Cuidado Cuba!

Der mehr als fünf Jahrzehnte andauernde Handelskrieg, der oft an der Schwelle zu einem heißen war, soll nun beendet werden. US-Präsident Obama möchte in seiner noch verbleibenden Amtszeit einige Dinge richten, die den Republikanern nicht schmecken werden. Kuba, die Insel mit dem guten Rum und der Welt besten Zigarren, mit seinen 11 Millionen Einwohnern, soll zu seinem Nachbarn vernünftige Beziehungen bekommen. Böses haben beide Seiten einander angetan. Das sozialistische Kuba mit seinen Protagonisten Castro und Guevara hat die USA gedemütigt wie nie in seiner Geschichte. Gerade einmal einhundert Kilometer vor der Küste Floridas hatte sich ein Inselstatt zum Sozialismus bekannt und in enger Freundschaft zur Sowjetunion alle Handelsembargos überstanden. Die USA haben den Verlust des einstigen Karibik-Casinos und -Bordells emotional nie verkraftet und alles daran gesetzt, um die Revolution rückgängig zu machen. Die gescheiterten Mordanschläge allein gegen Fidel Castro gingen ins Dutzend und die Einschleusung von Saboteuren in die Tausende.

Und obwohl nicht nur amerikanische Gegner Kuba prognostizierten, es ginge in die Knie, wenn die Sowjetunion irgendwann seine materielle Hilfe einstellte, ist es nicht so gekommen. Tatsächlich sind Milliarden in US-Dollar konvertierte Rubel auf die Insel geflossen. Und tatsächlich war damit nach dem Untergang der UdSSR Schluss. Dennoch gelang es Kuba, das Land vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu bewahren. Nicht, dass Kuba zu einem glorifizierbaren Modell geraten wäre, aber es stellt sich dennoch die Frage, inwieweit es dort gelungen ist, eine Staatsphilosophie zu etablieren, die rein praktisch im Vergleich zu anderen mittel- oder südamerikanischen Modellen eine Lebensform realisierte, die sich als die bessere erwies. Die Statistiken, was Gesundheit, Bildung und Zufriedenheitsindizes betrifft, sprechen für die sozialistische Variante.

Die Avance Obamas an Kuba bedeutet zunächst noch gar nichts. Für Kuba interessant sollte die Lockerung des Handelsembargos sein, was zu einer Verbesserung der Außenhandelsbilanz führen dürfte. Kuba selbst wird einen Teufel tun und sich von seiner staatlichen Konstituierung zugunsten einer kapitalistischen Demokratie entfernen. Auch die viel zitierten jungen Kubanerinnen und Kubaner sehen das nicht so, wie oft suggeriert wird. Die Gefahr, die in einer Annäherung schlummert, sind die vor allem im Gürtel um Miami residierenden Exilkubaner, die sich zu einem Stronghold der Republikaner entwickelt haben und von einer Wiedervereinnahmung der Insel nach ihren Vorstellungen träumen. Sollten sie die Regie bei der Annäherung übernehmen, wird seitens Kubas sehr schnell der Rückzug angetreten, denn Vorsicht ist etwas, dass man dort in fünf Jahrzehnten der angespannten Beziehungen zu den USA gelernt hat.

Sollten allerdings irgendwann in Havanna bunte Regenschirme, orangene Seidenschals oder grüne Schirmmützen auftauchen, die als Ausdruck einer freiheitlichen Bürgerbewegung medial gefeiert werden, dann ist Vorsicht geboten. Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es sich um ein erneutes Design der imperialen Vereinnahmung handelt. Das Schema ist immer gleich, der Zweck auch. Diese Bürgerbewegungen und deren Unterstützung sollen den moralischen Vorwand für eine mehr oder minder deutliche Intervention liefern. Dann sind es die bedrohten Schwestern und Brüder der Freiheit, die den Fängen eines autoritären Regimes entrissen werden müssen. Das Design ist bekannt und für einen Fall wie Kuba nahezu prädestiniert. So sehr es auch angebracht ist, ein Jahrzehnte lange währendes Handelsembargo außer Kraft zu setzen und so sehr auch zu verstehen ist, dass Kuba sich wirtschaftlich aus dem Nötigsten heraus entwickeln will, so sehr ist auch Vorsicht geboten. Mancher Versöhnungskuss hatte schon tödliche Folgen. Es ist zu hoffen, dass die in der Weltliteratur so bewanderten Kubaner darum wissen.

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6 Gedanken zu „Cuidado Cuba!

  1. gerhard

    Lieber Gerd,
    ich lese Deine Artikel generell sehr gerne, aber diesen hier finde ich besonders gelungen. Ich verbeuge mich vor Deiner Weitsicht,
    viele Grüße,
    Gerhard

  2. zeilentiger

    Wobei ich aus dem ersten Absatz den objektiven Gehalt von „Böses haben beide Seiten einander angetan.“ nicht herauslesen kann, sondern eigentlich nur die einer Seite.

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