Allianz-Policen statt Friedrich Schiller

Die Debatte ist nicht neu. Dass sie jetzt in den Medien wieder mit aller Vehemenz geführt wird, scheint kein Zufall zu sein. Die Frage, ob, das, was in deutschen Schulen gelehrt wird, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich für das wahre Leben vorbereitet, ist berechtigt. Das war sie immer schon. Die Maxime des Humanismus, non scholae, sed vitae hat die Frage selbst aufgeworfen. Da stellt sich die Frage, was das wahre Leben ist. In einer Epoche des exzessiven Technizismus ist es nur logisch, dass die Orientierung in einer technisierten Welt einen gewissen Stellenwert hat. Wie immer argumentieren die staatlichen Vertreter der Bildungsinstitutionen, dass vor allem das Elternhaus in dieser Frage gefragt sei. Die Schule sei dazu da, vor allem Wissen zu vermitteln, dass dazu befähigt, es in die Lebenspraxis zu transferieren. Aber genau das gelingt den Bildungsinstitutionen nicht so gut, ist es doch genau die Kritik, die aus den PISA-Untersuchungen resultiert. Es mangelt an der Fähigkeit, das Gelernte anzuwenden.

Dazu zwei Aspekte, die bedacht werden sollten. Zum einen ist die Trennung von Bildung und Erziehung ein deutscher Sonderweg, der aus der Vergangenheit resultiert. Die Vermittlung von Werten und gesellschaftlich tragfähigen Verhaltensweisen sollte keinem Staatsmonopol mehr anvertraut werden. Diese Fragen, so der nachvollziehbare Gedanke, sollte von den Erziehungsberechtigten bearbeitet werden. Das Problem, mit der dieses Konzept konfrontiert ist, sind die zunehmend aufgelösten klassischen Familienstrukturen. Dort wird diese Aufgabe immer weniger erfüllt.

Bildung wiederum unterliegt dem staatlichen Schulmonopol. Die Vermittlung von Wissen findet dort nach wie vor statt, aber sie hat sich lange darauf zurück gezogen, es dabei zu belassen und die Frage nach dem Transfer des Gelernten in die Alltagspraxis den Erziehenden zuzuweisen, welche es immer weniger leisten. Das ist ein Desaster, dass die staatlichen Institutionen kaum interessiert. Und die Erziehungsinstitution ist immer weniger dazu in der Lage. Eine Lösung muss dringend her, eine Revision des Sonderweges scheint mehr als angebracht.

Die wohl dürftigste Schlussfolgerung aus der Malaise ist die nun entbrannte Diskussion um die Änderung von Lehrplänen, die sich provokativ mit der Formulierung übersetzen ließe, weniger Lyrik und Prosa, dafür aber mehr Anwendungskenntnisse in Bezug auf das Einlesen von Barcodes oder den rechtssicheren Abschluss von Versicherungspolicen zu vermitteln. Das ist, was den Zeitgeist anbetrifft, folgerichtig, was eine Strategie anbetrifft, aus der wachsenden Unfähigkeit, sich in einer komplexen und ungeordneten Welt zu orientieren, ist es ein Fehlschluss ersten Ranges.

Die Fähigkeit, Literatur zu lesen, zu begreifen und aus ihr kritische und ethische Kernaussagen herauszufiltern, ist eine der größten Errungenschaften des reflexiven Geistes. Genau das, was in den Feuilletons in Bezug auf die wachsende Unruhe in der Welt, die eskalierenden Konflikte und die immer schwieriger werdende Bewertung all dessen beklagt wird, wird nun als eine Ursache für die Orientierungslosigkeit ausgemacht. Da scheint eine ganze Zunft etwas nicht begriffen zu haben. Die Verdächtigung, die bei dieser Diskussion aus jeder Zeile scheint, ist die, dass die Vermittlung der geistigen Techniken aufklärerischen Geistes die Ursache für die wachsende Diffusion in den Köpfen sei.

Der als wohl gemeinter Pragmatismus daher kommende Vorschlag, Texte von Heinrich von Kleist oder Friedrich Schiller durch Standardverträge der Allianz zu ersetzen, ist eine impertinente wie erbärmliche Avance der Technokratenkaste. Das einzige, was angesichts der Diskurs- und Konfliktunfähigkeit in der Sphäre der Politik bleibt, ist über diesen Unsinn lauthals zu lachen. Es wäre der Gipfel in dem seit langem lancierten Prozess der Entmündigung.

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11 Gedanken zu „Allianz-Policen statt Friedrich Schiller

  1. Nitya

    Lieber Gerd,

    als Jugendlicher hing mir die ganze humanistische Bildung einfach zum Hals heraus. Lauter hohle Phrasen, die pflichtschuldigst abgespult wurden. Ich war schon auf dem besten Weg in den absoluten Nihilismus, als ich ein kleines Erlebnis hatte, das für mich eine große Bedeutung hatte. Ein Mitschüler bat mich, sein defektes Fahrrad zu der elterlichen Wohnung zu schieben, weil er dringend zu einem Rendevouz müsse und es mit diesem Fahrrad nicht mehr schaffen würde, rechtzeitig zu seiner Verabredung zu kommen. Ich nahm also das Fahrrad und schob es im Schweiße meines Angesichts durch die sommerlich Gluthitze durch den Park. Dabei kam ich durch einen Schrebergarten. Ein alter Mann sah mich kommen und sprach mich freundlich an: „Hallo, Herr Nachbar. Pech gehabt? Kommen Sie, ich mach Ihnen einen neuen Schlauch auf die Felgen!“ Ich schob das Fahrrad in den Schrebergarten und der alte Mann ließ es sich nicht nehmen, aus dem Schuppen einen heilen Fahrradschlauch zu holen, den alten Schlauch ab- und den neuen Schlauch aufzumontieren. Dann verabschiedte er sich, ohne weiter auf meinen Dank einzugehen mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen ein wundervolles Leben!“

    Das war für mich die reinste Offenbarung. Das hatte ich noch nie in meinem Leben kennen gelernt. Es zeigte mir: Es gibt auch eine andere Möglichkeit zu leben. Es geht auch ganz anders, als ich es bisher kennengelernt habe. Was sind mir Schiller, Lessing, … daneben gewesen? Ich hab den alten Mann nie vergessen, wie du siehst. Die Lehrer – konnte ich alle in der Pfeife rauchen. Lässt sich so etwas organisieren? Ich habe vile Jahre in der Lehrerfortbildung gearbeitet und stelle diese Frage?

    Herzlichst
    Wilhelm

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Wilhelm,
      wenn die spirituelle Befindlichkeit nicht da ist, nützt dir die Organisation auch nichts, da gebe ich dir Recht. Meinerseits könnte ich dir 1000 lebensrettende Situationen schildern, die aus dem Geist von Literatur resultieren. Ich lebe noch, weil ich in extremen Situationen die Literatur hatte. Vielleicht bin ich deshalb verblendet. Wenn, dann aus voller Überzeugung.
      Brüderlich
      Gerd

      1. Nitya

        Lieber Gerd,

        oh, da muss ich wohl einen Eindruck korrigieren, den ich bei dir anscheinend hinterlassen habe. Es ging mir um Gottes willen nicht darum, den Wert von Literatur klein zu reden. Da könnte ich dir auch genug lebensrettende Beispiele nennen. Nein, es ging mir um behördlich organisierte Bildung. Wenn ich daran denke, wie irgendein Studienrat etwa ein lyrisches Gedicht zerfledderte, packt mich heute noch das Grausen oder das Gefühl grenzenloser Langeweile. Wenn ich demselben Gedicht ganz unvermutet in meinen stillen Kämmerlein begegnete – was für eine Offenbarung! Behördlich organisierte Bildung – nein danke! Die Bildung muss ich mir schon selbst erobern. Ich muss hungrig nach Bildung sein und nicht vollgestopft werden mit dem, was irgendwelche Ministerialbeamten für den notwendigen Bildungsstoff halten.

  2. Peter IJsseling

    Lieber gerd,

    Erst wenn Schiller in ein Allianz Police auftaucht 🙂

    Trink‘ ihn aus, den Trank der Labe,
    Und vergiss den großen Schmerz!
    Wundervoll ist Bacchus Gabe,
    Balsam für’s zerrissne Herz.

    Prost,
    Peter

  3. Gerhard Mersmann Autor

    Lieber Wilhelm,
    wieder d´accord. Auch da habe ich Beispiele, Kafka zum Beispiel, den hat mir ein Lehrer dermaßen kaputt gemacht, dass ich heute noch darunter leide. Dein Plädoyer für die Abschaffung der Schule teile ich allerdings nicht. Auch wenn alles nichts wid, wenn keine Passion vorhanden ist!
    Gerd

    1. Nitya

      Heute hinterlasse ich anscheinend des öfteren einen falschen Eindruck. Nein, Abschaffung der Schule ist nicht die Antwort, um die es mir geht. Die heute schon fast wieder in Vergessenheit geratene Summerhill-Schule mit Alexander Neill fällt mir gerade ein oder die Art wie Prof. Gerald Hüther an die Sache herangeht. Die Schule als Stätte der Bildungsangbote und Einrichtung für bildungshungrige Kinder. Kinder sind bildungshungrig, falls ihre Neugier und Wissbegierede nicht gewaltsam von Elternhaus und Schule unterdrückt wurde. Kleines Beispiel:Ich bekam einmal einen Verweis wegen Unterrichtssabotage, nur weil ich ein Frage stellte, die der Herr Oberstudienrat nicht beantworten konnte. Die Frage war durchaus relevant und ganz ernsthaft von mir gestellt.

      Ich kann dir nur aus tiefster Seele zu stimmen: Ohne Passion wird alles nichts.

      Dir noch einen feinen Tag!
      Wilhelm

      1. SalvaVenia

        Ja, an Summerhill als Konzept würde sich Deutschland nie herantrauen, denke ich. Da ist man vielerorts ja bereits mit den Waldorfschulen überfordert.

  4. SalvaVenia

    Das alles scheint so ein bißchen koordinierte Kriegsführung zu sein, die Fähigkeit des Denkens verkümmern lassen zu wollen. Und weil das auf direktem Wege eben nicht gar so einfach ist, macht man es even via Systemveränderung, sprich Lehrpläne etc. pp.

    Ich verlinke da mal auf einen Post von mir, der das von Ihnen Gesagte m.E. kongenial ergänzt: Wege aus der Bildungskrise. – Oder warum das Trivium ein vielversprechender Ansatz wäre https://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/06/16/wege-aus-der-bildungskrise-oder-warum-das-trivium-ein-vielversprechender-ansatz-ware/.

    Danke für dieses wichtige Thema und herzliche Grüße. 🙂

  5. entdeckeengland

    Lieber Gerd, da hast Du ja ein Thema angeschnitten… Schule, Bildung und Erziehung sind bei uns und unseren Freunden ein ganz großes Thema. Hier in England beginnt die Schulpflicht mit vier Jahren. Unser Kleiner Entdecker ist sogar schon mit drei in die Nursery, also so eine Art Vorschule gegangen. Unseren deutschen Freunden ist das ein Graus. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass es schadet. Der Stoff wird langsamer und assoziativ gelehrt. Buchstaben werden bestimmten Themen

  6. entdeckeengland

    Ach, jetzt bin ich zwischendurch auf die falsche Taste gekommen…
    Zum Beispiel b für butterfly, die Kinder konnten beobachten, wir Raupen zu Schmetterlingen wurden, und haben Schmetterlinge gemalt und gleichzeitig gelernt, was Symmetrie ist. Ich finde das Konzept gut und lebensnah. Wie es später wird, weiß ich noch nicht. Aber ich stimme Dir zu, gerade die Literatur regt zum Eigenständigen Denken an, und das ist es, was uns als Menschen eigentlich ausmacht. Wir wollen aus unseren Kindern ja keine Maschinen machen. Danke für den tollen Beitrag. Liebe Grüße, Peggy

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