Archiv für den Monat Dezember 2014

Was wird morgen sein?

Ein entscheidender Unterschied zum Einzeller ist die Zukunft. Auch wenn diese Dimension existenziell immer auf dem Trugschluss aufgebaut ist, das Leben währte für immer, so ist sie eine entscheidende Kategorie bei der Beurteilung menschlicher Qualität. Diejenigen, die bei all dem, was sie tun und planen das Räsonnement im Kopf haben, was ihre Taten denn in der Zukunft bewirken, haben zumindest eine strategische Kompetenz aufzuweisen, ob sie ethisch begründet ist, steht dann noch zu bewerten. Menschen, Organisationen und Parteien sind sehr gut unter diesem Aspekt zu durchleuchten. Und wie immer im Universum, die Ergebnisse sind erschreckend, moderat und hoffnungsvoll zugleich.

Nun, am Ende eine Jahres, kommt noch etwas hinzu, dass die Übung erleichtert. Menschen und Organisationen ziehen Bilanz, bevor sie planen. Was war gut, gar erfolgreich, und was hat sich als Fehler erwiesen oder zu Niederlagen geführt. Da ist manchmal ein Jahr wesentlich zu kurz, um dieses gleich beantworten zu können. Denn die Geschichte, auch die kurze menschliche, hat manchmal größere Dimensionen, als es die Betrachtenden vermuten. Erinnert sei an das weise Wort Karl Liebknechts, kurz bevor er erschlagen und in den Landwehrkanal geworfen wurde: Und es gibt Siege, verhängnisvoller als Niederlagen, und Niederlagen, wertvoller als Siege. Allein diese Klugheit dokumentiert, warum dieser Mann in der verhängnisvollen deutschen Politik keinen Platz hatte.

Im Alltag, jetzt, wo es bereits jeden Tag einen Hahnenschrei früher heller wird und, steht man früh genug auf, wenn nur die Raben davon zeugen, dass noch Leben auf der Erde ist, genau jetzt erleben wir unsere Mitmenschen, wie sie auf das neue Jahr blicken und sich vornehmen, was sie verändern wollen. Ist es ein ritueller Vorsatz, dann ist es gut, aber belanglos. Denn Rituale haben ihre Funktion. Ist es ein Plan, der eine Veränderung strukturiert, dann sollten wir das unterstützen, weil es ein hohes zivilisatorisches Gut ist, das wir hier zu verteidigen haben. Die Anzahl derer, die an der Zukunft arbeiten, ist ein zuverlässiger Indikator für die Potenziale, über die eine Gesellschaft noch verfügt. Dazu gehört, wie formuliert, die Planungsrationalität, dazu gehören aber auch Träume. Denn wer von der Zukunft träumt, dessen Hirn liegt noch nicht im Eisfach der Gegenwart.

Der Revers zu diesen Überlegungen ist in der Berliner Politik zu finden. Eine Nomenklatura, die während der größten Finanz- und Wirtschaftskrise mit der Aussage reüssierte, man fahre auf Sicht, dokumentiert nicht unbedingt die zivilisatorische Qualität, von der hier die Rede ist. Und bei Betrachtung der Felder, die sowohl der Größe als auch der wirtschaftlichen Kraft dieses Landes entsprechen, ist die Suche nach einer in die Zukunft weisenden Kontur vergebens. Weder im Hinblick auf die energetische Versorgung dieses Landes, oder der Perspektive für Millionen Menschen, die die Digitaltechnologie ausgespuckt hat, noch bei Brandherden wie der Ukraine, Syrien oder, zu befürchten, auf dem Balkan, finden sich programmatische Aussagen, die auf ein Konsens fähiges Politikmodell hinweisen.

Da kann vermutet werden, dass das Kalkül ist und gar nicht an den mangelnden Fähigkeiten liegt. Das nützt nur nichts, denn dann wäre es Betrug. Unter dem Strich fehlt die politische Plattform in dieser Gesellschaft, auf der die Zukunft beschrieben wird. Das ist ein schwer wiegendes Defizit, das alle, die über Regungen strategischer und ethischer Kompetenz verfügen, nicht so hinnehmen dürfen. Was wird morgen sein? Diese vermeintlich kindliche Frage ist revolutionär bis zum Anschlag.

Eine Ikone, die den Namen verdient

Freddy Cole. Singing the Blues

Es kann alles so einfach sein. Wenn das Können da ist und die emotionale Voraussetzung. Ein wesentlich jüngerer, nämlich Jimi Hendrix, brachte den Blues einmal sehr folgerichtig auf den Punkt: It´s easy to play, but hard to feel. Einer derer, die schon lange in den Geschichtsbüchern des Genres stehen, aber noch längst nicht abgedankt haben, ist Freddy Cole. Geboren 1931 in der Blues-Metropole Chicago, trat er schon im Alter von sechs Jahren auf. Der Pianist und Sänger, nebenbei der Bruder von Nat King Cole, ging seitdem seinen Weg. Er blieb über die Jahrzehnte dem Blues treu. Seine Stationen können Folianten füllen, begonnen hatte er mit Earl Bostic und Groover Washington. Bis heute steht er aus der Bühne und gilt als die reifste Stimme des zeitgenössischen Blues in den USA.

Da liegt es nicht unbedingt fern, dass der nunmehr 83-Jährige Musiker mit einer neuen CD seinem Genre eine Referenz erweist. Unter dem alles sagenden Titel Singing the Blues liegen neue Aufnahmen vor, die ein Stadium der Reife dokumentieren, das seinesgleichen sucht. Ein Mann, der derartig in der Tradition des Genres steht, vergisst natürlich seine Wurzeln nicht. Folglich wird das Album eröffnet mit einem Muddy Water Blues, einer Hommage an denjenigen, der nahezu paradigmatisch aus dem Mississippi-Delta den Weg nach Chicago suchte, um in der nördlichen Industriemetropole seine Marken zu setzen, die bis heute wirken. Das auf diesem Titel Dargebotene ist alles andere als eine romantische Verklärung, sondern eine viel sagende Referenz an den atemlosen Rhythmus des Industriezeitalters, wodurch der Blues als eine Blaupause für den Jazz gesichtet wird.

This Time I´m Gone For Good dagegen konserviert die emotionalen Botschaften dieser immer noch agilen Gattung. Freddy Cole singt das Programm des Gehens, um überleben zu können mit seiner samtweichen sonoren Stimme, die die Unausweichlichkeit dieser Botschaft wie ein Mantra unterlegt. Another Way to Feel wiederum könnte auch in den allen Hotelbars dieser Welt ertönen, einerseits wegen seiner Unverbindlichkeit, teils aber auch als eine intonierte Sehnsucht all derer, die entwurzelt um den Globus rasen. Goin´Down Slow, eine der Hymnen des Blues überhaupt, erfährt durch Coles Interpretation den Status der Altersweisheit, All We Need is a Place, ein Blues im Herzschlagrhythmus, greift das Thema der ungewollten Mobilität wieder auf und macht thematisch deutlich, wie viele der Standards des Blues durchaus in unsere heutigen realen Lebenswelten hineinreichen. Singing the Blues, der Titelsong, zeigt die Raffinesse, mit der der erstklassige Arrangeur Freddy Cole an seine Stücke geht. Das gegen die vokale Melodielinie arbeitende Saxophon verleiht dem Stück einen deutlichen Zugang zum Jazz, nicht wegen der Instrumentierung, sondern wegen der assoziativen Korrespondenz zum Gesang.

Singing the Blues ist mit seinen insgesamt 11 Titeln von seiner Qualität her eine Rarität. Zusammen mit dem Tenor-Saxophonisten Harry Allen, dem Bassisten Elias Bailey und dem Schlagzeuger Curtis Boyd ist es Freddy Cole gelungen, mit der Leichtigkeit des Seins viele bekannte Weisen so zu inszenieren, dass das Altbekannte jeglichen Staub verliert und genau die Aspekte freilegt, die nach wie vor große Aktualität genießen. Musikalisch ist es zudem ein einzigartiger Genuss. Freddy Cole ist eine Ikone, die den Namen verdient.

Zwischen Kriegstreiberei und Appeasement

Die Dresdner Montagsdemonstrationen, die unter dem Namen Pegida vonstatten gehen, haben sich nicht nur als eine rechtsradikale Angelegenheit, sondern auch als ein Wanderzirkus entpuppt. Die steigenden Teilnehmerzahlen sind in starkem Maße auch auf Demonstrationsreisende zurückzuführen, die aus der ganzen Republik erscheinen. Das sind zumeist alt bekannte Rechtsradikale aus den unterschiedlichsten Organisationen und Regionen. Es zeigt, wie attraktiv eine rechte Renaissance für einige doch ist und es verdeutlicht, dass Dresden mit seinem Potenzial wohl an der Obergrenze steht. Es relativiert, aber es beruhigt nicht.

Zunehmend wird deutlich, dass die formulierten Ziele der dortigen Bewegung eine Politisierung des Futterneides darstellen. Mit dem Mantra, die Ausländer fressen uns hier alles weg, reklamiert eine Region, die seit der Wiedervereinigung mit die größten Transferleistungen erhalten hat, dass dieses so bleibt und kein noch so bedürftiger Flüchtling egal von wo aus der Welt der sächsischen Selbstverständlichkeit ein Ende bereiten darf. Die Botschaft ist so gut angekommen, dass die politische Konsequenz sehr einfach sein dürfte. Der sofortige Stopp jeglicher Transferleistungen nach Sachsen, bis der ganze Spuk ein Ende hat, wäre die einzige Maßnahme, die sofort griffe und demonstrieren würde, dass man es ernst meint. Wer jetzt dagegen davon schwafelt, man müsse die Ängste und Sorgen derer, die dort demonstrieren, ernst nehmen, ist Bestandteil des Problems.

Resolutionen kreisen, in denen gegen das Unding Pegida mobilisiert wird. Das ist gut und zeigt, dass jenseits der sich zunehmend entlarvenden Politiker aus der ehemaligen DDR so langsam wieder ein Impuls entwickelt, der das vegetative Nervensystem der Demokratie belebt. Aber auch hier sollte die Freude über die spontane und zahlreich zum Ausdruck kommende Bewegung nicht darüber hinweg täuschen, dass die politische Schlagkraft solcher Solidarisierungswellen relativ ist. Vielen, die sich hier eintragen, ist die Dimension der Notwendigkeiten gegenüber der Radikalisierung von Teilen der Gesellschaft nicht deutlich. Fern ab vom Ort des Geschehens ist der Mut oft ohne Risiko. Äußert sich jedoch die Repression in der eigenen Lebenssphäre, dann sind gerade die, die gegen eine Entwicklung in der Ferne so heftig protestieren, zahm wie die Lämmer und nehmen alles hin. Das ist keine Substanz. Leider ist diese Attitüde im Netz sehr weit verbreitet, für einen politische Bewegung mit einer gewissen Durchsetzungskraft reicht das nicht.

Der beste Kampf gegen Pegida, d.h. einer auf archaischen Trieben basierenden Radikalisierung der Gesellschaft, ist Zivilcourage und Widerstand in den konkreten Lebenssituationen, in denen sich Rassismus, Herrschaft und Unterdrückung äußern. Alles andere ist ein Gestus, der unter dem Strich nichts bewirkt. Das Maulheldentum ist eine wachsende virtuelle Erscheinung, die gesellschaftlich keine Veränderung mit sich bringen wird. Diejenigen, die sich jetzt wieder so wohl fühlen, weil sie es im Netz Pegida so richtig gezeigt haben, müssen bei der nächsten Gelegenheit in ihrem eigenen Umfeld darauf hingewiesen werden, dass das Phänomen, hinter dem sich Pegida verbirgt, auch in ihrer eigenen Lebenssphäre wirkt und ganz genau da, vor Ort, Courage und Widerstand erfordert.

Letztendlich ist in den letzten Monaten deutlich geworden, dass Politikerinnen und Politiker, die in der früheren DDR sozialisiert wurden, nicht in die Kontur einer modernen, demokratischen Republik, die sich in einem globalen Kontext zu bewegen hat, passen. Diese Realität muss jetzt ausgesprochen werden. Entweder, sie entwickeln sich, wie im Falle der Ukraine, zu regelrechten Kriegstreibern, oder, wie im Falle Pegida, sie formulieren eine Appeasement-Politik gegenüber dem Neo-Faschismus, die nicht minder gefährlich ist wie ihre Kriegstreiberei.