Erschöpft und lakonisch

Jack Bruce & His Big Blues Band Live 2012

Zwei Jahre Cream brachten Weltruhm. White Room, Sunshine of Your Love, Spoonful. Welthits. In der Bilanz stehen bis heute 35 Millionen verkaufte Tonträger. Bevor sich der große Erfolg mit dieser zur Legende erhobenen Band einstellte, hatte es eine andere Entwicklung gegeben. Ganz jung zuerst Cello, viel später der Bass. Aus dieser Sozialisation stammt der Satz, den er nie revidierte, Johann Sebastian Bach habe die besten Basslinien geschrieben. Das behaupteten noch andere Bassleute, sie können es beurteilen. Der Schotte mit dem harten Akzent spielte zuvor, als er London erkundete, in den Bands von Alexis Korner und John Mayall, das waren die Kaderschmieden des folgenden weißen Blues und des Rocks. Was er lernte und sich herausarbeitete war die Entwicklung des Bass zu einem gestaltenden Element in dem Genre. John Entwistle von den Who interpretierte seine Rolle so und John Symon Asher „Jack“ Bruce.

Die großen Erfolge erlebte Jack Bruce zusammen mit Ginger Baker und Eric Clapton. Die Band rockte die Welt für zwei kurze Jahre, dann gingen die drei Alpha Dogs wieder ihre eigenen Wege. Ginger Baker, den Freak, trieb es nach Afrika, Eric Clapton blieb da, wo das Geld verdient wurde und Jack Bruce wurde politischer. Seine Texte nahmen ernst zu nehmende lyrische Formen an, und mit seinem Bassspiel versuchte er immer wieder Elemente des Jazz in die Halle des Populären zu locken. Was ihm mal gelang und mal scheiterte. Dennoch sind die Jahrzehnte, die ihm bis zu seinem Tod blieben, eine wunderbare Illustration seines musikalischen Lebenskonzeptes, bei dessen Rückblick die Cream-Geschichte nahezu als Unfall erscheint.

Um einen Musiker, der soeben verstorben ist, zu würdigen, können entweder die großen Erfolge aufgezählt oder die eigenen Lieblingsstücke präsentiert werden. Oder etwas, das die Werkstätte des Lebens offenbart. Im Jahr 2012 trat Jack Bruce & His Big Blues Band auf. Da war er 69 und gezeichnet. Dennoch ist der Auftritt bemerkenswert, weil er die Titel, die die großen Erfolge markierten, genauso gespielt werden wie die vielen anderen Werke, die in den späteren Jahren entstanden. Zudem hat er in der Big Blues Band, die seinen Namen trug, das realisiert, was er immer im Auge hatte: Der Bläsersatz baut die Brücke zur Avance an den Jazz. Spoonful mit einem Posaunensolo, da wird deutlich, dass schon die Konzeption des Stückes derartige Passagen im Ohr hatte, vor über vierzig Jahren, nur war die Zeit in den westlichen Mittelstandsclubs für so etwas noch nicht reif. Theme from an Imaginary Western ist so eine andere Geschichte, da kommt der Poet zum Vorschein, der die Reise beschreibt, nicht die geographische, sondern die existenzielle, die sich erzählen lässt als eine Reise durch die Natur wie der Erkenntnis, mit allen wunderbaren Erscheinungen, die selbst den vermeintlichen Weg zeichnen. Oder Deserted Cities, wieder völlig anders. Da inszeniert der Musiker das Onomatopoetische der Metropole und der Texter plaudert mal so eben das Wesen der Big Cities aus: Konzentration, Konfrontation und Diversität, das ist schon nahezu genial. Dass so etwas abseits des Mainstreams goutiert wurde, liegt in der Natur der Sache. Und, nahezu zum Abschluss, White Room, die Referenz an die Entfremdung des Individuums in den Zeiten seiner Inthronisierung, musikalisch präsentiert, wie es sich gehört, etwas erschöpft und lakonisch. Der Blick auf die Welt durch einen scharfen, an ihr ermüdenden Geist.

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5 Gedanken zu „Erschöpft und lakonisch

  1. Stefan

    Er war ein Titan und Visionär der Britischen Musik und revolutionierte das E-Bassspiel. Was bleibt ist dieser einmaliger Bass und seine Stimme. Trotz der Drogen und seiner langjährigen Erkrankung konnte er sich in der Musik verwirklichen und hat vermutlich ein einzigartiges Musikerleben geführt. Für mich war er ein hart arbeitender Musiker und zog es vor in seiner Kunst aufzugehen, statt womöglich als Star z.B. nach Amerika zu gehen, wo er vermutlich berühmt geworden wäre. Man denke in diesem Zusammenhang z.B. an die BBC Live Recordings aus den 70er Jahren. A true great! Danke, Gerd.
    Hab‘ einen entspannenden Sonntag
    Stefan

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Stefan,
      Wie immer auf den Punkt gebracht. Viele Grosse gehen, manchmal scheint es, als sei die Vergangenheit nur eine Schmonzette, die Gegenwart das Nonplusultra und die Zukunft die grosse Unbekannte. Alles falsch, vertont begreift man es am ehesten.
      Gerd

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