Wirre Sätze, Desaster im Kopf

Klare Sätze und klare Gesetze. In der politischen Sprache kommt die Wahrheit zum Vorschein. Das Wort, so Heinrich Heine, geht der Tat voraus. Und der Gedanke, so die kantianische Prämisse, der Gedanke geht dem Wort voraus. Dreht man das Kausalverhältnis um, so lautet das Ergebnis: Die Klarheit der Sprache ist ein Ausdruck der Klarheit des Gedankens. Oder schlimmer: Je wirrer die Sätze und Aussagen, desto größer das Desaster im Kopf. Diesen Zusammenhang vor Augen, liest sich vieles leichter. In vielerlei Hinsicht. Und es wird noch einfacher. Die Floskel entpuppt sich entweder als Armut des zu transportierenden Gedankens oder als Merkposten des Unbewussten. Aber das erhöht bei der Betrachtung bereits wieder die Komplexität, was hier vermieden werden soll.

„Zunächst einmal möchte ich mich bei denen bedanken, die sich in den letzten Monaten, Wochen und Tagen unermüdlich für die Ziele unseres Wahlkampfes eingesetzt haben. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen. Und ja, es war nicht leicht und wir haben es uns nicht einfach gemacht. Und ja, das Ergebnis des heutigen Abends ist zwar nicht das, was wir erwartet haben, aber m Vergleich zu den Mitkonkurrenten hätte es noch schlimmer kommen können und insofern stehen wir ganz gut da. Was das Erreichen und Umsetzen unserer Ziele anbetrifft, so kommt es jetzt darauf an, auszutarieren, mit wem der anderen, für die Regierung notwendigen Partnern, wir das meiste werden praktisch umsetzen können. Das wird ein sehr intensiver Prozess sein, bei dem wir uns nicht werden zeitlich unter Druck setzen lassen…“

Wir alle kennen die Diktion. Auf ihren Gehalt reduziert, besagt der obige Absatz folgendes Essenzielles: Wir sind unterstützt worden. Wir haben nicht das erreicht, was wir wollten. Allein können wir nichts ausrichten. Schluss. Punkt. Das Resultat befriedigt niemanden, weder denjenigen, der es verkündet, noch diejenigen, die es hören. Insofern sollte es so kurz wie möglich gefasst werden. Und dann stellt sich die Frage, wie es weiter gehen soll. Und das ist sehr spannend.

Wir kennen die zitierten Sätze nahezu auswendig. Auch der hier angeführte ging so aus dem Kopf aufs Papier. Warum? Weil wir ihn 1000mal gehört haben und er zu den Standards nach Wahlen gehört. Wenn das aber der Standard ist, dann stellt sich die Frage, warum bringen Wahlen keine Ergebnisse mehr, die etwas bewirken? Schlicht und einfach. Wenn die Frage beantwortet wäre, wären wir weiter.

Eine kurze Frage, also eine kurze Antwort. Oder zwei, mehr aber nicht. Möglichkeit Eins: Keine Partei ist in der Lage, mit dem eigenen Programm und den eigenen Akteuren die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen. Möglichkeit Zwei: Das Volk ist so zerbröselt, dass es keine Interessen mehr findet, die den Bedarf einer Mehrheit zum Ausdruck bringt. Möglichkeit Drei: Beides trifft zu. Das sind verheerende Optionen. Dann ist entweder das Volk zu klein für den großen Staat oder das Volk zu groß für den kleinen Staat. Oder noch schlimmer: Beides. Ein zu großes Volk ist zu kleinkariert und ein kleiner Staat maßt sich viel zu Großes an. Als Perspektive ziemlich kompliziert. Und furchtbar.

Der Gedanke geht dem Wort voraus. Das Wort geht der Tat voraus. Klingt sehr einfach. Ist aber auch verwirrend. Dann lieber doch lange und komplizierte Sätze? Das wären wir gewohnt. Ist dann zwar nicht klarer, aber geschmeidiger. Oder?

Advertisements

10 Gedanken zu „Wirre Sätze, Desaster im Kopf

  1. kaetheknobloch

    Ja sicher geschmeidiger, lieber Herr Mersmann. Geschmeidig wie das Moor, das einen langsam, liebevoll fast einzutscht. Geschmeidig wie die blanke Klinge, die gleichmütig in einen gleitet. Diese Geschmeidigkeit ist eine gefährliche, ich mag Sie nicht mehr hören. Ich bevorzuge ein paar Verbalharschknallbackpfeifen. Direkt, schmerzhaft, ehrlich. Wie so gerne auch von Ihnen verteilt. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

  2. SalvaVenia

    Es sind die Schwestern Ehrlich- und Aufrichtigkeit, die hinwegkulturalisiert wurden. Wer lügt, verschleiert und betrügt, der gewinnt. Und wer ertappt wird, verlegt seine Taten künftig einfach auf die nächsthöhere Unglaublichkeitsebene.

  3. monologe

    Das findet sich doch überall so, angefangen bei den Tomaten, Gurken und beim Hühnerei. Warum schmeckt ein Hühnerei? Der Geschmack wird im Huhn raffiniert. Am besten schmeckt – für gewöhnlich und seinem Nimbus nach – das Ei des Huhnes, das auf dem Bauernhof lebt, also nicht das „freilaufende“ Huhn, sondern das wirklich und wahrhaft freie. Ein Huhn legt aber auch im „KZ“, vielleicht sogar am fleißigsten und XL, gewiss am billigsten, ähm, nein, am wirtschaftlichsten. Wenn also so öde Sätze von Politikern kommen und durchaus erwartet werden, dann bedeutet das Konsumierung des Billigsten, egal, wie fade es ist, bedeutet aber auch Politiker in Bodenhaltung und Fresser, denen wurscht ist, wies schmeckt. Und isses nicht so?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.