Krokodilstränen in Tunis

Manchen Ereignissen haftet etwas Absurdes an. Sie geschehen und es scheint so, als kämen sie aus heiterem Himmel. Bei näherer Betrachtung liegt jedoch der Schluss nahe, dass das, was aufgrund seiner Plötzlichkeit und seines Ausmaßes so schockierte, das Ergebnis einer langen Entwicklung ist, um die vor allem diejenigen, die nun das aktuelle Ereignis so laut beklagen, bereits lange wussten. Der Anschlag auf ein Museum im Zentrum von Tunis vor zwei Tagen, bei dem 19 Menschen ums Leben kamen, ist ein solches Ereignis.

Bereits kurz nach dem Sturz Ben Alis bei der so genannten Jasmin-Revolution im Jahr 2011 wurde sehr deutlich, dass sich in Tunesien, dem ersten Land, das von da an unter der Bezeichnung Arabellion figurierte, keine Mehrheit vorhanden war, die die Kontur des Landes für die Zukunft bestimmen konnte. Es existierte ein Patt zwischen einer säkularen, auf die Bildung demokratischer Institutionen ausgerichtete Bewegung und eine aus dem religiösen Charitarismus stammenden Fraktion. Letztere begann kurz nach den Wahlen, die eine Periode bestimmen sollten, in der eine Verfassung formuliert werden sollte, mit der Unterwanderung aller strategisch wichtigen Positionen im Staatsapparat. Zudem organisierte sie Schwadrone, die anlässlich religiös nicht korrekter Verhaltensweisen die Zivilbevölkerung terrorisieren. Die sich nach und nach als islamistisch entpuppende Ennahda war es dann auch, die für Morde an Oppositionspolitikern aus dem säkular-demokratischen Lager sorgte.

Es war der damals amtierende Außenminister Westerwelle, die Sonnenfinsternis deutscher Diplomatie, die mit Avancen an die Vertreter dieser Ennahda nicht sparte, obwohl in Tunesien bereits jeder Taxifahrer darüber berichten konnte, dass in der Wüste an der libyschen Grenze, eindeutig auf tunesischen Territorium, Ausbildungs- und Trainingslager für islamistische Krieger etabliert waren, die nichts Gutes verhießen. Die Entwicklung Tunesiens seit diesen frühen Stunden der Demokratie ist eine verhängnisvolle. Heute ist das Land eine der bedeutendsten Rekrutierungsstellen für den islamistischen Terror, das Parlament und der Versuch, das Land auf einen demokratischen Weg zu bringen, erscheint nahezu belanglos angesichts der tatsächlichen Kräfteverhältnisse im Land.

Strukturell stand das Land bei der Revolte gegen den Diktator Ben Ali vor einer großen Herausforderung. Nahezu 50 Prozent der in hohem Maße vorhandenen Akademiker war ohne Arbeit. Die tunesische Wirtschaft bot ihnen keine Möglichkeiten, was dazu führte, dass die Diplomaten der ersten Stunde des neuen Starts in Länder wie Deutschland reisten, um die jungen Tunesierinnen und Tunesier einem nach qualifizierten Arbeitskräften schreienden Markt anzubieten. Dort ignorierte man diese Angebote und reiste lieber nach Spanien, um dortige arbeitslose junge Menschen nach Deutschland zu holen. Weder hat sich die tunesische Wirtschaft in den letzten Jahren neu positionieren können noch ist mit dem Zweig, der immerhin noch Beschäftigung bot, dem Tourismus, nach der regelrechten Hinrichtung der Touristen in Tunis, in Zukunft zu rechnen. Das war gezielt, sehr gezielt. Somit sind strukturell massenhaft neue Arbeitskräfte für den islamistischen Terrorismus gesichert.

Das Fatale an der Situation ist die Möglichkeit, die Durchführung einer geplanten Strategie nahezu im Zeitlupentempo dokumentieren zu können. Alle Beteiligten wussten, wohin die Reise geht. Die demokratische Opposition, die selbst zu schwach war und keine Unterstützung aus dem Ausland bekam, eine Bundesregierung, die in Tunesien immer noch als Freund gilt, die aber auf Nichteinmischung pochte und das international vernetzte Terrorlager, das gerade machte, was es wollte. Dort, wo eine tatsächlich nach Demokratie strebende Opposition auf verlorenem Posten steht und gezielt gemeuchelt wird, besteht die Rhetorik Deutschlands aus dem Vokabular einer Diplomatie, die im Falle Ukraine längst geopfert wurde. 

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3 Gedanken zu „Krokodilstränen in Tunis

  1. Lebensmelodie

    Vielen Dank für diese differenzierte, wohlerwogene Analyse der jüngsten Geschehnisse. Welch ein Jammer, dass man derlei Hintergrundanalysen heutzutage kaum noch in den sogenannten „Qualitätsmedien“ findet.

  2. S.Wenke

    Vielen Dank für diese differenzierte Poesie „Sonnenfinsternis deutscher Diplomatie“.
    Können Sie mir bitte den Taxifahrer nennen, der ihnen dies berichtet hat. Quellenangaben sollten für einen nicht unbedarften Wissenschaftler kein Hindernis sein.
    Wie wäre es z.B. mal mit Lösungsvorschlägen?
    So brutal es klingen mag, es gibt notwendige Kriegseintritte. Der 2. Weltkrieg ist hier nur ein Beispiel.
    Si vis pacem para bellum
    Die einzige Grossmacht, die hierzu in der Lage wäre, kommt bei ihnen ja auch nicht gut weg.
    quid faciam

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