Die Welt ist nicht gerecht

Eigentlich ist es skurril. Nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist kein Rausch, sondern ein Kater eingetreten. Anstatt dass die Akteure, die direkt beteiligt waren, hierzulande euphorisiert in ihren Fußballalltag gingen, hingen sie herum, als seien sie zurück im zivilen Leben nach einer langen Geiselhaft. Selbst die Reservisten von der Bank kamen mit Formkrisen zurück, die kaum jemand erklären konnte. Einmal abgesehen davon, dass das Ganze eine ungeheure physische Tortur war, über die wenig berichtet wurde, psychisch hätte nach dem Erfolg der Erfolge ein Hype folgen müssen, der ausblieb, wofür die Auftritte der Nationalmannschaft den besten Beleg geben.

Und nicht nur die Akteure, auch das Publikum trottet samstäglich eher desinteressiert in Stadien oder Sky-Kneipen, um sich das anzusehen, was alle wissen. Es hat sich nämlich nichts geändert durch den Titel. Alles ist beim Alten geblieben. Der FC Bayern dominiert die Liga wie immer und alles, was er veranstaltet, ist Weltklasse und der Rest ist Provinz. Dass das so bleibt, dafür sorgen die gegenwärtig auf freiem Fuß befindlichen Vorstandsmitglieder. Wie immer schon sind sie dabei, dem momentan einzigen Rivalen einen weiteren Schlag zu versetzen, von dem sich dieser nicht mehr so einfach erholen wird. Nach der während des Champions-League-Wettbewerbs stinkigen Abwerbung von Götze folgte Lewandowski. Nun steht laut Rummenigge noch Reus auf dem Zettel. Kein Grund zur Aufregung. So handeln Monopolisten. Der Staatsclub aus München, fest am dortigen Prozess der Balkanisierung beteiligt, ist eher ein Fall für das Bundeskartellamt. Aber dort ist man auf die Idee nicht gekommen.

Dass Jürgen Klopp mit Hinweis auf die jüngsten Manöver aus München ins Mikrophon sprach, er glaube an Gerechtigkeit im Leben, und auch böse Taten würden irgendwann geahndet, ehrt ihn als Pädagogen, erweckt allerdings auch etwas Mitleid. Angesichts der Monopolisierung des deutschen Fußballs und der Berichterstattung über ihn so etwas von sich zu geben, klingt schon eher nach Defätismus. Letzterer ist bekanntlich schlimmer als feindliche Kanonen. In diesem Fall ist Kampf besser als Räsonnement. Wollen wir hoffen, dass der BVB in München zeigt, was Moral ist. Taktisch sind sie besser, aber das Personal wurde zu schnell abgeworben. Und wer kann es Spielern verübeln, denen viel Geld, Erfolg und ein Sitz im Alpenvorland geboten wird, wenn sie Gelsenkirchen-Buer oder Dortmund-Wickede verlassen?

Apropos Berichterstattung. Nicht alles wird erzählt, da hält man sich an Nachrichtensprerren, zumindest wenn es um den FC Tegernsee geht. Dass der Gomez so klanglos gehen musste und der Schweinsteiger nie mehr spielt, wenn der Gomez in der Nationalmannschaft aufgestellt ist und umgekehrt hat Gründe, aber das ist Privatsache. Stimmt. Nur, dass bei anderen, die woanders spielen, darauf gepfiffen wird.

Und natürlich Schalkes neuer Trainer Di Matteo. Seitdem er als Coach des Londoner Clubs Chelsea den Bayern das Endspiel Dahoam versalzen hat, gilt er als Beton-Philosoph. Mit einer klugen Defensiv-Taktik und einem gravierenden taktischen Fehler seines damaligen Pendants Jupp Heynckes war es ihm gelungen, den Bayern den Titel im eigenen Stadion zu nehmen. Und kaum ist er in Schalke angekommen, da wird die Spielweise der Schalker als Anti-Fußball auf der ganzen Linie bezeichnet, während noch zwei Wochen vorher das desolate Abwehrverhalten beklagt wurde. Da wird noch manches kommen, so sehr die Verherrlichung auf der einen Seite zelebriert wird, so sehr wird die Diskriminierung gezogen, sobald der Glanz des Alleinherrschers gefährdet gesehen wird. Die Welt ist nicht gerecht. Deshalb ist das jetzt alles so langweilig. Monopole killen die Konkurrenz und produzieren Eiszeiten. Bis die rum sind, sind die Vorräte aufgebraucht.

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7 Gedanken zu „Die Welt ist nicht gerecht

  1. pgeofrey

    Und irgendwann hat jedes Land seinen Monopolisten, dann gibt es keine Alternative zur Europäischen Liga, welche die Champions League ersetzt…
    Und wer weiß vielleicht führt das mehr zu Europa, als der Euro…

  2. gerhard

    Ein Wort, passend zum heutigen Allerheiligen: Tröstet Euch, wir, die wir den FCB nicht mögen, kommen alle in den Himmel, denn die Hölle auf Erden haben wir jetzt schon mit dieser widerlichen rot-weißen Kriminellenbrut ;-)))
    Schönes Wochenende,
    Gerhard

  3. Stefan

    Lieber Gerd,
    wie wahr. Im Boxen gibt es Gewichtsklassen, wo zwei Boxer der gleichen Gewichtsklasse gegeneinander boxen. Der Fußball hat sich insgesamt verändert, so dass unterschiedliche Gewichtsklassen gegeneinander spielen. Das ist im Pokal nett anzusehen, aber in der Liga tun sich Gräben auf. Man wäre schon „dankbar“, gebe es wie in Spanien oder England zwei oder drei Teams die um die Meisterschaft spielen. Trotzdem missfällt mir die Einstellung mancher Mannschaften, die gegen München spielen und das Spiel vor Beginn abschenken oder sich Niederlagen schön reden, wenn man nicht hoch verloren hat. Dabei sind eigentlich die Dortmunder der Auslöser. Als der BVB zwei Meisterschaften und den Pokal gewonnen hatte, schmiedete der Uli einen perfiden Plan. Es dürfe nie wieder eine Mannschaft in Deutschland geben, die den Bayern weh tun darf. Während Dortmund der sympathische und erfolgreiche Gegenentwurf zu den Maschinen aus München war, holten die sich den Pep und um seine Aura herum auch Mario Götze und ein Jahr später Robert Lewandowski. Wenn eine Mannschaft jedes Jahr ihren besten Spieler verliert, bleibt neben der Tristesse und Wut auch die Erkenntnis, dass man solche Lücken nicht schließen kann. Der Etat der Bayern ist fast doppelt so hoch wie in Dortmund. Marco Reus treibt seinen Preis nach oben. Es ehrt ihn, wenn er nichts sagt um weitere Unruhe zu vermeiden. Unabhängig davon ob er bleibt oder an die Isar ziehen wird, es wird sich für ihn finanziell lohnen und ich befürchte, dass er letztlich gehen wird, auch wenn die Dortmunder an ihre finanzielle Schmerzgrenze gehen wollen.
    Es gehört fast schon traditionell dazu, dass Titelgewinne nur einen Moment andauern. Einen Hype hatte ich nicht erwartet. Das einzelne Spieler noch nicht bei 100% ihrer Leistung sind, ist nachvollziehbar. Nach den Rücktritten und Verletzten musste Löw mit dem zweiten Anzug antreten, und Lehrgeld zahlen, mit der Erkenntnis, dass die Gegner nach dem WM-Titel noch heißer und motivierter geworden sind, die Deutsche Mannschaft zu ärgern und zu schlagen. Löw muss die Quali einerseits dafür nutzen neue Spieler in den kommenden zwei Jahren einzubauen und sie zu entwickeln und dabei die nötigen Punkte einzufahren. Ein Projekt was nicht ohne öffentliche Blessuren und Rückschläge verlaufen wird. Stichwort Verteidigung.
    Freuen wir uns heute auf ein hoffentlich gutes und spannendes Spiel, wo die Entschiedenheit und Leidenschaft samt Taktik gern siegen darf, gegen maschinelle Präzision.
    Es bleibt spannend!
    Hab‘ ein entspanntes Wochenende
    Stefan

  4. hildegardlewi

    Eine überwältigende Erkenntnis. Wann ist die Welt denn je gerecht gewesen? Es ist ja auch nicht die Welt, es sind die Menschen, die sich wie die Läuse im Pelz aufführen. Man könnte boshaft sagen, die ganze Welt ist total verlaust! 😦

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