatische Wirtschaft, die ihr eigenes Geschrei so richtig wohl nicht zu glauben scheint.

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8 Gedanken zu „Angekommen und von der Gestaltung ausgeschlossen

  1. hildegardlewi

    Das ist sehr richtig. Aber genauso kann man Fertigkeiten und Unterrichtung auch exportieren und den Menschen die Möglichkeit eröffnen, in ihrer Heimat ein Leben und ein Fortkommen zur Zufriedenheit zu erlangen und nicht ihre Geschichte, Tradition und ihre Wurzeln einfach zu kappen und wie ein Spielball in der Weltgeschichte herumzuirren. Die Franzosen haben ihre Fertigkeiten nach Preussen gebracht, die Holländer ebenfalls. Aber es war nur ein kleiner Teil, deshalb sind die Fertigkeiten in ihrer alten Heimat nicht verloren gegangen. Man sollte Wissen und Fertigkeiten auch exportieren und den unterentwickelten Ländern zu Hllfe eilen, damit
    sie im internationalen Wettbewerb zumindest mal wahrgenommen werden. Andernfalls entstehen unwiderruflich Verdrängungsängste, und außerdem sind die mit diesen Ereignissen konfrontierten Politiker restlos überfordert. Da bemühe ich stets die alten Römer: eine politische Laufbahn beginnt ganz unten, und um den Gipfel zu erklimmen, heißt es, viele Entwicklungsstufen durchzumachen, bevor man „Wer“ ist. Und in diesen Fällen hapert es bei uns ja wohl. Wer bei uns z. B. Minister werden kann ist schon ein Kapitel für sich.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Liebe Hildegard,
      bei den Zahlen glaube ich nicht, dass die jeweiligen Herkunftsländer gefährdet sind. Lange glaubte man, mit Hilfe vor Ort die globale Migration der Jugend verhindern zu können. Vergebens! Die Verstädterung schreitet voran und wird dann auch zu einer Umkehr der Zuwachsraten führen.
      Was die Karrieren anbetrifft, so korrespondiert die Hochkonjunktur bestimmter Parteien nicht mit der eigenen personellen Substanz. So werden Leute i Parlamente und Ämter gespült, die dort qualitativ nichts zu suchen haben.
      Gerd

  2. hildegardlewi

    Wie immer sind es die Fordernden, die Gebenden und die Bestimmenden, die sich zur Lösung eines Problems auseinandersetzen müssen. Und in hohem Maße auch die Zuschauenden, die jederzeit wissen woran es liegt und was man im jeweiligen Falle tun muß. „Man“ ist kein wegzudenkender Faktor.
    Aber zur Lösung eines Problems kaum zu gebrauchen.

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