Leitlinien und Sehnsüchte

Überall in unserem Kulturkreis mehren sich die Kodices und Leitlinien, in denen der Umgang des Miteinander beschrieben wird. Aber dabei handelt es sich nicht um den Umgang, wie er tatsächlich praktiziert wird, sondern die Verkehrsform, die sich theoretisch alle wünschen. Wichtig ist, dass das Geschriebene konsensfähig ist, sonst hat es keine heilende Wirkung. Denn oft reicht die Geste einer Vereinbarung allein, um die Wogen der Unruhe, die zuweilen jedes soziale System ereilt, für eine Weile zu glätten. Oft ist es sogar so, dass alle Beteiligten um die Halbwertzeit des Niedergeschriebenen zur Zeit seiner Entstehung bereits wissen, aber dann ist das bereits der Konsens. 

Nichts gegen den Nutzen von Richtlinien und Regelwerken. Sie sind eine Totenmaske jeder bestehenden Organisation und lassen Rückschlüsse über deren Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten zu. Zudem zeigen sie allen Beteiligten den Willen, in welche Richtung sich die Organisation bewegen soll. Die Qualität der Formulierungen jedoch ist es, die näheres Augenmerk verdient. Sie verrät zumeist jenseits der harten Fakten, die damit zum Ausdruck gebracht werden sollen, welcher Geist und welche Sehnsüchte sich hinter den Leitsternen verbergen.

Da existiert der ganz sachliche, nüchterne Stil, der zumeist der ist, dem das größte Zutrauen gebührt. Er versucht so konkret wie möglich zu beschreiben, was erreicht werden soll und er scheut sich nicht, auch die konkreten, beobachtbaren Erscheinungen zu nennen, an denen der Fortschritt in Bezug auf das Ziel festgemacht werden kann. Nicht, dass sich solche Texte, wie manchmal leider auch geschehen, zu profanen Rezepten degradieren werden könnten, denn dem Rezept und seiner Befolgung fehlt oft der Geist, oder das notwendige Spirituelle. Nein, der sachliche Text muss ein wenig Illusion konservieren, doch gleichzeitig muss er auch die Gravitationskräfte des Alltags spürbar machen.

Dagegen steht der sehr oft verwendete Text, der trösten soll und Sehnsüchte verrät, die jenseits der irdischen Erreichbarkeit beheimatet sind. Diese Texte sind auch interessant zu lesen, allerdings aufgrund eines gänzlich anderen Aspektes als dem der Realisierung. In ihnen sehen wir oft das, was emotional am meisten vermisst wird. Und so verklärt sie auch zum Teil formuliert sind, so viel Kritik an den tatsächlich bestehenden Verhältnissen geben sie preis. Natürlich tragen sie nicht dazu bei, die tatsächlichen Verhältnisse zu verändern. Das wissen die beteiligten Akteure zuerst am besten. Aber sie leisten etwas in Bezug auf die Reinigung der Seele, sie geben der Sehnsucht ein Ventil, das der schnöden Realität, die keine Hoffnung mehr birgt, entgegengesetzt wird.

So sehr die Zeitgenossen sich inspirierter fühlen durch die Prosa, die in den feurig und mit Herzblut geschriebenen Leitsätzen stehen, so wenig sind sie dazu geeignet, eine Änderung der Verhältnisse zu erwirken. Allen literarisch begeisterten Menschen muss die Erkenntnis zuwiderlaufen, dass es gerade die kalten, nüchternen, überprüfbaren Texte sind, die zu der Machbarkeit der Veränderung beitragen. Um es literarisch auszudrücken: Ein Wladimir Majakowskij hat die Menschen begeistert und sie in Rauschzustände versetzt, er vermochte aber nicht zu vermitteln, wie der Wandel denn ganz praktisch vollzogen werden konnte. Bertolt Brecht, der kalte Konstrukteur, war da ganz anders. Er beschrieb die Technik des Glücks mit einer Nüchternheit, die verblüffte. Aber so ist es, die Geister der Revolution verlassen uns nie, selbst bei der Formulierung von Leitlinien beschreiten sie majestätisch den Horizont…

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2 Gedanken zu „Leitlinien und Sehnsüchte

  1. user unknown

    In engagierten Kreisen im Netz bin ich in den letzten Jahren häufiger sogenannten Codes of Conduct begegnet.

    Sie waren auf den ersten Blick wie Predigten in der Kirche – warme Worte denen jeder zustimmen konnte aber auf den zweiten Blick waren sie konfliktfeindlich, harmoniesüchtig, naiv und romantisch und in ihren Ansprüchen letztlich totalitär.

    Etwa wenn es in einem Forum oder anderen Social-Media-Auftritten heißt, dass niemand beleidigt oder verletzt werden darf – wer bin ich zu wissen, was von dem was ich schreibe andere verletzt?

    Oder es wurde großspurig verkündet man wolle überall Konsens erreichen. Das ist schon bei zwei Personen kaum möglich.

    Aber unkritisch stimmen alle Leute begeistert zu und wollen dabei sein – macht man sie aufmerksam darauf, was es hieße, wenn man das ernst nähme, schauen sie ganz überrascht. Bei ubuntuusers.de, einem Forum für Linuxusers etwa sollte man zustimmen, dass man sich auch in privaten Emails oder Gesprächen nicht negativ über Ubuntu äußert!

    Aber solche Selbstverpflichtungen grassieren und die Leute denken nicht darüber nach, dass die Flitterwochen auch mal vorbei sind, das Konflikte immer möglich sind, und dann steht man da und hat so einer Selbstunterwerfung zugestimmt.

    Ein anderer solcher Witz ist ein allgemeines Forum, in dem man auch Respekt für alles und jedes haben und bekunden sollte, welches aber eine Sektion „Schwarzer Humor“ hatte. Worüber man da noch Witze machen sollte blieb im Dunkeln, entsprechend entsprach fast kein einziger Beitrag dort den Regeln. Das schien aber kein Problem zu sein. Ein etwas herberer Beitrag von mir, der wohl nicht ausreichend Respekt gegenüber Terroristen verriet, wurde prompt gesperrt. Da zeigt sich dann der Nutzen solcher Regeln: Man kann willkürlich jeden missliebigen Beitrag sperren, wenn die Regeln so wischi-waschi sind.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Da kann ich nur zustimmen! Die salbungsvollen Leitlinien sind die schlimmsten und zumeist führen Sie zu willkürlichen Interpretationen. Da sind klare Worte nahezu eine Erholung. Danke für die Beobachtungen im Netz, in Betrieben ist es analog!

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