Plädoyer für ein gottloses Leben

In der überaus klugen Vorbemerkung zu der Schrift „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ widmete sich Karl Marx in einer kurzen Betrachtung dem Doppelcharakter von Religion. Es ist unzweifelhaft, dass er dabei die monotheistische, christliche Religion im Auge hatte, auch wenn spätere Interpreten gerne auf die Allgemeingültigkeit dieser Ausführungen verwiesen. Religion, so Marx dort, sei einerseits ein probates Mittel der Herrschaft, weil sie mit dem Versprechen des Paradieses die Unterdrückten im Diesseits still halte. Gleichzeitig sei sie aber auch ein Akt des Protestes, denn sie reklamierte kaum eine bessere Welt, wenn die hiesige so sei, wie es sich die Menschen wünschten.

Als Marx diese Zeilen schrieb, waren die Kreuzzüge zur Eroberung Jerusalems bereits Geschichte, die mittelalterliche Inquisition war überwunden und der Dreißigjährige Krieg bereits vorbei. Ein halbes Jahrtausend Messer und Mord, um einer Heilslehre willen, und längst war der Absolutismus im Denken nicht überwunden. Was allerdings bereits geschehen war und zu den großen Revolutionen der deutschen Geistesgeschichte gehört, war die Schrift „Zur Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant. In ihr hatte der Asket aus Königsberg den monotheistischen Gott des Christentums seziert wie ein Chirurg und den Kadaver freigegeben zur Aufklärung.

Diese wiederum feierte ihre Hochzeiten intellektuell in Deutschland, aber im richtigen Leben, da fand sie in Frankreich statt. Die Franzosen machten vor, wie sie sich die gelebte Aufklärung vorstellten. In Paris steht die Wiege des bürgerlichen Zeitalters, das aufräumte mit Gott und Moral und an seine Stelle Recht und Verantwortung setzte. Dazu gehörte, und das drang nicht einmal bis nach Deutschland, die Trennung von Kirche und Staat.

Die monotheistische Religion, in deren Namen seit Jahrzehnten, ganz entsprechend unserer Epoche, nicht mehr Messer und Mord, sondern Sprengstoff und Kugelhagel eingesetzt werden, um die vermeintliche Lehre des Heils zu retten, steht vor der Schwelle der Aufklärung. Nach wie vor. Das selbst von den entwickelten, als zivilisiert geltenden islamischen Staaten gepflegte Gottesstaatentum ist der unwiderlegbare Beleg. Bis auf eine Ausnahme, in der indonesischen Verfassung begnügt man sich mit dem Verweis auf einen Gott.

All jenen, die im Obskurantismus zuhause sind, die dem Absolutismus huldigen und der brachialen Herrschaft frönen, muss die gelebte Tradition der bürgerlichen Freiheiten ein Dorn im Auge sein. Und in Zeiten, in denen zumindest die Symbolik nach wie vor hohe Geltung genießt, ist es logisch, dass sich die Frevler einer unaufgeklärten monotheistischen Religion darauf konzentrierten, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren.

Die Bilder, die aus der französischen Hauptstadt in der vergangenen Nacht zu uns gelangten, zeigten, dass die geplante Intention der Dunkelmänner, trotz ihrer grausamen Tat, an einem couragierten Bürgersinn zerschellte. Paris demonstrierte für den Gedanken der Freiheit, der revolutionäre, bürgerliche Reflex derer, die an Demokratie und Selbstbestimmung glaubten, obsiegte über die machtlose Betroffenheitsgeste vemeintlicher Opfer. Die Pariserinnen und Pariser deklarierten den Terroranschlag gegen die Redaktion von Charlie Hebdo zu einem Plädoyer für ein gottloses Leben. Schlimmer hätte es für die Terroristen nicht kommen können.

Eugène Pottiers, ein anderer Pariser, der an der Kommune im Jahr 1871 aktiv teilgenommen hatte, schrieb buchstäblich hinter einer Barrikade die Internationale. Was daraus entstand, ist eine andere Geschichte. Aber den Text, den kann man sich vorsprechen, immer wieder, um sich zu vergewissern, welchen Geist das Gemeinwesen atmet, das nicht bezwingbar ist durch Obskurantismus. „Es rettet uns kein höhres Wesen“, heißt es da, „kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun.“ Recht hat er, der Herr Pottiers.

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13 Gedanken zu „Plädoyer für ein gottloses Leben

  1. SalvaVenia

    Eloquent wie immer, aber anschließen kann mich den Schlußfolgerungen heute nur vereinzelt und sehr selektiv.

    Herzliche Grüße. 🙂

  2. Nitya

    „Paris demonstrierte für den Gedanken der Freiheit, der revolutionäre, bürgerliche Reflex derer, die an Demokratie und Selbstbestimmung glaubten, obsiegte über die machtlose Betroffenheitsgeste vemeintlicher Opfer.“

    Lieber Gerd

    hier jemand, der noch über den Glauben an die Demokratie und ihre Vorstellung von Freiheit hinausging. Wen wundert es, dass Karl Marx ihn nicht mochte – und nicht nur er.

    Max Stirner, der Einzige und sein Eigentum: http://www.lsr-projekt.de/msee.html#s171

    Einen herzlichen Gruß
    Wilhelm

  3. gkazakou

    Nur wenn das Göttliche im Menschen in Erscheinung tritt, ist er mit sich selbst im Einklang. Ohne dies ist er nicht mehr als ein pervertiertes Tier. Mit herzlichem Gruß im Geist des Theophanie-Festes, aus Griechenland. Gerda

    1. Nitya

      Gibt es irgendetwas, das nicht göttlich wäre?

      „Das Reich Gottes ist inwendig in Euch und überall um Dich herum; Nicht in Gebäuden aus Holz und Stein. Spalte ein Stück Holz und ich bin da, Hebe einen Stein auf und Du wirst mich finden.“ (Jesus im Thomas-Evamgelium)

      Die mosaischen Religionen haben die Trennung zwischen dem Göttlichen durch die Erschaffung einer Person namens Gott und dem Weltlichen konstruiert. Diese Trennung hat nie existiert außer in den Köpfen der Gläubigen. Das Göttliche und das Weltliche sind untrennbar eins.

  4. alphachamber

    @Gerhard Mersmann: Wieder ein sehr lesenswertes Essay. Einige Anmerkungen: –
    Mein Kampf mit der ‚Hegelei‘ fand erst durch die Interpretationen und Rezensionen von Marx und besonders Engels einen erfolgreichen Abschluss (dazu empfehle ich die rd. 50 Seiten von F. Engels‘ „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, 1946). Man erinnert sich, dass Hegel die Franz. Rev. zwar eifrig begrüßte, aber dennoch Bürgertum und preußische Ordnung stütze. Marx löste die Widersprüche der Hegelschen Dialektik auf, aber als Religionskritiker steht er in einer langen Schlange.

    Der ewige ‚Verdienst‘ von Kants Philosophie ist, dass sie erstmalig eine eindeutige Trennung zwischen Wissen und Glaube vollzog. Allerdings: Die „Geist-Körper Dichotomie“ spaltete den Mensch in eine materielle Welt (die er selbst als nicht-real betrachtete) und behütete die Moral für die Gläubigen. Die kantische Aufteilung ermöglicht es so zwar der menschlichen Vernunft die materielle Welt zu erobern, beseitigt aber die Vernunft von der Auswahl der Ziele. Nach Kant bedeutet dies, dass lebensgerechte Handlungen, Entscheidungen und Wertsetzungen irrational bestimmt werden, durch den Glauben – nicht der Vernunft. Darauf warten die meisten noch.

    Beste Grüße

  5. ernst buschfeuer

    Hallo Gerd, nochmals vielen Dank für diesen Beitrag.Uns aus diesem Elend zu erlösen geht leider nur mit einer gut ausgebildeten Armee und nicht mit dem Feuilleton.

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