Die schwäbische Zuchthauspraline

Es ist wie es ist und es bleibt, wie es war. Vieles an menschlicher Haltung und Reaktion verändert sich selbst aus historischer Perspektive sehr langsam. Menschen sind keine Maschinen. Das ist einerseits beruhigend, andererseits führt es aber immer wieder zu Irritationen. Eben weil technisch sich schon längst alles verändert hat, die Menschen aber noch Verhaltensweisen an den Tag legen, die so weit vom Dreißigjährigen Krieg nicht entfernt sind. Da gibt es bis heute interessante Typologien, den bayrischen oder westfälischen Katholizismus, geprägt durch Lebensfreude und Nonchalance, die rheinische Variante, die nahezu mediterrane Züge trägt, den Hamburger Kaufmann, der Geschäftssinn mit Generosität, Weitsicht und Geduld zu verbinden versteht, den Berliner Protestantismus, der die notwendige Kühle, aber auch den Pragmatismus besitzt, um mit der Macht zu jonglieren und den schwäbischen Protestantismus, der das Geld und die Sparsamkeit in den Mittelpunkt des Universums rückt.

Nun, im Jetzt, erleben wir eine Konkordanz von Berliner und schwäbischem Protestantismus, wobei letzterem das Augenmerk geschenkt werden soll. Der schwäbische Protestantismus findet seine Krönung in der Figur des Bundesfinanzministers, der seine eigene Geschichte hat. Er, so schreiben viele, sei der eigentliche Vater der Wiedervereinigung. Sein Vertragswerk wickelte die alte DDR ab wie eine Schrottimmobilie und noch bevor die Tinte unter dem Einigungsvertrag trocken war, sausten die Abrissbirnen in die Monumente der ehemaligen Ost-Ökonomie. Das war schon ein Meisterstück, das zu Höherem empfahl und deshalb verwundert es nicht, dass eben dieser Mann nun die europäische Zuchtpeitsche schwingt, wenn es um die Eintreibung von Schulden geht. Dass dabei die zahlen müssen, die die Schulden gar nicht gemacht haben, spielt weniger eine Rolle. Das nämlich ist das Eigene am schwäbischen Protestantismus, die Lust- und Lebensfeindlichkeit ist ein Wert an sich. Lässt man diesem System freien Lauf, dann treibt es die betroffenen Menschen in eine Radikalisierung sondergleichen. Dafür gibt es berühmte, traurige Beispiele, der Name Gudrun Ensslin gehört zu den prominenten.

Es gehört nicht viel Imaginationskraft dazu, sich vorzustellen, wie der juvenile Bonvivant und neue griechische Finanzminister, der das Hemd über der Hose zu tragen pflegt, auf diese Ikone des schwäbischen Protestantismus wirkt. Auf jeden Fall werden die Gefühle, die er dort auslöst, nicht mit denen korrespondieren, die dieser bis jetzt bei Journalistinnen ausgelöst hat. Aber wenn der schwäbische Protestantismus eine Tugend kennt, dann ist es die der Disziplin. Und genau diese fordert er ein von der neuen griechischen Regierung. Dass es dabei um die Erfüllung von Verträgen geht, die auf europäischer Seite nicht von demokratisch legitimierten Unterhändlern verfasst wurden, interessiert dabei nicht. Und genau da ist das Problem: Ideologien begreifen sich immer als Absolutum und verweigern sich der Relativierung. Letzteres wäre allerdings erforderlich, um aus einem ungerechten Artefakt eine Perspektive für ein integriertes Griechenland zu machen. Wie sagte heute, unter Beobachtung des schwäbischen Peitschenschwingers, der Franzose Moscovici? Wir müssen logisch, und nicht ideologisch sein.

Vor vielen Jahren, da gab es hier, im Südwesten, eine Kneipe, die alle nur Zum Karl nannten. So hieß der Wirt. Irgendwann, wenn die Nacht lang war, landete man dort. Das Bier war schrecklich und das letzte Glas gehörte in der Regel zu denen, die den Unterschied machten. Und immer, wenn ein armer Teufel diese Grenze zu überschreiten drohte, rief der fürsorgliche Wirt durch den verqualmten Äther, er habe noch schwäbische Zuchthauspralinen. Er meinte damit Frikadellen, und zwar die schlechtesten weltweit, die unter einer Glasglocke auf dem Tresen standen. Und alle wussten, dass ihr Konsum sofort zur brutalen Ernüchterung und gleichzeitigen Erkrankung führte. Dass diese sich irgendwann einmal als Metapher für einen deutschen Finanzminister eignen sollten, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.

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5 Gedanken zu „Die schwäbische Zuchthauspraline

  1. ullakeienburg

    Die Frikadellen und den evangelikalen Schwaben zusammen zubringen, dabei die Pfarrerstochter noch als BrücKenpfeiler mit einzuziehen…… CHAPEAU! Danke! 🙂

  2. Klugscheißer

    Schöner Artikel. Allerdings gibt es vielleicht ein Problem, insbesondere mit der Pointe. Schäuble stammt aus Freiburg und damit aus Baden. Er ist Badenser, kein Schwob. Rinnjehauen

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