Der Tod des Flaneurs

Das Bild derer, die die Welt in sich aufnehmen und auf sich wirken lassen, um ein Begriff von ihr zu bekommen und sie zum Teil erklären zu können, hat sich im Laufe der Geschichte verändert. Das ist nur logisch, denn die Umstände, die die verschiedenen Zivilisationen produzierten, wiesen die Individuen in sehr unterschiedliche Perspektiven. Der antike Philosoph Europas unterschied sich nicht sonderlich von seinen spirituellen asiatischen Pendants und auch nicht von den Weisen anderer Hochkulturen auf anderen Kontinenten. Ihre Erklärungswelt lag in den Bewegungsläufen der Natur. Daher entsagten sie mehrheitlich der zivilisatorischen Störung, wie sie diese empfanden. Mit Nationenbildung und Verstaatlichung durchliefen die Zivilisationen einen entscheidenden Veränderungsprozess, der zur Folge hatte, dass die menschliche Zivilisationsstufe selbst als Erklärungsmuster und Untersuchungsgegenstand in den Fokus geriet. Die monotheistischen Religionen sind wohl das mächtigste Abbild hierarchischer Herrschaft.

Die Aufklärung sollte Licht in das entsetzliche Abgleiten menschlicher Erkenntnis in die Dunkelkammern der eigenen Machenschaften bringen. Die Philosophie der Aufklärung wählte deshalb den Weg über die Naturwissenschaften, um aus dem Tunnel wieder herauszukommen. Das gelang zum Teil, denn eine entscheidende Hürde war in der emotionalen Unfähigkeit vieler Menschen begründet, die gewonnenen Erkenntnisse, die auf einem freien Willen begründet waren, weder umsetzen zu können noch zu wollen.

Das, was als Industrialismus und Moderne bezeichnet wird, brachte eine zivilisatorische Konzentration hervor, die die naturwissenschaftlich prolongierten Erkenntnisse der Aufklärung wieder verschlüsselte. Alles, was folgte, widmete sich den Erscheinungen des Prozesses der Zivilisation. Das plumpe Hilfsmittel menschlicher Entwicklung, die Technik, erhielt einen nie geahnten Status. Je höher der Organisationsgrad von Wirtschaft und Staat wurde, desto stärker wurde der Eindruck, dass gerade die Technik das Wesen der Dinge sei. Technik bekam einen eigenen Charakter, der immer entfremdeter von der menschlichen Schöpfung einen eigenen Weg zu gehen schien. Plötzlich griff die vermeintliche Erkenntnis um sich, das Wesen des Daseins sei die Technik selbst. Die Erklärung der Welt wurde verwechselt mit der Entschlüsselung einer zivilisatorischen Krücke. Das technokratische Zeitalter war geboren und sein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Nicht, dass die ganze Moderne und alles was ihr zu folgen schien arm gewesen wäre an Versuchen, diesen Fluch zu durchbrechen. Einerseits versuchten die radikalen Ökonomen, das Wesen der wirtschaftlichen Organisation und Funktion zu durchdringen. Sie bedienten sich dabei wissenschaftlicher Kategorien, die sich notwendigerweise an das logische Instrumentarium der eigenen Disziplin halten mussten. Daher ist es aus heutiger, bescheidener Sicht nicht verwunderlich, dass sie analoge Gebilde wie die analysierten hervorbrachten. Ein anderer Versuch, der nahezu kuriose Anfänge beinhaltete, war der, durch nahezu rauschhafte Sinneswahrnehmung zivilisatorische Impressionen zu sammeln, um sie zu dekonstruieren und zu rekonstruieren. Der erste Versuche dieser Art war Walter Benjamins Haschisch in Marseille, die logische Folge das Pariser Passagenwerk desselben Autors. In letzterem schuf er den bis heute letzten philosophischen Versuch, die Moderne mit ihrer orkanartigen zivilisatorischen Entwicklung zu entschlüsseln. Benjamins dezidiert genannter Protagonist dieses Prozesses war der großstädtische Flaneur, der wachen Auges durch die Passagen und Korridore des zivilisatorischen Konzentrats wandelt und assoziativ nach neuen Wegen der Erkenntnis sucht.

Allerdings haben sich nicht nur die Formen der Mobilität verändert. Die Frage ist, ob sich aufgrund der von den Organisationsformen immer enger verwalteten Zeitkontingenten, die davon abhalten, die Rolle des Flaneurs einzunehmen, nicht auch die Fokussierung des menschlichen Blickes die Fähigkeit der Sinneswahrnehmung erheblich eingeschränkt hat. Der Blick auf Smartphones und Tablets, selbst beim Laufen in der Stadt, legt die Vermutung nahe, dass der Flaneur schon lange tot ist. Zumindest der, der zur Welterkenntnis beitragen könnte.

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10 Gedanken zu „Der Tod des Flaneurs

  1. hildegardlewi

    Wenn man die „Flaneure“ beobachtet, die sich in Gegenden bewegen, die geschichtsträchtig oder auch nur aus anderen Beweggründen interessant sind, erinnert es mich an den Almabtrieb bei Garmisch-Partenkirchen vor einer Menge von Jahren. Die schauen nicht rechts, die schauen nicht links, aber sie wußten, an welcher Stelle sie die Herde verlassen müssen. Ich habe auch schon längere Zeit keine fotografierenden Japaner mehr bemerken können. Aber ich habe mich schon einige Male sehr nett mit sehr jungen Russen unterhalten, deren Großväter am Endkampf um Berlin beteiligt waren, und oft haben wir dann zusammen auf einer Bank gesessen, um gemeinsam zu weinen.

  2. alphachamber

    Interessante und lesenswerte Betrachtungen nur hier stimmt es nicht:
    „…Der antike Philosoph Europas unterschied sich nicht sonderlich von seinen spirituellen asiatischen Pendants…“
    Die Unterschiede der geistigen Konzepte könnten größer nicht sein – und prägen ihre kulturellen Institutionen bis heute. Der asiatische Pragmatismus, aus dem Konfuzianismus, erzwang den Untergang Chinas, um dann sogar selbst die radikale Kulturrevolution zu überleben. Der abendländische Geist seit der Antike folgte stets einem revolutiönaren Vektor, der asiatische einem reaktionären.
    Nette Grüße

    1. Gerhard Mersmann

      Die Aussage war, dass sie ihre Erklärungen in der Betrachtung der Natur suchten. China hat eine Sonderrole, weil dort die „zivilisatorischen Störungen“ weit früher einsetzten. Zudem war die nicht-europäische Orientierung sogar eher kosmologisch. Die Zuweisung fortschrittlich und reaktionär ist mir zu früh. Warten wir mal noch einige Hundertjahre ab!😄

      1. alphachamber

        Was genau meinen Sie mit „zivilisatorischen Störungen“?
        Übrigens: Der Konfuzianismus und Taoismus sind eher moralische Gemeinschaftslehren und beschreiben Beziehungen, vom Einzelnen bis zum Staat. Auch der Budhismus enthält weniger „Kosmisches“, als Natürliches. Selbstverständlich ist die Einschätzung in Vektoren eine Generalisierung. Wenn man diese nicht nach 2000 Jahren machen könnte, ließe sie sich nach einigen Jahrhunderten ebensowenig zuverlässig machen, mMn.

      1. pgeofrey

        Mir hat ein besseres gefehlt 😉

        Aber ist Müßiggang nicht immer etwas subversiv. Man könnte zum Nachdenken kommen und Hinterfragen und schließlich zum Widerspruch…

        So ist es besser geregelt: Kinder-Grippe, Kita, Ganztagsschule mit zwei berufstätigen Eltern, dann G8 mit zwei Stunden Hausaufgaben, dann Studium oder sozialem Abstieg, dann Karierre oder Aufstocker-Job, späte Rente so mit 70 (oder wie Herr Sinn meint, gar kein Renteneintrittsalter). Und, wenn dann noch die Patientenverfügung, stimmt ist die Renten- und die Krankenkasse glücklich.
        Ne, im industrialisierten Dauer-Power-Dasein ist Müßiggang gefährlich und der Tod des Flaneurs ein Politikertraum.

  3. hildegardlewi

    Habe ich nun den ganzen Sinn nicht begriffen? Von Kindheit an bin ich (resp. habe ich) gemeinsam mit Eltern und Großmutter flaniert, wie viele Zeitgenossen auch. Man flanierte – begab sich in andere Gegenden, nahm das Umfeld in sich auf und tauschte Eindrücke und Gedankengänge. Rief sich geschichtliche Ereignisse ins Gedächtnis und hatte dann abends zuhause noch lange Gespräche. Zum flanieren hatte man sich auch immer sehr adrett gekleidet und es machte sich stets so eine besondere Art von Hochstimmung breit. Und unterwegs traf man eine Menge weitere Flaneure. Heutzutage wälzt sich auch am
    Sonntag eine völlig desinteressierte Hammelherde selbst an historischen Orten
    im Schlenderschritt durch die Gegend und wirft auch Blicke nach beiden Seiten, ich will nicht
    bestreiten, daß sie auch Wahrnehmungen haben, aber welche? Besonders in letzter Zeit sind mir einige amerikanische jüdische alte Paare begegnet, die hier in einer Residenz zur Zeit Quartier haben, und das sind „Flaneure“. Sie entdecken die Reste und erinnern sich Gegenseitig an Orte, die sie kannten, denn es war ja in ihrer Jugendzeit „Ihr Berlin.“ Und ich hatte da ganz reizende Begegnungen, Gespräche, Gedankenaustausch – und sie haben mit strahlenden Augen sogar einen kleinen Band von mir angenommen. Zum flanieren läßt man sich eben Zeit. Und letztlich stellt sich doch nur heraus, was man heute von einem einzelnen Menschen erwarten kann. Und das wissen wir ja letztlich alle. Aber gleich so einen Riesenbogen zu spannen ist einfach irreal in meinen Augen.

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