Toleranz ohne Prinzip?

Alljährlich, im November, geht es nicht nur auf die Friedhöfe. Nein, die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben es sich zur Tradition gemacht, ein besonderes Thema von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Die Kriterien für die Auswahl der Themen liegen nicht offen, die Abfolge ist zuweilen etwas skurril, wenn nach dem Tod die Toleranz folgt. Wie dem auch sei. Der Vorwurf an die staatlichen Monopolmedien, nicht mehr als Faktor demokratischer Kontrolle zu agieren, sondern zunehmend Positionen zu beziehen, die eher an Hausverlautbarungen der Macht erinnern, muss auch anhand der Themenwochen näher beleuchtet werden. Dient dieses Format der Aufklärung und moralischen Bildung, oder entmächtigt es diejenigen, die es erreichen soll?

Die gegenwärtig in der ARD angelaufene Sendungswelle zum Thema Toleranz ist hoch spannend, weil es um eine der brisantesten Fragestellungen in einer globalisierten Welt geht. Trotz der Diversität gesellschaftlicher Erscheinungsformen und trotz einer Interdependenz nahezu aller Handlungsfelder muss international, national, gesellschaftlich wie individuell ein Modus Vivendi gefunden werden, um Kommunikation und Interaktion zu gewährleisten. Kommunikation und Interaktion gelingen nur, wenn die Interagierenden das Prinzip der Gegenseitigkeit als Basis für den Verkehr anerkennen. Das ist in einer Welt, in der zunehmend fundamentalistische Heilsbringer unterwegs sind, nicht immer gegeben und das macht die Sache so schwer.

Toleranz ist wahrscheinlich das höchste Gut der Aufklärung. Es ist daher ratsam, sich des Verständnisses zu bemächtigen, das sie bei Protagonisten wie Immanuel Kant generierte. Die Grundlage für das Prinzip der Anerkennung der Verschiedenheit entsprang der Annahme, dass es unterschiedliche Wege zur Wahrhaftigkeit gäbe. Kant ging davon aus, dass bei dem Prozess der gesellschaftlich rechtschaffenden Verhaltensweise unterschiedliche Wege und selbstverständliche Irrtümer einzukalkulieren seien. Der gemeinsame Wille jedoch zöge die Linie, ob Toleranz zu walten habe oder Standhaftigkeit erforderlich sei. Diese Erkenntnis hat sich zwar bis in die neuesten Ansätze der Kommunikationsforschung gehalten, bei denen von einer gemeinsamen Intentionalität als Voraussetzung gelingender Interaktion gesprochen wird, nicht aber bis in die intellektuellen Gemüsebeete der Political Correctness.

Vieles, was bereits zur Unterstützung des ARD-Programms in den Radiosendern eingespielt wurde, deutet in eine Richtung, die mit der aufklärerischen Dimension der Toleranz nichts gemein hat. Toleranz in dem geschilderten Sinne ist eine Hochleistung an Duldungsdisziplin angesichts sehr genau beschriebener Prinzipien, denen sich das Individuum wie die Gesellschaft verpflichtet fühlt. Toleranz, wie sie nun kolportiert wird, ist Duldsamkeit ohne Prinzip. Duldsamkeit ohne Prinzip jedoch ist das Schlimmste, was in einer Demokratie geschehen kann. Ohne Klarheit darüber zu besitzen, was der Zweck des gesellschaftlichen Prozesses ist, dem alle unterliegen, wird die Verabsolutierung der Duldsamkeit eine Referenz für das Untertanentum.

Folglich wird sehr genau zu beobachten sein, inwieweit in den geplanten Beiträgen eine gemeinsame Intentionalität nicht nur eingefordert, sondern auch beschrieben wird. Unterbleibt dieses, dann haben wir es mit einem Propagandastück zur Unterwerfung zu tun. Die politische Programmatik, alles zu erdulden, ohne zu fordern, ist ein dreistes Stück. Die spannende Frage wird sein, ob es aufgeführt werden wird und wenn ja, mit welchem Erfolg. Die spirituelle Essenz der bürgerlichen Gesellschaft, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, wäre passé. Was dann übrig bleibt ist Despotie, ein Prinzip der Willkür, das sich definiert aus der Wehrlosigkeit derer, die es ertragen müssen.

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3 Gedanken zu „Toleranz ohne Prinzip?

  1. ausgesucht

    Aber ist es nicht so, daß „Toleranz Duldsamkeit aus Prinzip ist”? Gibt es eine Toleranz ohne Prinzip? Ist in diesem Fall nicht Akzeptanz ohne Prinzip (eher noch: ohne Bewußtwerdung) gemeint?

  2. zeilentiger

    Ich habe diese Beiträge nicht gesehen, aber an diesem Satz „Die politische Programmatik, alles zu erdulden, ohne zu fordern, ist ein dreistes Stück.“ gibt es wohl nichts zu rütteln. Und ich merke gleichzeitig, wie schwer es *mir* fällt, Standpunkte zu vertreten: ein bereits verinnerlichtes Programm der Duldsamkeit? Aber nein, das mag eine ganz individuell bedingte Sache sein. P.S. Auch Aufklärung konnte intolerant sein. Aber darüber brauchen wir wahrscheinlich nicht zu reden.

  3. monologe

    Naja, da müsste sich erstmal herumsprechen, dass die Alternative zur Toleranz, das Gegenteil, nicht die Intoleranz, sondern die Standhaftigkeit ist. Nicht auf der Standhaftigkeit bestehen, das ist vielleicht Toleranz? Wir hatten ja Grundsätze, haben aber nicht darauf bestanden. Hätten wir darauf bestanden – was dann? Vielleicht haben wir gar keine andere Wahl als Toleranz. Ist immerhin besser, als die andere Wange hinhaltend standhaft zu bleiben, weil diese Standhaftigkeit bloß Rumstehn bedeutet wie Toleranz bloß Wegsehen und Weitergehen. OK, es hat uns nicht gefallen, wir hatten ein mulmiges Gefühl, wir haben keinen Beifall geklatscht. Toleranz ist nicht so peinlich, albern, dumm und lächerlich. Lebe dein Leben wild und gefährlich, Arthur!

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