Ein amerikanischer Blick auf Berlin

Mein Gott, hat dieser Mann Sympathien beschert bekommen! Sein Buch erklomm die Bestsellerlisten und setzte sich dort wochenlang fest. George Packer, so seine Charakterisierung auf dem Klappentext, gilt als einer der besten Sachbuchautoren Amerikas, er ist festes Mitglied der Redaktion des „New Yorker“ und er hat Preise eingeheimst wie ein vorwinterliches Eichhörnchen die Nüsse. Zuletzt sogar den Fellow an der American Academy in Berlin. Der Grund für das große Lob hierzulande war sein Buch Die Abwicklung! Und das zu Recht. In diesem Buch schildert Packer gekonnt und in beeindruckender Weise, wie sehr sich der Charakter seiner USA in den letzten eineinhalb Jahrzehnten geändert hat, wie sich die Hoffnungen derer, die initiativ wurden, um zu überleben, zerschlugen und wie diejenigen, die die großen Seifenblasen produzierten, das Land weiterhin mit ihrem Unwesen beeinflussten.

Das kam sehr gut an, vor allem in einem Land wie Deutschland, das traditionell eher eine psychopathologische Beziehung zu den USA pflegt. Einerseits vertrieben die USA, natürlich mit den anderen Alliierten, Hitler und brachten Jazz, Kaffee und Kaugummi, andererseits wurden sie dadurch ein Weltimperium, das Deutschland als ein Mosaik in seiner imperialen Mengenlehre betrachtete. Alles, was die Macht dieses Landes ein bißchen anzuzweifeln scheint, alles, was dort politisch vonstatten geht, mit ein bißchen Dekadenz zu schattieren, kommt richtig gut an in Germanistan, vielleicht, weil es die eigene Bedeutungslosigkeit relativiert.

Und nun der Schock. Genau dieser George Packer weilte für längere Zeit in Berlin und er kam nicht, um einen Preis abzuholen, sondern er widmete sich seinem Beruf. Packer beobachtete das politische Berlin in seiner gewohnten professionellen Art. Das Ergebnis ist leider keine Schmeichelei. Wie spiegel online berichtete, auch das zu erwähnen gehört zum Stil, war George Packer sogar entsetzt über das, was sich vor ihm ausbreitete.

Zum einen beobachtete er die Kanzlerin. Er versuchte zu entschlüsseln und stellte fest, dass diese eigentlich überhaupt keine Politik betreibe. Vergeblich suchte er nach politischen Kernaussagen, mit denen ein irgendwie auch geartetes Programm beschrieben werden könnte, aber er fand nichts. Packer stellte fest, dass sich die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland auf minimale Aktionen zur Sicherung der Macht reduzieren lässt. Dabei, und das die zweite, Entsetzen auslösende Beobachtung des amerikanischen Journalisten, lässt das Volk sie gewähren und ist nicht einmal irritiert. Solange sich Mehrheiten in einer Bequemlichkeitszone befinden, sind sie bereit, sich das Wesen der Demokratie sukzessive abkaufen zu lassen.

Die dritte Erkenntnis, die George Packer im politischen Deutschland sammelte, war allerdings die, die ihn als Journalisten am meisten schockierte. Die Journalisten in Deutschland, so sein Fazit, nehmen den Prozess der De-Demokratisierung hin wie ein Naturereignis. Schlimmer noch, die meisten, die er traf, schienen sogar die Machtmaschine Merkel gewählt zu haben. In weiteren Deutungen tut sich der Landesfremde allerdings schwer. Er selbst sucht Erklärungen in der Geschichte Deutschlands, in der Nazi-Diktatur, dem verlorenen Krieg, der DDR etc. Da entpuppt er sich dann doch als ein Amerikaner, der zu wohl wollend auf jene blickt, die mit der Demokratie nicht soviel am Hut haben. Der Stillstand, der sich in Machterhalt manifestiert, ist keine Erfindung Merkels. Insgesamt bringt es die Republik jetzt auf mehrere Jahrzehnte, in denen der von Packer beschriebene Prozess vonstatten ging. Das Fazit, das der Amerikaner nicht zieht, ist aber notwendig. Das Einmischen muss sich verstärken, der Widerspruch lauter werden und der Journalismus, der muss regelrecht gerettet werden. Sein Zustand ist Symptom des Stillstandes. Seine Re-Vitalisierung für eine Demokratisierung lebenswichtig.

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12 Gedanken zu „Ein amerikanischer Blick auf Berlin

  1. nitmoeglich

    Wieso, lieber Gerd, nennst du die Beziehung der Leute in Deutschland in besonderer Weise zu den „Amis“ eher traditionell psychopathologisch? Also mir hat mein Vater (Jahrgang 1889) noch eingepaukt, dass die Franzosen unsere Erbfeinde wären. Allerdings rühmte er ihre Kultur, während er die Amis mit ihrer „Negermusik“, ihren Kaugummis, die überall herumklebten und ihrer „Unkultur“ verachtete, Na gut, der Kaffee – eine Tasse echter Bohnenkaffee, das hat er dann doch wohlwollend akzeptiert. Die Amis waren Besatzer und wer hat schon zu seinen Besatzern ein freundschaftliches Verhältnis? Die Beziehung zwischen den Ländern wird nun mal ganz allgemein durch ihre gegenseitigen Voruteile bestimmt. Insofern könnte man alle diese Beziehungen als psychopathologisch bezeichnen – denke ich mal so vor mich hin.

    Herzlichst
    Wilhelm

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Wilhelm,
      über die Vorzüge oder Nachteile der amerikanischen Kultur können wir trefflich streiten. Meine Welt jedenfalls wäre wesentlich ärmer ohne sie, und das betrifft Musik, Literatur und Sport. Das hat mich sehr geprägt und deshalb kann ich die Verachtung, die vor allem immer aus Deutschland gegenüber der amerikanischen Kultur geäußert wird, nicht nachvollziehen. Unsere Kulturvertreter hier sind zumeist staatlich subventioniert und ihre Kreativität wummert gegen Null. Das hält mich nicht davon ab, das Hegemoniestreben, die Doppelmoral und das militärische Verhalten der USA kritisch zu sehen. Eigentlich ist es doch ganz einfach, ohne Schwarz-Weiß auszukommen. Es scheint ein psychischer Zwang zu herrschen, der eine differenzierte Haltung unmöglich macht.
      Kordiale Grüße
      Gerd

    2. Liebe Arschlöcher, liebe Arschlöcherinnen

      Die Amis waren für Nazis Besatzer, für ängstliche Mitläufer waren sie Befreier.
      So einfach ist das.

  2. alphachamber

    Interessante Diskussion – hier ist meine Sicht:
    Packers Critique enthält schon etwas Heuchelei. Es sollte ihm klar sein – wenn er die Geschichte kennt – dass seine Nation (mit ihren Werten und Phobien) hauptverantwortlich für die Mechanismen deutscher Politik sind. Die Form des Parlamentarismus, Inhalt des GGs und Verweigerung vollständiger Souveränität, schuf großteils die heutigen Umstände.
    In dem Sinne ist „Merkel“ auch Teil eines Resultats des alliierten Umgangs mit der BRD.

    De-Demokratisierung setzt ein, wenn der „Wille zur Macht“, mit Hilfe verwaltungstechnischer Strukturen, staatlichem Interventionismus und bürokratischer Obfuskation, die ürsprünglich gewollten demokratischen Prozesse unterläuft. Wenn Packer genau hinschaut, sollte er erkennen, dass das gleiche in seiner Heimat läuft.

    Komisch finde ich seine Beobachtung, dass Kritiker für Merkel oft selbst gestimmt hätten.
    Ähnliches beobachtete ich umgekehrt, als ich damals viele Amerikaner mit gemischtem background nach G.W. Bush befragte. Bush gewann die Präsidentschaft – aber keiner wollte ihn gewählt haben 🙂
    Grüße

    1. vfalle

      Zum letzten Absatz: Die Ähnlichkeiten sehe ich auch.

      Natürlich lässt sich darüber streiten, wer für die Entwicklung „hauptverantwortlich“ ist. Dennoch bin ich für Packers Außenansicht dankbar. Ich habe übrigens nicht den Eindruck, dass er „seine Amerikaner“ für bessere Menschen hält. Das wird in seinem Buch „Die Abwicklung“ deutlich, in dem er die Rolle der Politik und die Reaktionen des US-Volkes durchaus kritisch beschreibt.

  3. pgeofrey

    Vielleicht entspricht das desinteressierte Gewährenlassen, das man der deutschen Bevölkerung durchaus nachsagen kann, jener „inneren Kündigung“, welche man aus der Arbeitswelt kennt. Im Sinn von „mag doch der ganze geschis… Konzern an die Wand gefahren werden: Zahltag, fertig und nach dem großen Knall wirds schon weitergehen.“
    Merkel war nie etwas anderes, als Lobby-Politkerin, deshalb werde ich auch nie verstehen, wie man sie wählen kann.

  4. ohneeinander

    Georg Packer ist Ihr wichtigster Verbündeter, wenn es gegen Frauen geht. In der Politik und im Journalismus. Oder?
    Der Artikel für den New Yorker ist eine lustige Inszenierung.

  5. Ferdinand Rosenbauer

    Ein bemerkenswerter Autor und Kommentar.
    Was ist aus Deutschland geworden? Ein Volk, das sich am Glühwein und der anheimeligen Stimmung auf den Weihnachtsmärkten erfreut und Gefahr läuft, anschließend auf der Nachhausefahrt von der Obrigkeit das Recht zu verlieren, das Auto zu bewegen. Ein Volk, dessen letzte angagierten Bürgern sich jetzt in den Altersheimen einnisten und grinsend aus der glorreichen Zeit als 68er berichten. Ein Volk, dessen Jugend, smartphone verliebt, die Politiker machen läßt, was diese zum Machterhalt für nötig halten. Ein Volk, das akzeptiert, daß es nach wie vor Vorbehaltsrechte der Siegermächte des 2. Weltkrieges gibt, das akzeptiert, daß es über seine eigene Verfassung nicht abstimmen darf, ein Volk, das akzeptierte, daß ihm seine Währung genommen wurde und dem es keine schlaflosen Nächte macht, daß seine Rechte als Bürger aus politischen und ökonomischen Gründen zunehmend reduziert und dessen Beamte zunehmende Rechte erhalten, die persönlichen Daten der Bürger, ihrer Arbeitgeber, auszuspähen. Auch die zunehmende Entmündigung im Straßenverkehr stört niemand. Zum Glück haben wir jetzt Putin zum Lieblingsgegner von der Politik und der Presse präsentiert bekommen. Ach, was können wir uns so herrlich ereifern über seine Taten. Im Glühweinrausch vergessen wir nur um so gerne die klassische Frage „Quo vadis Deutschland?“

  6. Stefan

    „Das Einmischen muss sich verstärken, der Widerspruch lauter werden und der Journalismus, der muss regelrecht gerettet werden.“
    Lieber Gerd, das ist leider wahr. Den Artikel von George Packer verstehe ich als Versuch einer Rekonstruktion zur Frage, wie nehmen die Deutschen Merkel wahr? Mit feiner Ironie kommt er zum Ende des Artikels zur Auflösung. Die politischen Journalisten in der Hauptstadt, die nicht viel gutes, in den von Packer geführten Gesprächen über Merkel zu berichten hatten, haben sie dennoch gewählt. Was Packer offen legt und bestürzend ist, dass einiges faul im Staate ist. Blutarme, konturlose politische Journalisten, getragen von einer Selbstzufriedenheit und eine abgestumpfte Debattenkultur…solange das Unternehmen Deutschland weiter läuft und für die meisten eine kleine Dividende heraus springt. Das Packer kein Fazit zieht, ist vermutlich gewollt, sodass die amerikanischen Leser sich ihr eigenes Bild machen dürfen. Distanz ist manchmal der beste Weg der Wahrnehmung. Passend zur Jahreszeit lässt Packer einen frösteln.
    Genieße den Abend
    Stefan

  7. vfalle

    Interessant sind auch die Beiträge, die andere Medien dazu verfasst haben.
    Ein Beispiel ist das Meedien-Magazin Meedia: http://meedia.de/2014/11/26/merkel-xxl-der-new-yorker-auf-der-suche-nach-der-deutschen-kanzlerin/

    Überrascht hat mich zudem ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS):
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-journalisten-der-kanzlerin-ihre-beste-truppe-13293640.html
    Das hatte ich von der Zeitung garnicht nicht erwartet.

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