Ein martialisch anmutendes Mosaik

Die Frage scheint müßig zu sein, ob die einzelnen Steinchen, die letztendlich ein Gesamtbild ergeben, von Anfang an so gelegt wurden, dass ein Mosaik entstand. Manchmal ist es so, dann folgen die Akteure einem Masterplan. Manchmal ist es nicht so, und dennoch entsteht ein Bild, das letztendlich Sinn macht. Angesichts des finalen Bildes ist es sicherlich von Interesse, ob es intentional oder intuitiv entstand, aber hinsichtlich seiner Wirkung sollte es diejenigen, die davon betroffen sind, nicht sonderlich interessieren, ob Artefakt oder Zufall.

Beim Lesen der Nachrichten werden die Zeitgenossen, die jede Meldung kritisch hinterfragen, seit einiger Zeit von dem unguten Gefühl beschlichen, dass hinter vielen kleinen Einzelhandlungen ein großes Design steckt. Andere wiederum warnen vor Verschwörungstheorien, die zumeist dazu führen, dass deren Anhängerschaft den Blick auf die Realität verliert. Was allerdings bei aller Vorsicht ratsam zu sein scheint, ist, die Fakten, die beunruhigen, kühlen Gemütes aufzureihen, sich auf Distanz zu begeben und dann noch einmal kontemplativ darauf zu schauen. Zumeist ist die Wirkung dann bestechend.

Die publizistischen Entgleisungen gegenüber Griechenland nehmen zu, eine durch keinen demokratischen Prozess legitimierte Troika wird einer frei gewählten griechischen Regierung durch die EU aufgezwungen. Eine breit angelegte Berichterstattung über den Mord an dem russischen Oppositionsführer Boris Nemzow ist, wahrscheinlich zu Recht, skeptisch gegenüber den russischen Ermittlungsbehörden und legitimiert damit ihre eigene Tendenztiraden. Der wild an den Tag gelegte Enthüllungswille ist in Bezug auf den NSU-Prozess im eigenen Lande, der genug Indizien böte, um die ganze russische Judikative wie Exekutive in Grund und Boden zu schreiben, seltsam an die Kette gelegt. Jean-Claude Juncker, der endlich seinem Namen alle Ehre macht, hat schon einmal den Gedanken in die Sphäre gerufen, dass eine europäische Armee doch das adäquateste Mittel sei, um den europäischen Werten den erforderlichen Nachdruck zu verleihen. Damit hat er die Giftroute des modernen Militarismus hoffähig gemacht. Wer unseren Werten nicht entspricht, der bekommt einen Gruß von der blauen Armee. Die Grünen werden es gerne hören, aber es wäre das Ende der Diplomatie, die in der Aufklärung entstand und das Equilibrium als Leitmotiv hatte. Die Renaissance der Kreuzzüge wäre gewährleistet.

Nach sieben Jahren reist die Kanzlerin einmal wieder nach Japan. Laut Bulletin aus dem eigenen Haus ist das angesichts der Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern unbedingt erforderlich. Dabei ist den Bankrotteuren Europas, die wir jeden Abend im Fernsehen sehen, nichts mehr entlegen genug, als dass sie dabei das Gefühl der eigenen Kompromittierung noch verspürten. Denn nach den salbungsvollen Worten über wirtschaftliche und wissenschaftliche Beziehungen wie die von Merkel unterstrichene Notwendigkeit des Atomausstiegs, wahrscheinlich wieder ein europäischer Wert, den eine Armee verteidigen könnte, kam sie zielsicher auf Russland zu sprechen. Und natürlich verhandelt man in Tokio, wie die Revitalisierung der Achse Berlin-Tokio dem russischen Bären das Leben schwer machen könnte. Mit Fleiß und Verbissenheit wird an der erneuten Spaltung der Welt gearbeitet, was an der verstärkten Liaison zwischen China und Russland manifest wird.

Nur der sozialdemokratische Wirtschaftsminister passt da nicht so ganz ins Bild. Er fuhr nach Saudi-Arabien, lehnte die dringendsten Rüstungswünsche seitens des Sklavenhalterstaates ab und setzte sich für einen Blogger ein. Dennoch sind die Konturen eines Mosaikes, das martialisch anmutet, deutlich zu erkennen. Und die Konturen werden täglich durch neue Nachrichten reproduziert. Und die scheußliche Aussage wird nicht gemildert durch ein Feigenblatt.

Advertisements

3 Gedanken zu „Ein martialisch anmutendes Mosaik

  1. guinness44

    Man kann die Fakten auch ansders lesen:

    Griechenland: eine demokratische Regierung nach der anderen hat auf Pump gelebt, wie so ziemlich jede andere westliche Regierung auch und auf einmal haben sie kein Geld mehr bekommen. So wie einige andere Länder auch. Die anderen Länder haben sich geändert und ernten die ersten Erfolge. Die Griechen haben sich genug geändert und wollen das alte Leben zurück. Ein verständlicher Wunsch. Aber es gibt ihnen trotzdem niemand Geld, da eventuell Kreditgeber nicht an eine Rückzahlung glauben. Die einzigen die weiterhin Geld geben sind IWF, EZB und Euroländer. Ob diese Institutionen demokratisch legitimiert sind ist völlig irrelevant. Der berühmte Kredithai hat auch keine BaFin Lizenz. Da geht man auch erst hin, wenn man keine Alternative hat. Sogesehen ist die Troika geradezu locker.

    Die europäische Armee. Niemand der Einzelstaaten hat eine funktionierende Armee. Man schaue sich die Trauerspiele der Bundeswehr bzgl A400M, Tiger, Marinehubschrauber, etc an. Bei den Franzosen ist es nicht besser und die Briten sind mit den wenigen Einsätzen ausgelastet. Wenn man sich dann anschaut wie schwerfällig die Entscheidungsfindung innerhalb der EU ist, dann werden wir diese EU Armee nicht mehr erleben.
    Russland: das einzige Land, dass in letzter Zeit Grenzen überschritten und andere Gebiete annektiert hat. Es ist das einzige Land, dass aggressiv auftritt.
    Zur Achse Tokio-Berlin: In Anbetracht der Stritkräfte beider Länder im Vergleich zu Russland kann man sich jeden Kommentar sparen. Zu den wirtschaftlichen Beziehungen ist nur das gesagt worden was die ganze Zeit bereits gesagt wurde.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Natürlich kann man das so lesen. Das ist ja genau das, was immer suggeriert wird. Aber das befriedigt mich einfach nicht mehr. Das Denken in doppelten Standards, das man früher immer sehr gut bei den USA nachweisen konnte, ist leider ein ureigenes europäisches und deutsches Phänomen geworden.Jeder einzelne Punkt ist auch von der anderen Seite betrachtbar und genau das befriedigt eben nicht. Ist die Schenkung der Krim an die Ukraine in einer Wodkalaune völkerrechtskräftig gewesen? Ist die Finanzierung einer Mafiaregierung im Kosovo ein humanistischer Akt? Ist der Krieg gegen über 12 Millionen Russen in der Ukraine eine Geste der Freiheit? Sind Rentenkürzungen in Griechenland um 50 Prozent ok, während die auch von den Krediten profitierenden Reeder-Milliardäre unbeschadet in Berlin die Sahne-Immobilien kaufen? Ist das ein Modell von Schuldbegleichung, das überzeugt? Ist die Privatisierung von kernverwaltung, Gesundheit und Bildung etwas, das eine Nation, mit der man sich in Freundschaft wähnt, tatsächlich nach vorne bringt?

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.