Summertime

Der Komponist George Gershwin schrieb es für eine Volksoper. Zusammen mit DuBose Heyward, von dem das Libretto stammte, begann er Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts mit der Komposition von Porgy & Bess. Beide betonten immer, es handele sich um eine Volksoper. Inspiriert zu dieser Definition des Genres waren die beiden sicherlich von dem kongenialen Paar Bertolt Brecht und Kurt Weill. Porgy & Bess setzte zum ersten Mal das Schicksal der amerikanischen Schwarzen in ein Werk dieser Dimension.

Das Stück, das in dem Opus gleich viermal zu hören ist und das zu Weltruhm gelangte, war Summertime. Es markierte das Bekenntnis zur Schönheit dieser Welt, in vollem Bewusstsein der Tragik, die sie dennoch mit sich bringt. Das auch durch den Text leicht daherkommende Stück vermochte es dennoch, diese emotionale Doppelbotschaft zu transportieren. Summertime wurde nicht nur ein Welthit, es gehört bis heute zu den meist gecoverten Stücken aller Zeiten. Jedes Ensemble, das etwas auf sich hält, spielt es ein, jede Amateurband, die dokumentieren will, dass sie etwas kann, spielt es. Das gelingt nicht immer, manchmal bleibt die Botschaft auf der Strecke und es hört sich schrecklich an und verkommt zur Fahrstuhlmusik.

Von den unzähligen Interpreten, die sich Summertime, das schließlich 1935 zum ersten Mal zu hören war, ausgewählt haben, ragen viele heraus. Eine Künstlerin, zu der es von ihrem angestammten Repertoire eigentlich gar nicht passte, stürmte mit dem Lied die Herzen einer ganzen Generation. Die 1943 im texanischen Port Arthur geborene Janis Joplin schaffte sehr jung den Durchbruch. Bereits in den sechziger Jahren, in denen in den USA alles in Wallung geriet, verstörte sie mit ihren vom Blues beeinflussten Rock Songs, die vor allem das Frauenbild aus den Fugen hoben. Sie nahm Drogen, führte ein Lust betontes Leben, lebte schnell und starb früh. Bis heute ist sie zu hören, vor allem mit Titeln wie Me And Bobby McGee, Mercedes Benz, Cry Baby, Ball & Chain oder dem Kozmic Blues. Sie starb 1970, 27jährig, in Los Angeles.

1968 nahm sie Summertime auf und brach auch hier mit allen Konventionen. Aus dem viel geliebten Stück aus Gershwins Volksoper wurde ein Fanal. Nach einem an eine klassische Ballade erinnernden Präludium, nicht selten von einem Bläsersatz intoniert, dringt Joplin mit ihrer hohen, verrauchten, sehnsüchtigen Stimme in die Atmosphäre und verfremdet das Stück, dem sie textlich wie von der Komposition treu bleibt, durch die bloße Art ihrer stimmlichen Interpretation. Sie erzählt  nicht, wie im Original, wie schön das Leben sein kann, nein, ihre gesamte Interpretation ist ein Manifest der Hoffnung, wie schön das Leben sein soll. Es ist der verzweifelte Schrei einer jungen Frau, die um ihr Ende weiß und nicht wahrhaben will, dass große Teile der irdischen Schönheit ihr in ihrem kurzen Dasein vorenthalten bleiben werden. Es ist eine tragische Referenz an die menschliche Existenz, die alle, die es hören, erschrecken lässt. Ihre Zeitgenossen spürten das. Menschen, die damals, als Janis Joplins Summertime zum ersten Mal dabei waren und es hörten, haben es bis heute nicht vergessen. Nicht das Stück, nein, das Erlebnis. Janis Joplins Summertime ist ganz große Kunst. Zu einem Preis, den nur die ganz große Kunst kennt.

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4 Gedanken zu „Summertime

  1. user unknown

    Janis Joplin – wem sagen Sie das!
    Ich hatte das Glück in jungen Jahren eine junge Frau kennenzulernen, die ganz anständig singen konnte, Klavierspielen konnte, Janis Joplin kannte, und dieses Lied gerne sang. Waltraud, wenn Du dieses Blog liest – danke für diese Tage – die Liebe währte nicht aber die schönen Erinnerungen bleiben und ich verdrücke 2, 3 Tränchen.
    Ich hoffe die Fische hüpfen noch. 🙂

  2. sirpamononen

    „summertime“ by janis joblin hörte ich zum allerersten mal als ein junges mädchen, das noch voller unschuldige hoffnungsfreudigkeit, illusionen war. ich fand das lied betörend und gleichzeitig deeply saddening, ohne damals wirklich zu begreifen warum…(ja, unvergesslich!)

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