Luz

Manchmal ist es sinnvoller, die Komplexität des Daseins mit seinen unterschiedlichen Wirkungsfaktoren zunächst auszublenden. Die einfache Beobachtung allein reicht in glücklichen Momenten aus, um das ganze Gewebe um das Sein von selbst hervorzuzaubern. Da braucht es weder geographische noch kalendarische Daten, weil das Profane alles verrät. Der Mikrokosmos ist oft stärker als die ganze Wucht des Makrokosmos.

Auf einem Platz vor einem kleinen Café direkt am Meer, wo vorwiegend Gäste aus England verkehrten, die vor allem wegen der dort angebotenen Scones mit Clotted Cream erschienen, bediente eine junge Frau. Sie bestach durch ihre Übersicht und Eloquenz. Die junge Frau ging von Tisch zu Tisch, während sie stets alle Gäste im Auge behielt. Bei jeder Bestellung und jeder Auslieferung unterhielt sie sich mit den verschiedenen Gästen. Hier war es eine kurze Unterhaltung auf Englisch, dort verfiel sie ins Portugiesische oder Spanische, mal brillierte sie mit einem guten Deutsch und selbst Niederländisch hatte sie in ihrem Repertoire. Über ihre sprachliche Kompetenz hinaus wirkte sie mit ihrer Fähigkeit, auf die konkreten Bedürfnisse und die unterschiedlichen Vorstellungswelten der Gäste einzugehen. Letztere dankten es ihr mit freundlichen Gesten und üppigen Trinkgeldern.

Doch da war etwas, was auch auffiel. Immer, wenn sie zurück in das kleine Café ging, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wurde ernst. Ab und zu rauchte sie eine Zigarette mit dem Staff hinter der Theke. Dann wirkte sie sehr geschäftsmäßig und unterschied sich in keiner Weise von den zumeist gestressten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer jeden Gastronomie. Und jedes Mal, wenn sie zurück auf den frei liegenden Platz mit den Tischen kam, der eine wunderbare Sicht auf das Meer bot, verwandelte sie sich in die Meisterin der Interaktion, die allen Gästen so sehr gefiel. Sie war schätzungsweise dreißig Jahre alt, sah sehr gut aus und verriet durch ihre Physiognomie eine gewisse Extravaganz.

Wie gesagt, bei genauer Betrachtung fiel ein sich immer wieder vollziehender Rollenwechsel auf. Wenn sie ins Café ging, dann schien es, als kehrte sie hinter die Kulissen zurück. Und immer, wenn sie von neuem auf dem Platz erschien, wirkte es, als betrete sie eine Bühne. So verwunderte es eigentlich nicht, als sich in einem Gespräch herausstellte, dass sie von Beruf Schauspielerin war und im fernen Lissabon gearbeitet hatte. Auf die Frage, was sie hierher, ans Meer, in einen Ort getrieben habe, in dem sich Touristen aus anderen Ländern herumtrieben, antwortete sie, dass ihre Bühne habe schließen müssen, weil es keine Zuschüsse mehr gegeben habe. Aber, und das schoss aus ihr heraus, obwohl sie gar nicht gefragt wurde, als Kellnerin verdiene sie nicht nur besser als in ihrem eigentlichen Beruf, sondern die Einkünfte seien sogar regelmäßig und sie habe geregelte Arbeitszeiten.

Dennoch wurde deutlich, dass sie etwas vermisste, das ihre von ihr gewählte Rolle mit den Scones nicht kompensieren konnte. Wie es so ist, derartige Gespräche setzen sich manchmal nach Tagen fort. Und so ergab sich, dass sie an einem Nachmittag, an dem relativ wenig Betrieb war und sich über dem Meer Wolken gebildet hatten, mehr von sich gab, als es ihr ihre Rolle erlaubt hätte. Da wurde deutlich, dass ihr Lebenstraum zerstört worden war. Nicht nur ihre Bühne, so berichtete sie, hätte schließen müssen, sondern alle Bühnen und Arrangements, die noch irgend eine Möglichkeit geboten hätten, in ihrem Beruf als Schauspielerin weiter zu arbeiten. Sie töten alles, sagte sie, sie töten alles in Portugal, die Kultur und die Hoffnung. Dabei blickte sie aufs Meer und für einen kurzen Augenblick traten dieser so lebenslustig wirkenden Frau Tränen in die Augen. Doch ehe sie in sich zusammenbrach, fand sie Halt am Horizont und sie zwang sich ein Lächeln zurück ins Gesicht. Wie gesagt, die Frau hatte Talent. Als sie den Tisch abräumte, hätte das auch eine Metapher sein können für die Jugend Europas. In Luz, am Meer, als die Wolken am Himmel waren.

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11 Gedanken zu „Luz

  1. mcralf

    Merkels und Schäubles Austeritätspolitik killt die Hoffnungen von Millionen jungen Menschen in Südeuropa. Eine marktkonforme Demokratie braucht übrigens keine Theater… 😦

  2. westendstorie

    Oh lieber Gerd. Welch schöne, wenn auch so traurige Geschichte. !
    Aber genau anhand solcher „Einzelschicksale“ lässt sich die gnadenlose Realität die herrscht ein wenig genauer betrachtet werden. Und mancher Mensch realisiert was außerhalb vom Schönsofa Deutschland so los ist. Auch wenn natürlich auch hier sehr sehr viele Missstände (dreimal s. ich glaub´s nicht 😀 ) herrschen.

  3. sirpamononen

    was für eine wunderbare geschichte, direkt aus dem leben gegriffen. oh ja, das verhalten einer person ist oft entweder ein ausdruck ihres authentischen seins oder folge / kombinierung eines rollenspiels. ich möchte so gerne denken, dass die junge frau einfach absichtsfrei, spontan auf das gegebene reagiert hat, um die einengende welt zu vergessen 🙂

  4. gkazakou

    Die Theater schließen … und die wunderbaren portugiesischen Fayencen fallen von den Facaden (Porto). Die Treffen der Eurokraten aber finden statt in Hotelsuiten so groß ist wie die Quartiere der Fischer mit ihren schmalbrüstigen Häusern. (Ich habs erlebt in Sesimbra).

  5. kaetheknobloch

    Ihre Sprache lebt, Herr Mersmann, die Kopfkinoapparatur rattert auf Hochtouren und projeziert das Bild der Frau präzise in allen Nuancen. Soviel Traurigkeit in soviel kraftvoller Schönheit, man möchte still um den Verlust von Kunst weinen.
    Danke und herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch.

  6. almabu

    Chapeau! Das haut einem glatt die Beine weg. Diese Story erzählt mehr von der Realität als eine Statistik in irgendeinem Wirtschaftsteil in irgendeinem dreimalklugen Blatt…

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