Internationalisierung

Manchmal, wenn die Wellen hochschlagen, ist es hilfreich, einen Moment innezuhalten und den Blick auf das Vergangene zu richten. Bei der Frage der Internationalisierung unseres Landes ist es besonders sinnvoll. Ohne politische Schlussfolgerungen gleich an den Anfang zu setzen, ist das, was als zurückhaltende Beschreibung bezeichnet werden kann, eine gute Option. Beide deutsche Staaten als Überreste des Dritten Reiches standen an einem Anfang, der hinsichtlich der gerade im Desaster geendeten Vergangenheit nicht krasser hätte sein können. Durch den Nationalismus und die Rassenideologie war ein Land, das vor allem in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts durchaus kulturell wertvolle internationale Verbindungen hatte, zu einem vermeintlich puristischen Amalgam von Landsmannschaften verkommen, das in Trümmern lag.

Die Bundesrepublik Deutschland war das direkte Produkt der drei westlichen Siegermächte und verdankt seine heutigen demokratischen Institutionen dem Protektorat von Besatzungsmächten, die durchaus ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen mit diesem Gebilde verfolgten. Dennoch bildeten sich Verhältnisse heraus, die die wenigen demokratischen Traditionen, die einzig und allein der Arbeiterbewegung zugesprochen werden müssen, zu einem Teil wieder aktiviert und weiterentwickelt werden konnten. Mit dem Einüben einer diskursiven, konfrontativ geführten, aber auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens basierenden Demokratie fiel vor allem deshalb schwer, weil die Funktionseliten lange Zeit aus der alten Nomenklatura rekrutiert wurden.

In der DDR folgte mit der Staatsgründung eine auf dem proletarischen Internationalismus basierende Schocktherapie. Der Rassismus und Provinzialismus, der in beiden Teilen Deutschlands tief verwurzelt war, konnte dadurch nicht überwunden werden. Allerdings gewährte eine totalitär operierende Staatsmacht, dass Übergriffe im Alltag auf Menschen aus verbündeten Ländern, die man gezielt ins Land holte, unterblieben. Der latente Rassismus blieb bis zum Ende dieses Staatswesens trotz einer weltoffenen Staatsdoktrin virulent.

In der Bundesrepublik hingegen wurden die Verhältnisse durch eine rasante wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt. Unter der Überschrift „Arbeitskräfte“ wurden anfangs Tausende, dann Hunderttausende und bis heute Millionen Menschen aus anderen Regionen vor allem Südeuropas in Arbeitsverhältnisse gelockt. Doch die Arbeitskräfte waren auch Menschen, die vieles hinter sich gelassen hatten und eine Zukunft vor sich haben wollten. Ihre Beiträge zur Entwicklung der Bundesrepublik sind vergleichbar mit den Nachkriegsanstrengungen, aus dem Torso ein demokratisches Land zu machen. Die Immigranten, die kamen, brachten eine andere Sozialisation mit, die sie nicht hinter sich lassen konnten. Was so nicht intendiert war, aber das Land in einer Phase der zunehmenden Internationalisierung für die Globalisierung fähiger machte, war genau der Zwang zu einem interkulturellen Diskurs. Das war oft kein Zuckerschlecken, aber unter dem Strich hat das geholfen. Dort, wo die großen Immigrantenansiedlungen stattgefunden haben, ist heute ein kosmopolitischer Horizont vorhanden, der als Zukunftsfähigkeit etikettiert werden muss.

Eine derartige Dimension der Internationalisierung hat in der DDR nie stattgefunden. Und nach der Fusion mit der Bundesrepublik blieb eine solche Entwicklung aus verschiedenen Gründen auch aus. Der wohl wichtigste ist die wirtschaftliche Konzentration auf die industriellen Kraftzentren des Westens, während der Osten zu großen Teilen entweder zu de-industrialisierten Zonen oder zu restaurierten Kulturdenkmälern mutierte. Die massenhafte, komplexe und konzentrierte Organisation von Arbeit als einer Institution von Erziehung blieb aus. Die Abwanderung junger Talente Richtung Westen wurde zu einem Massenphänomen. Die Fähigkeit, sich mit Menschen fremder Kulturen friedlich zu messen und auseinanderzusetzen konnte bis heute nicht entwickelt werden.

Internationalisierung von Gemeinwesen ist ein bereicherndes Element. Die, die kommen, sind wegen ihrer Andersartigkeit ein Potenzial, das neue Perspektiven eröffnet. Die, die meinen, schon immer da gewesen zu sein, haben die Pflicht, den für diese Perspektiven erforderlichen diskursiven Rahmen zu setzen, der sich als gesellschaftlicher Konsens behaupten muss. Das ist nicht immer einfach. Aber es ist die beste Option.

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18 Gedanken zu „Internationalisierung

  1. ohneeinander

    Sie schreiben:
    „Die Fähigkeit, sich mit Menschen fremder Kulturen friedlich zu messen und auseinanderzusetzen konnte bis heute nicht entwickelt werden.“ Wie kommen Sie denn darauf? Sie müssen Ihre Quellen überprüfen, bevor Sie solchen Unfug verbreiten. Sehr wohl, haben in der DDR Menschen aus Kuba, Mosambik, Polen und Vietnam gearbeitet. Nicht alle aber sehr vielen Menschen haben sich mit der Kultur dieser Menschen aus den o.g. Ländern auseinander gesetzt, man hat ganz unspektakulär und ohne Medienrummel Zeit MITEINANDER verbracht. Nicht nur Arbeitszeit sondern auch ganz viel Freizeit.
    Wie können Sie nur so einen gemeinen Artikel schreiben und so dermaßen Verallgemeinern. Ich bin erschüttert.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ganz ruhig durchatmen! Wenn Sie den Text noch einmal lesen, werden Sie bemerken, dass ich von Massenphänomenen geschrieben habe. Die Dimension der Einwanderung, wie sie in der alten Bundesrepublik stattgefunden hat, hat es bis heute in Ostdeutschland nicht gegeben. Großfabriken mit tausenden von Beschäftigten, in denen mehr als die Hälfte der Beschäftigten Immigranten sind, Stadtteile, die auch an der 50%Marke knabbern, Schülerzahlen etc. sind in vielen Ballungsräumen des Westens die Regel. Dort steht wird dieser Diskurs in großem Maße geführt, mehr oder weniger erfolgreich. Ihre individuelle Erfahrung rühmt Sie und ist schön, aber strukturell ändert es nichts an meiner Aussage.

      Nicht immer alles persönlich nehmen! 😄

      1. ohneeinander

        Mit Verlaub, wird es mir gestattet sein, einen aus meiner Sicht falsch dargestellten Sachverhalt, zu kritisieren.
        Stechen Sie in das Wespennest, Herr Mersmann, anstatt Vorurteile und Verallgemeinerung zu leben.

    2. Achim Spengler

      Ich hoffe doch, Sie erschüttert der PEGIDA Aufmarsch in Dresden am gestrigen Abend ebenso. 18.000 Menschen. Von Gegendemonstrationen kaum etwas zu sehen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich möchte mit dieser Feststellung nicht an einem Riss weiterbasteln, der offensichtlich den Westen der Republik vom Osten trennt. Dieser ist sicher am ehesten der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung geschuldet, weniger einer unterschiedlichen Mentalität der Menschen. Diejenigen, die sich als wirtschaftliche Verlierer fühlen und als Opfer einer politisch zu verantworteten ungerechten Umverteilung des Sozialproduktes , gibt es hüben wie drüben. Der Reflex der Sündenbockerei ist der selbe. Die Auswüchse der empathischen Minderbemitteltheit ebenso. Der egoistisch sich gerierende Rundumschlag, aufgegangen in der Masse, scheint mir aber zur Zeit eher ein Phänomen in den fünf neuen Bundesländern zu sein. Und noch ein Hinweis: In Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen dazumals waren es gerade diejenigen der von Ihnen erwähnten Nationalitäten, die Opfer des Mobs waren, vor der Kulisse tausender beifallklatschender Idioten. Das erschien mir schon damals als strukturelles Problem, von dem Herr Mersmann in seinem Beitrag gesprochen hat. Einem Beitrag, dem ich dankbar bin, weil er in der Summe seiner Argumente nicht vergessen hat darauf hinzuweisen, dass Internationalisierung tatsächlich ein bereicherndes Element eines Gemeinwesens ist. Dem ist nichts hinzuzufügen. Karl Poppers „Offene Gesellschaft“ gehört mindestens zum Erbe des „Abendlandes“. Die Feinde dieser Gesellschaft hat er benannt. PEGIDA gehört dazu. Diese unsägliche „Wir sind das Volk“ Bewegung ist das Wespennenst, in das gestochen werden muss.

      1. ohneeinander

        Die Aufmärsche in Dresden machen mir Angst. Ich würde gerne wissen, wer das anzettelt. Wer sind die Funktionäre und woher kommen Sie? Das selbe gilt auch für Übergriffe auf Unterkünfte in Ost und West, die zum Schutz vor Gefahr und Verfolgung dienen.
        Man sollte das aufklären. Zu behaupten, dass sind die unterentwickelten Ostdeutschen, ist zu einfach und eine pure Unterstellung. Ich würde es mutig finden, wenn Sie Herr Mersmann und Herr Spengler, ihren Worten, Taten folgen lassen. Wie auch immer.

      2. Gerhard Mersmann Autor

        Sehr geehrte Frau,

        Sie gehen leider immer noch nicht auf die Argumente ein. Stattdessen arbeiten Sie mit Unterstellungen. Und schon sind Sie ein Opfer, dass auf vermeintliche Täter weist, die keine sind. Kommt Ihnen das Muster nicht bekannt vor? Gerade dieses Muster ist politisch sehr bedenklich!

        Gerd Mersmann

      3. ohneeinander

        Es geht doch nicht um Opfer und Täter, Herr Mersmann. Alle Menschen unabhängig von ihren Unterscheidungsmerkmaleb wie Herkunft, Geschlecht und Alter besitzen den selben Wert. Niemand möchte von oben herab geringschätzig behandelt werden. Ich wünsche mir für alle Menschen ein respektvolles miteinander, Gleichberechtigung und die Achtung der Menschenwürde.

  2. nurmalich

    der von „ohneeinander“ kritisierte Satz mag vielleicht übertrieben und deshalb nichtcth ganz zutreffend sein.(ich kanndas nicht wirklcih beurteien.)
    Aber dennoch bleibt der letzte Absatz des Beitrags richtig.

  3. mickzwo

    Nicht nur ist der letzte Absatz des Artikels richtig, insgesamt ist der Artikel klar und überhaupt nicht oberflächlich. Natürlich haben Menschen „sich mit der Kultur dieser Menschen aus den o.g. Ländern auseinander gesetzt, man hat ganz unspektakulär und ohne Medienrummel Zeit MITEINANDER verbracht.“ (Zitat „ohneeinander“) Im Osten wie im Westen. Aber das war ihre ‚Privateangelegenheit‘ und sie hatten immer dafür zu kämpfen und sich zu rechtfertigen. Dieses Denken hat sich weder in Osten noch im Westen festgesetzt. Die Gründe dafür sind auch genannt. Integration war nicht Ziel irgendeiner Doktrin, und das sollte sich ändern.

    Ich danke ausdrücklich für diesen brillianten Artikel.

  4. Reactionär

    So kann nur jemand schreiben, der immer hinter dem Limes lebte. Der nie ins Angesicht jener hässlichen Fratze blicken musste, die der ‚Westen‘ denen zeigt, die ihm nicht zu Willen sind.

    1. Achim Spengler

      Hässliche Fratzen gibt es überall, letztlich sind es indivuiduelle. Im Westen, Osten, Süden und Norden. Und der Limes ist das falsche Bild. Dahinter lebten „Horden“, die ein totalitäres, imperiales Reichsgebilde hinweggefegt haben. Und ihre eigenen Fratzen trugen.

      1. Reactionär

        Mag sein, aber ich ein halbes Leben, also die entscheidende Zeit meiner Sozialisation, dahinter verbracht, bin also einer von jenen, die ‚zurückfratzen‘.

  5. nurmalich

    Ich finde es immer sehr schade, wenn Menschen aneinandaer vorbei reden. Und in dieser Diskussion ist das leider auch der Fall.

  6. monologe

    Würde das über Muslime gesagt, was Gerhard über die Ossis sagt, bzw. was er so „weiß“, so wäre es rassistisch, unzulässig verallgemeinernd, ausgrenzend, mindestens diskriminierend. Wo bleibt hier die Toleranz (wenn man denn der Meinung ist, dass man es hierzulande mit Toleranz zu tun hat, nicht vielmehr mit Duldung oder Erduldung)? Es kommt hier eine herr- und meisterliche Rigorosität, besonders aus konfrontativ „parteiergreifenden“ Kommentaren, hinein, die allerdings ebenso abstoßend wie interessant ist. Es scheint, in dem einen Topf, in den etwa die Dresdner Demos, die Angriffe auf Asylantenheime, die Flüchtlingsproblematik, die Muslime, die Islamisierung, die Integrationsproblematik, die Ausländerpolitik, die Einwanderungspolitik, die Neogeburten des Nazischoßes, die un“bewältigte“ DDR samt latentem Rassismus und dumpfer Provinzialität (oder vice versa), in den alles das und gewiss mehr noch geworfen wird, dass darin sich noch massig Gemeinplatz findet für Stammtische und hyperventilierende Selbstverwirklichung, individuellen, gewendeten Mentalnationalismus, viel Raum für Gedöns und Folklore – oh, dieses Rauschefest, dieser Karneval der Defizite! Ist das alles Wirklichkeit? Oder ist es bloß erst Realität? Oder schon Ideal?

  7. oberham

    Ich würde es nicht so interpretieren, würde keinem mehr oder weniger Offenheit unterstellen.
    Ja, ich würde behaupten, egal wo jemand aufwuchs, er hätte immer die Chance gehabt seine Klugheit, seine Menschlichkeit und seine Empathie lebendig werden zu lassen.
    Die Gründe warum bei den meisten Menschen diese Eigenschaften zu Gunsten einer systemkonformen Konditionierung verschüttet werden, sind im Westen grundsätzlich doch die gleichen wie im Osten, lediglich das System der Nutzmenschhaltung war ein Anderes.

    Zuwanderung – so sie den Nutzmenschhaltern genehm ist, wird organisiert, die „anderen“ neuen Nutzmenschen werden ins System funktionstechnisch integriert, soziokulturell geschieht das mehr oder weniger zufällig, je nach Region, nach „Offenheit“ – ich bin sicher manche Vietnamesen waren in der DDR auch sozial gut integriert, genauso wie mancher Türke in der BRD – nur – das ist der feudalen Führungskaste solange schnuppe, solange das System renditetechnisch einwandfrei funktioniert.

    Wer Menschlichkeit in sich findet (so er Menschlichkeit als Klugheit gepaart mit sozialer Toleranz und Vertrauen zu den Mitmenschen definiert….) der wird jeden Mitmenschen mit offenen Armen empfangen – jene die Hilfe benötigen und aus purer Verzweiflung kommen genauso wie jene die schlicht lieber hier als andernorts leben!

    Doch Nutzvieh das sich solidarisiert ist schlecht zu melken!

    Gerade kann man wunderbar erleben, wie eine Gruppe als fremdenfeindliches Gesindel diffamiert wird – in meinen Augen meist Menschen denen man die Angst um Arbeitsplatz und ihre bescheidenen Wohlstandsreste einimpft, von gewissenlosen Artgenossen, die sich mit diesem Süppchen eigene Vorteile im Kampf um die Plätze in der feudalen Klasse einer pseudodemokratischen Gesellschaft bemühen.

    Die andere Gruppe, wohl die Mehrheit, darf sich als weltoffene, pluralistische, gebildete „Bürgerelite“ gerieren, die gegen diese „Dumpfbacken“ antritt und ihre verlogene Haltung gegenüber den Ärmsten der Welt schlicht verleugnet.
    Den Fakt ist, Europa schottet sich ab, in unser Land als Asylant zu kommen bedeutet zuerst einen Höllenmarsch überleben zu müssen, um dann den gönnerhaften Launen der hiesigen Bürokratie und Bürgerschaft ausgeliefert zu sein – ich kann weder bei denen die der Rattenfängergilde auf den Leim gehen, noch bei jenen, die ihren materiellen Überfluss und ihren Mittelstandssatusritualen huldigen, wahre Menschlichkeit entdecken.

    Völlig egal ob es nun Menschen sind, die einst aus dem Gebiet der DDR oder der BRD stammen.
    Wo der Autor meiner Meinung nach Recht hat – seit der Vereinigung beider Staatsgebilde, hat sich der Westen das Beste aus dem Osten schlicht einverleibt, ist das Selbstbewußtsein im Osten noch ein wenig zerbrechlicher geworden – doch warum?

    Ich denke, weil eben die meisten Menschen den falschen Propheten hinterherrennen, somit werden sie zum Spielball der widerlichsten Jongleure – wo welche Gruppe auf der Straße marschiert – sorry, das ist meiner Meinung nach nur eine Frage, wo welche Rattenfängertruppe die besten logistischen Möglichkeiten hat.

    …..und es wird wieder besonders gruselig in unserem schon immer düsterem Land – egal ob Ost oder West – der Schock zweier Massenschlächterreien, er hat leider nur wenige Jahre – ein klein wenig – gewirkt – selbst aus den 68ern wurden angepasste, eiskalte Funktionseliten, die nur eines kennen, im Wettbewerb um Wohlstand erfolgreich bestehen – egal wie dreckig es dem Rest dabei ergeht!

    Das Schlimmste – dieses Prinzip gilt global – Menschlichkeit kann folglich kaum „einwandern“.

  8. Gerhard Mersmann Autor

    Vielen Dank für die Versachlichung des Themas, und das, obwohl sehr dezidierte Standpunkte vertreten werden! Mir ging es nicht um Spaltung zwischen Ost und West, mir ging es um die Beschreibung von Massen- und Sozialisationsphänomenen. Und in der Art und Weise, wie sie hüben oder drüben wirken, gibt es auf beiden Seiten Licht wie Schatten.

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