Die Institutionalisierung von Ideen

Die Ressorts, in die Politik aufgeteilt ist, haben etwas mit den Grundfunktionen einer Gesellschaft zu tun. Das ist banal wie notwendig. Es geht um Ordnung, es geht um Soziales, es geht um die Wirtschaft und es geht um Verteidigung. Das sind die Aspekte, um die ein Gemeinwesen in der Regel nicht herumkommt bzw. die zum Wesen einer Gesellschaft gehören. Bei genauem Hinschauen ist das sogar noch differenzierter. In der Regel reichen diese Ressorts aus, um den Staat zu organisieren und funktionsfähig zu halten. Alles andere obliegt der Fähigkeit der Akteure. Nicht alles, nicht jeder Aspekt verlangt nach einer eigenen Organisation. Es sei denn, die Handelnden fühlen sich durch eine neue, andersartige oder komplexe Aufgabe in ihrem Handeln so überfordert, dass man sie durch eine eigene Organisation entlasten müsste. 

Es begann in den achtziger Jahren. Im politischen Diskurs wurden Arbeitsfelder entdeckt, die zumindest in der Relevanz bei Wahlen vorher keine, dann aber eine zunehmend große Rolle spielten. Um sich dieser Themen anzunehmen, wurden Funktionen geschaffen, die weniger auf Bundes-, mehr aber auf Landes- und kommunaler Ebene institutionalisiert wurden. Es entstanden die so genannten Querschnittsfunktionen, die zumeist repräsentiert wurden durch Einzelpersonen mit spärlich besetzten Büros. Zum einen waren sie ein Zeichen dafür, dass Fragen wie die der Immigration, der Frauenemanzipation oder der Ökologie zumindest von der in Regierungsmacht stehenden Politik wahrgenommen wurden. Zum anderen hatte die Etablierung dieser Funktionen verheerende Folgen für den Fortschritt im kollektiven Denken. Sie wurden institutionell marginalisiert und aus den grundlegenden Überlegungen zur gesellschaftlichen Geschäftsführung verbannt.

So gut gemeint das Unterfangen einer Institutionalisierung wichtiger Aspekte des politischen Diskurses auch war, so sehr entledigte es den Rest der Funktionsträger wie die Gesellschaft, die Fragen, die mit dem Aspekt verbunden sind, direkt im eigenen Bereich zu klären und praktische Lösungsansätze zu entwickeln. Alles, was mit dem Thema Immigration zu tun hatte, landete auf dem Tisch der damals noch genannten Ausländerbeauftragten. Diese waren schnell überfordert und der Rest nutzte sie wie einen Filter, um die eigene Arbeit ungestörter machen zu können. Im Grunde genommen ist die Herausbildung von Querschnittsfunktionen in der staatlichen Organisation ein typischer Fall aus der systemischen Theorie: Die Komplexität des politischen Diskurses erhöht sich, diese wird reduziert durch die Schaffung einer neuen Funktion, die vor allem zur Aufgabe hat, das prä-existierende System nicht durch den neuen Aspekt zu gefährden. Regel Nummer Eins: Systeme streben zunächst danach, sich selbst zu erhalten. Erst in zweiter Linie kümmern sie sich darum, was sie laut Etikett machen sollen.

Und so ist es kein Wunder, dass mit der wachsenden Komplexität des politischen Diskurses eine regelrechte Bürokratisierungswelle einsetzte. Die Anzahl der Sonderfunktionen in der Exekutive stieg in den letzten Jahrzehnten rasant. Und es ist ebenso kein Wunder, dass die politische Wirkung der institutionalisierten Fragestellungen weit unter den Erwartungen der Wohlmeinenden blieb. Auch dort gilt und galt die Regel Nummer Eins der Systemtheorie: Erstens Selbsterhaltung, zweitens das tun, was draufsteht. Hinzu kommt, dass die anderen, so genannten lebenswichtigen Systeme der Frage entledigt sind.  

Mit der Diskussion über die Ausdifferenzierung der Gesellschaft und der damit verbundenen Diversität steht eine erneute Institutionalisierungswelle bevor. Sie wird nicht dazu führen, die Ideen, die sich mit dem Denken in Diversitätsdimensionen verbinden, zur gesellschaftlichen Entfaltung kommen zu lassen. Es geht um politischen Proporz und Kontingentierung. Nicht um eine Liberalisierung der Gesellschaft. Ganz im Gegenteil: Bürokraten morden immer die Idee. 

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6 Gedanken zu „Die Institutionalisierung von Ideen

  1. alphachamber

    Und diese Prozesse zerstören langsam aber sicher die wirtschaftlichen und sozialen Institutionen. Es reicht nicht, die vielen kleinen „Terminator-Babies“ zu zerstören. Man muss alle Eier des „Mutter-Biomechanismus“ verbrennen 🙂

  2. flowerywallpaper

    Hallo Gerd.
    Ja, das hast du gut be- und geschrieben. Speziell den Beginn dieser Prozesse. In einer Aussage muss ich dir recht geben. Das ist die im letzten Satz. „Bürokraten morden die Ideen.“ Für alles andere in deinem Denkprozess erkenne ich, dass du und die Kommentatoren dieser Seite nie in der echten Politik gehandelt habt. Ich habe 20 Jahre Kommunalpolitik hinter mir und habe alle Seiten dieses Verhaltens beobachten können. Ich kann dir sagen, die Institutionalisierung selbst macht Sinn und ist, oder sollte eine große Hilfe sein den Politiker erstens in seiner Flut von Arbeit zu entlasten und zweitens fachlich zur Seite zu stehen. Aber, und nun komme ich zur Kritik die man als Außenstehender erhält. Der Fehler liegt bei den agierenden Menschen auf beiden Seiten. Wenn ich etwas delegiere, oder institutionalisiere, habe ich einmal ein „Problem“ erkannt und es zur „Bearbeitung“ übertragen. Das was ich als menschliche bezeichne ist, ich kümmere mich nicht mehr weiter darum. Richtig wäre es, wenn der Delegierende wie eine Lehrperson den Schüler immer überprüft ob er die Aufgaben gemacht hat und wie hoch sein Wissensstand ist. Nach meiner Erfahrung passiert das in der Praxis (fast) nie. Wieder meiner Meinung nach haben die, die du „Bürokraten“ nennst auch die menschliche Schwäche ihren Posten als wichtig zu beschreiben und wollen ihn bis zu ihrem Lebensende halten. Gut. Aber der Fehler liegt bei denen, die weder kontrollieren noch nach einer Evaluation nicht den Mut (oder Wissen) haben etwas zu ändern oder zu steuern. Ganz schlimm, oder ganz natürlich zu merken ist, wenn politische Wechsel stattgefunden haben. So „passiert“ es am häufigsten, dass etwas „weitergeschrieben“ wird, was eigentlich schon längst überholt ist. Mein Rezept wäre, und da bin ich wahrscheinlich allein auf weiter Flur, alle diese ausgelagerten Arbeiten befristet zu fixieren. Erst nach dieser dann ständigen Überprüfung käme auf, ob diese Institution noch gebraucht wird und dann auch, ob diese Person, oder Personen diese ihr übertragene Aufgabe erfüllen konnte und weiterhin kann. Damit könnte man dieses „Beamten sein“ in den Griff bekommen. Wie gesagt, das ist meine Erkenntnis von 20 Jahren. Grüße zu dir, Ernestus

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Ernestus,
      ich kenne die Kommunalverwaltung sehr gut von innen. Selbstverständlich ist es zu bestimmten Zeitpunkten nicht falsch, jemanden mit einer bestimmten Funktion zu beauftragen. Neben der Gefahr für die Person selbst, sich in der Funktion zu verselbständigen lauert aber immer noch bei allen anderen die Versuchung, selbst den Aspekt dann auszublenden und der Stabsfunktion alles zuzuweisen, was aber auch selbst ihr ureigenstes Geschäft wäre. Das Ergebnis ist bei einem solchen Fall, der leider die Regel ist, niederschmetternd. Daher ist meine Skepsis groß, dass diese Verfahrensweise zielführend ist.
      Herzliche Grüße
      Gerd

      1. flowerywallpaper

        Ja, so ist es. Nenne es politische Menschlichkeit. Erkennt man es und möchte sogar etwas ändern, ist man schon Außenseiter. (ist auch im Bildungsbereich so).

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