Gouvernance und Change

In den Sphären des Managements offenbart sich das Leid der Gesellschaft. Kaum eine Erscheinung der Sozial- und Psychopathologien schafft es nicht in die Welt des Managements. Das ist gut so, weil es somit zu einem Labor für den Zustand der Gesellschaft wird. Denn über die individuellen Erscheinungsformen hinaus, die sich äußern in Egozentrismus, Statusdenken, bürokratischem Kannibalismus und Haftungslogik, aber auch in intelligentem Funktionsdenken und strategischer Kompetenz, sind es vor allem die verschiedenen historischen Wellen, die das Management durchziehen, die einen hohen diagnostischen Wert haben.

Und bitte keine Ausreden! Bitte nicht der Verweis auf das für alles verantwortliche Amerika. Denn nur allzu zuverlässig ist die Kopie der Moden aus den Management-Lehren der USA, zeitversetzt um ein halbes bis ein Jahrzehnt. Da wäre immer genug Zeit, um sich auch für ein Nein zu entscheiden. Aber meistens ist es ein beherztes Ja, das dürftig wirkt in der Dimension der eigenen Souveränität. Das deutsche Management folgt den Lehren aus Übersee. Daran hat sich nichts geändert.

Die damit verbundenen Anglizismen sind damit erklärt und sollten nicht von deutsch-nationalen Sprachtümlern skandalisiert werden. Zumeist ist die Kritik dann auch noch doppelbödig. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Wichtig ist, dass die Retrospektive der einzelnen Wellen eine radikale Reduktion von Komplexität zulässt und somit deutlich macht, welche Slogans des Zeitgeistes das Arbeitsleben dominieren sollten.

Da wurde in den letzten Dekaden von einem Management by Objectives gesprochen, als das strategische Denken als defizitär empfunden wurde. Lean Management wiederum war der Auftakt für die Finanzkapitalisierung, d.h. nicht nur Arbeitsvorgänge, sondern auch alle Betriebsteile wurden taylorisiert. Die partizipativen Strömungen setzten im Management ein, als die Demokratisierungstendenzen in den Gesellschaften bereits Eingang gefunden hatten und die Legitimation von Entscheidungen in den Betrieben einen immer höheren Stellenwert einzunehmen begannen. Dem folgte das Zeitalter der Transparenz, welches sich unter Termini des Management by Open Door etc. bekannt wurde. Es symbolisiert den Bankrott des Vertrauens in Funktionen und Institutionen, welcher das digitale Zeitalter kennzeichnet. Der Konnex von Gesellschaftspolitik wird mit jeder der erwähnten Epochen deutlich.

Somit ist die andere Welt, als die das Wirtschaftsleben so gerne beschrieben wird, doch Teil dieser einen Welt, in der alle leben. Die Produktionsweise bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein. So lautete das Axiom der politischen Ökonomie. Und der notwendige Zusatz kam ein Jahrhundert später aus der Psychoanalyse. Er besagte, dass das gesellschaftliche Bewusstsein seinerseits auch wieder die Produktionsweise bestimme. Die Theorien des Managements reflektieren somit nolens volens einen gesellschaftlichen Zustand, der in der betrieblichen Realität aufschlägt. Die Auseinandersetzung damit ist sehr aufschlussreich, dokumentiert sie doch die Konzeption derer, die die Macht haben, wie sie sich mit den wandelnden Phänomenen auseinandersetzen wollen.

Die Periode des Change Management, als die die gegenwärtige beschrieben werden muss, weist dabei eine Besonderheit auf. Umschrieb sie zunächst nur Anpassungsprozesse an technische Innovation, ist sie längst zur Bezeichnung eines Paradigmenwechsels in der Steuerungslogik mutiert. Politisch korrespondiert das Change Management mit dem Wandel der Theorie des Gouvernments hin zur Gouvernance. Das ist die Verinnerlichung der Regierungslogik auf die praktischen Handlungsfelder eines jeden Individuums. Michel Foucault hat diese Betrachtungen sehr dezidiert beschrieben. Im Change Management unserer Tage schlagen sie in der Betriebsrealität wieder auf.

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