Die Empathie des Dr. de Maizière

Die Sorgen und Ängste vieler Menschen vor den Herausforderungen unserer Zeit müssen wir ernst nehmen. So der gegenwärtige Minister des Innern, Thomas de Maizière. Das hört sich vernünftig an, bei genauer Betrachtung ist es jedoch für einen Politiker, der sich professionell um die Angelegenheiten der Allgemeinheit kümmert, eine niederschmetternde Plattitüde. Aber wahrscheinlich nimmt er es in der Regel nicht so ernst, wer weiß. Interessant ist natürlich, aus welchem Anlass der Minister des Innern plötzlich so rührselig wurde. Es waren nämlich die Demonstrationen in Dresden unter dem schauerlichen Namen Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Über zehntausend Demonstranten marschierten unter diesem Slogan durch Dresdens Straßen. Und damit nicht genug, sie skandierten auch noch den Slogan Wir sind das Volk!

Nun muss tatsächlich vieles, was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland an Einwanderung vonstatten ging, kritisch unter die Lupe genommen werden. Dabei ist allerdings sehr deutlich, dass die Menschen, die sich in diese Gesellschaft eingebracht haben, zu ihrem Wohlstand beitrugen. Das politische Design, das Zuwanderung zu regeln hat, muss allerdings als ein kleingeistiges, provinzielles und dilettantisches Gemurkse charakterisiert werden.

Es wurde in unsinnige Bürokratie investiert und Fehlentwicklungen wurden durch sozialtherapeutische Apparate festgeschrieben, anstatt Lösungsansätze zu entwickeln. So entstand eine Armee von Integrationsspezialisten, die längst eine Eigendynamik entwickelt hat, die mit dem ursprünglichen Auftrag sehr wenig zu tun hat. Und es hat eine Entwicklung gegeben, die mit traditioneller und religiöser Rückständigkeit weitaus verständnisvoller umgeht, als es angebracht zu sein scheint. Aber, und das sei gesagt, angesichts der vorliegenden Ergebnisse der Internationalisierung der deutschen Gesellschaft muss von einer positiven Weiterentwicklung gesprochen werden, die noch ganz andere Möglichkeiten in sich birgt. Und was die Dimension der Einwanderung anbetrifft, liegt Deutschland in keiner wie auch immer gearteten dramatischen Zone.

Eine dramatische Zone hingegen scheint ein Pflaster wie Dresden zu sein. Eine Stadt, die im Rahmen der Wiedervereinigung und der letzten zweieinhalb Jahrzehnte tatsächlich aus der Ruine zurück in die Prachtarchitektur aus der Vergangenheit zurück geholt wurde. Diese Stadt, die sich wunderbar für Fotoserien eignet, wenn man Steine fotografieren möchte, in der man allerdings nach lebenden Motiven suchen muss, die dazu passen. Denn es fehlen die Menschen, die mit dem steinernen Protz korrespondieren. Dort, wo der Ausländeranteil unter die Promillegrenze fällt, dort, wohin Transfermilliarden aus den Rentenkassen flossen, ausgerechnet dort mobilisieren die vermeintlichen Patrioten gegen eine Islamisierung der Gesellschaft. Entschuldigung, wer diesem Unsinn mit Verständnis begegnet, der hat entweder den Verstand verloren oder er folgt einer politischen Programmatik, die nicht minder problematisch ist als die organisierte Xenophobie.

Thomas de Maizière, der gebürtige Rheinländer, aufgrund der Rolle seines Berliner Onkels Lothar zu Zeiten der Wende schnell in den Windschatten der Kanzlerin geraten, hat die Ochsentour durch eine ostdeutsche Sozialisation konsequent hinter sich gebracht. Staatsminister im Kultusministerium in Mecklenburg-Vorpommern, dann Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Sächsischer Staatsminister der Finanzen, Sächsischer Staatsminister der Justiz und Sächsischer Staatsminister des Innern. Danach war er Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes. Als Karl Theodor von Guttenberg dem öffentlichen Druck wich, machte Merkel ihn zum Bundesverteidigungsminister, im neuen Kabinett Minister des Innern. De Maizière, Merkels Funktionsmaschine, dreht mit seinen Äußerungen an einer Schraube, die genau die Ursache für wachsende gesellschaftliche Verwerfungen ist. Er führt den Double Standard innerhalb Deutschlands ein. Für die Sorgen im Osten hat er Verständnis, in Duisburg oder Köln fordert er brachiale Härte. Der Putsch, so scheint es, hat längst stattgefunden.

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8 Gedanken zu „Die Empathie des Dr. de Maizière

  1. monologe

    Ja, wie kurios, dass Entfremdete gegen Fremdes demonstrieren. Leute, die wahrscheinlich nicht mehr wählen gehen, fürchten das, was sie nicht gewählt haben und nicht wollen. Was man nun sieht ist, dass die drehbare, digitale 1,2 Propagandamaschine, geschmeidig auf Touren gegen Russland gekommen, selbstgefällig bis an den eigenen Abgrund, die Maschine für Presskopf nach Gutherrenart, sich hier wieder als veritabel erweist und ihr Produkt für lange Haltbarkeit einschweißt. Die Mitte der gesellschaftlichen Wurst kann doch finden, dass sie eigentlich nicht mehr weiß, was gewollt, für wen die Wurstigkeit, für was, was Sache ist. Sie spürt, dass sie nur zwei Enden hat. Sie wollte vom guten her angeschnitten werden, aber nun scheints ihr egal geworden. Man kann doch finden, dass man den Politikern nicht mehr vertrauen kann, dass sie allerhand vermasseln, dass das keine Folgen hat außer einen Sitz für irgendeinen Mehdorn oder Niebel womöglich auf dem Schaden, dass es von der Lügnerei in die Verlogenheit sich entwickelt und ansteht, dass man sich um seine Angelegenheiten selber kümmert, denn es gibt keinen Ausgleich mehr. Chronologisch betrachtet kann man schon finden, dass die Ereignisse auf dem Schatten stattfinden, den sie vorausgeworfen haben.

  2. Stefan

    Lieber Gerd,
    danke für Deinen Gedanken. Es sind bereits Brandzeichen eines formierten Widerstandes einer einst unterschwelligen und jetzt öffentlichen Agitation gesetzt worden, die einen Flächenbrand auslösen können. Wer die Parolen und Agitationen politisch verharmlost ist Beihelfer. Eine Nation in Lethargie, im Dauerschlaf, und die „Funktionsmaschine“, der von der Aufnahmebereitschaft der Deutschen begeistert ist, woher er auch immer die Erkenntnis gewonnen hat. Der sächsische Innenminister sagte zu den „Montagsdemonstrationen“: „Ich denke, man kann bei dieser Konstellation nicht pauschal gegen Demonstranten sein, die ihre Meinung sagen.“ Statements die für sich stehen und nachwirken. Angeblich plant das Land Sachsen eine Sondereinheit gegen straffällige Asylanten ins Leben zu rufen.
    Die Einwanderungspolitik, besonders unter dem vor über 20 Jahren beschlossenen und kritisierten Asylgesetz, hat in verschiedener Hinsicht versagt. Das Flüchtlinge in diesem Jahr nach Deutschland kommen werden, war zu erwarten. Vorbereitet darauf hat man sich scheinbar nicht. Und wer heute nach Reformen fragt, macht sich zudem unbeliebt. Das Ressentiment erfährt derzeit eine neue Blütezeit.
    Genieße das schöne Wochenende
    Stefan

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