Dostojewski und der Inquisitor

Nahezu täglich erreichen uns Nachrichten, die die Sprache verschlagen lassen. Mal werden Menschen liquidiert, weil sie zum falschen Augenblick am falschen Ort waren. Mal kommen sie um, weil sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Mal ist es ihre ethnische Zugehörigkeit, die sie dem Tode weiht, mal ihr Glaube, mal ihr Geschlecht und mal die von ihnen gewählte Lebensweise in welcher Hinsicht auch immer. Verantwortlich für die Exzesse des Mordes sind zumeist Überzeugungen. Vermeintlich. Zumeist sind es Eiferer, egal welcher Couleur, die sich in ihrer Überzeugung dazu bemächtigt fühlen, das Urteil über Leben und Tod anderer sprechen zu dürfen. Gleich den schrecklichen Inquisitoren der Vergangenheit wüten sie durch unsere Tage. Sie geben vor, im Sinne einer besseren, guten Sache unterwegs zu sein. Was sie hinterlassen, ist Angst und Schrecken. Ihr Terror lähmt nicht nur das zivile Leben, ihr Terror tötet auch den Diskurs über das Leben.

Die Nachrichten, die uns immer wieder erreichen, bedürfen einer bestimmten Grausamkeit, um es als wert betrachtet zu werden, über die Kommunikationskanäle verbreitet zu werden. Die Quote einer verbreiteten Nachricht entsteht auch über die zu erwartende Größe des Schocks, die sie auslösen. Wie die Busreisenden, die von neuzeitlichen Inquisitoren gefragt wurden, ob sie Verse aus dem Koran aufsagen konnten. Bei Verneinung Kopfschuss. Das wirkt, weil es eine Qualität hat, die in unserem Alltag nicht zu finden ist. Aber es gibt natürlich auch hier, mitten unter uns die Muster, die mit so etwas korrespondieren. Egal, um welchen Konflikt es geht, die Großmeister der reinen Lehre sind schon unterwegs. Auch unsere Gesellschaft ist voll davon. Political Correctness wird genauso als Hexenhammer gelesen wie die katholische Sittenlehre damals und heute. Konfliktäre Positionen in politischen Fragen erleiden das gleiche Schicksal. Wer dort, wo die Macht entschieden hat, ein Fragezeichen macht, darf sich nicht wundern, wenn es ihn ereilt. Geschlossene Gesellschaft, Ausgrenzung, Hohn. Wer dort, wo der Mainstream seine Marken gesetzt hat, ein anderes Leben bevorzugt, wird schnell erfahren, was es mit der Toleranz auf sich hat. Plötzlich fletschen Musterdemokraten die Zähne und werden hysterisch. Nicht, weil die Demokratie bedroht wäre, sondern weil die Bequemlichkeit in Gefahr ist.

Es macht keinen Sinn, die vielen Beispiele vom radikalen, physischen bis zum psychischen, kulturellen Terror durchzuspielen, weil es keine Empörung erzeugte, die praktische Folgen hätte. Aber, und das ist eine Vorstufe praktischer Folgen, es macht Sinn, sich Gedanken über das Konstrukt zu machen, das dort wirkt. Was treibt die an, die vorgeben, Andere von etwas Besserem überzeugen zu wollen und gleichzeitig, quasi im gleichen Atemzug, alles Andere von dieser Erde vertreiben zu wollen? Wie immer ist es da sehr hilfreich diejenigen zu befragen, die das alles schon einmal durchlebt haben.

Dostojewski war so einer. Im fünften Buch seines Romans Die Brüder Karamasow trägt Ivan seinem Bruder Aljoscha ein Poem vor. In Wahrheit handelt es sich um einen Traum, den er auswendig gelernt hat und den er Der große Inquisitor genannt hat. Eigentlich geht es darin um den Begriff der Freiheit und wie sie durch Eiferer gefährdet wird. Die Quintessenz hinsichtlich des Wesens des Großinquisitors, der für die Gefährdung der Freiheit steht, lässt sich in einem Satz zusammenzufassen: Der Inquisitor glaubt nicht an Gott, das ist sein ganzes Geheimnis!

Treffender kann es nicht formuliert werden.

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8 Gedanken zu „Dostojewski und der Inquisitor

  1. pgeofrey

    Überzeugungen sind schlimmere Feinde der Wahrheit als Lügen.
    Noch nie hängte sich die Wahrheit an den Arm eines Unbedingten.
    beide F. Nietzsche

    Klasse formuliert!

  2. monologe

    Mehr „Freiheit“ als die, höchstpersönlich und eigenhändig zu morden, kann man nicht erkämpfen. Sie ist die höchste und am intensivsten gefühlte, jede andere muss vor dieser bestehen auf Gedeih und Verderb – kannst du im Kino sehn. Als es in den „Entwicklungsländern“ noch einzelne Diktatoren und Tyrannen gab, war die Sache klar, blutig usw. waren sie wohl, aber geschäftsfähig. Seit der Demokratisierung der Diktatorenlust, der Quantifizierung der Tyrannen, die weniger Ketten sprengten als vielmer lustvoll trotzig Gesetz und Maß, um fleißig den Beweis zu erbringen, es ist möglich, scheinen die Gründe faul. Sie scheinen keine Legitimation herzugeben. Braucht es eine? Die Berufung auf Gott ist eine Abkürzung, die der Fortschritt nach Sturz und Höherhängen gottgleicher Tyrannen genommen hat. Der Schrecken scheint von der „Unvorstellbarkeit“ auszugehen, dass es die Menschenbestie sein könnte, in Demokratien ausgebrütet, gebildet in Demokratien, kulturbereichert in Demokratien, wortwörtlich orientiert an Demokratien, die man doch empathisch brüderlich auf den „Weg in die Demokratie“ geleitet hat. Ewige Verdrängung der Realität, Selbstgerechtigkeit. Ihr Tun, so grausam es ist, ist ebenso „gerecht“ wie jedes andere, das um Freiheit und höhere Ideale opfert. Ob die an Gott glauben bei dem, was sie tun oder nicht ist sicher nicht unser Problem, unsers ist, woran wir glauben bei dem, was wir tun.

  3. Wunderwaldverlag

    Hat dies auf Wunderwaldverlag rebloggt und kommentierte:
    Hm. Wieso muss ich nach dieser Lektüre an die unsäglich inhaltlose Debatte von „guter“ und „schlechter“ Literatur denken, die mich immer wieder ereilt, weil ich als Verlegerin bestimmte Möglichkeiten der Distribution nutze, die gemeinhin als DKZV bezeichnet werden, ohne irgendeinen DKZ zu verlangen? Seltsam …

  4. Reactionär

    Ihr Text ist vernünftig, aus der Sicht eines Nihilisten. Allerdings müssen sie aufpassen, nicht in eine Diktion zu verfallen, die mich an eben solche Fundamentalisten erinnert, die Sie hier – mit einigem Recht – verurteilen: Man kann nämlich alles auf die Spitze treiben, radikalisieren und Alleinvertretungsanspruch auf die absolute Wahrheit seines eigenen Denkens erheben. Auch den Nihilismus. Ich versuche es in dieser Beziehung mit Aristoteles zu halten, der seinem Sohn Nikomachos einen guten Rat mit auf dem Lebensweg gab: „Versuche in allem, was Du tust, Maß und Mitte zu halten.“

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