Eine Lektion für die Jazzpolizei

David Sanborn. Time And The River

Das unter Jazzern gepflegte Bonmot, wie ein Jazzmusiker am schnellsten zu einer Million kommt, nämlich wenn er mit zwei Millionen anfängt, beinhaltet bereits eine ebenso gepflegte Skepsis. Hat ein Jazzmusiker kommerziellen Erfolg, so kann irgend etwas nicht stimmen. Und tatsächlich ist es in der Regel so, dass Jazzmusiker, die ihrem Genre treu bleiben, in gepflegter Armut verweilen. Es sei denn, sie machen nebenher noch etwas, hinter dem sie nicht stehen, mit dem sie aber Geld verdienen. Michael Brecker, der Gigant unter den Tenorsaxophonisten, war so einer. Der spielte auf Pop-Alben mit und pflegte nebenher sein eigenes Werk, das Maßstäbe setzte.

Einer, der sich immer dem Verdacht der vereinigten Jazzpolizei aussetzte, war und ist David Sanborn. Bisher hat er insgesamt 25 Alben auf den Markt gebracht und mit allen großen Erfolg gehabt. Da dauerte es nicht lange, bis ihm das Konzil bescheinigte, er produziere Fahrstuhlmusik. Wiewohl vieles dabei war, das durchaus geläufig klang, hat er sich dabei nie verbogen. Und wenn es eine Referenz für diese These gibt, dann ist es die Tatsache, dass durchaus seriöse und renommierte Musiker des Genres ihm immer wieder ihre Mitarbeit anboten.

Das neue Album von David Sanborn, Time And The River, das wieder einmal, nach langer Zeit, in Zusammenarbeit mit dem Bassisten Marcus Miller entstand, ist ein frisches, dynamisches und temperamentvolles Werk, das alles vermittelt, nur nicht das Gefühl von Fahrstuhlmusik und auch nicht von einer wie immer auch gearteten Krise des Jazz. Das liegt vor allem daran, dass Sanborn, Miller, Roy Asaf, Justin Mullens, Ricky Peterson, Javier Diaz, Marcus Baylor und als Gäste Randy Crawford und Larry Braggs Stücke eingespielt haben, die wohl in hohem Maße ihrer inneren Überzeugung und der ungebändigten Freude daran entsprachen.

In A la verticale sind die typischen Läufe des Bluesrockers Sanborn zu hören, die mit einem Latinorhythmus unterlegt sind, Ordinary People entpuppt sich als eine Ballade mit einem heißen urbanen Rhythmus, Drift trägt die unverwechselbare Handschrift eines gegen die Melodie-Linien spielenden Marcus Miller, Can´t Get Next To You mit dem Tower of Power Sänger Larry Braggs ist eine melodische wie dynamische R&B-Nummer, Oublie Moi wiederum holt die Hörerschaft wieder in die Stille und Besinnlichkeit zurück, Seven Days Seven Nights kommt herüber wie eine Etüde, in der die gesetzmäßige Verfremdung vorexerziert wird, ohne dass die Hörfreude darunter litte, Windmills Of Your Mind mit Randy Crawford ist eine im Sprechgesang vorgetragene Variation des Standards, der dadurch ins Zeitgenössische übertragen wird, Spanish Joint überrascht als Funk in Latino-Diktion, Overture überzeugt als eine an Blue Notes orientierte Ballade und Little Church löst die immer wieder erzeugte Spannung sehr gelungen auf und könnte sogar etwas für Jazzpuristen sein.

Die insgesamt 10 Stücke auf Time And The River hören sich geradezu wie eine Erlösung an angesichts des ganzen Lamentos über die Krise des Jazz, der auf der Stelle tritt und sich mit String-Arangements aus der Krise zu schleichen sucht. Es ist ein frisches und überzeugendes Album, das Spaß macht und inspiriert. Ohne wenn und aber.

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11 Gedanken zu „Eine Lektion für die Jazzpolizei

  1. Stefan

    Lieber Gerd,
    danke für die Empfehlung. Was den Jazz im allgemeinen betrifft, so teile ich Deine Aussage nicht ganz. Es gibt viele junge Musiker die sich auf den Jazz beziehen. Gerade im Zusammenspiel und der Verschmelzung mit anderen Stilen entstehen neue Genres. Dazu kommen bekannte Namen wie u.a. Gregory Porter und Labels wie z.B. ACT, ECM. Das Problem dabei ist, dass man suchen muss, da die Repertoiretiefe bei den deutschen Sendern überschaubar ist.
    Genieße den Sonntag und das verlängerte Wochenende
    Stefan

    1. ullakeienburg

      Hey Stefan 🙂 Das mit der Repertoiretiefe liegt wohl nicht an den deutschen Sendern, sondern an den zuständigen Redakteuren. 🙂 Frohe Ostern! LG Ulla

      1. Stefan

        Liebe Ulla,
        ein kleiner Einwurf. Insgesamt ist der musikalische Konsum konventioneller geworden. Das fatale dabei ist, dass die Senderchefs mit dem „Gesetz des Gleichen“ glauben zu punkten. Die Sender stellen sich dabei nur eine Frage: was will der Hörer hören? Die Repertoiretiefe sinkt damit seit vielen Jahren, weil die Hörer nur das hören wollen, was sie kennen. Und darin liegt u.a. die Wurzel des Übels begraben.
        Liebe Grüße und genieße das schöne Osterwetter
        Stefan

      2. ullakeienburg

        ich bin froh, dass wir über andere Wege „offensichtlich unsere“ Musik organisieren oder zugetragen oder gar zugespielt bekommen. Ich bin ein Jazzfan seit Kindertagen… Und was das Thema: vermeintliche Zielgruppe willvermeintlich hören oder sehen oder lesen….. betrifft. Davon könnte ich auch ein mindestens dreistrophiges Lied singen. Ich lasse das und freue moich, dass ich das nützbringende Fragen gelernt haben 🙂 So höre ich noch immer… was ich mag….. 🙂 Liebe Ostergrüße gerade nicht aus der Nachbarschaft sondern von der anderen Seite des großen Teichs 🙂 Ulla

      3. Stefan

        Liebe Grüße über den Teich 🙂 Und Recht hast Du. Glücklicherweise gibt es Nischen und Schätze zum Entdecken abseits vom Mainstream. Bei mir kann man zudem auch immer wieder Jazz hören 😉
        Liebe Ostergrüße aus dem sonnigen Norden
        Stefan

      4. Gerhard Mersmann Autor

        Liebe Ulla, lieber Stefan,
        Natürlich gibt es viele gute junge Jazzer, aus meiner Sicht sind viele davon allerdings aus den Musikhochschulen entsprungen, was für Ihr Können, aber gegen ihre sozialen Erfahrungen spricht. Deshalb ist mir vieles etwas zu akademisch. In Bezug auf Redakteure und Sender habt ihr Recht, Mainstream bis zum Abwinken, kein eigener Geschmack und keine Courage.
        Ostergrüsse nach Albany und Hamburg!
        Gerd

      5. ullakeienburg

        Lieben Dank Gerd! Bin sehr bei Dir.,.. akademisch, das ist auch ein Ausdruck, der das scheinbar Emotionsarme an dem neuen Jazz beschreibt. Ich nenne sie auch Handwerker. Als die CD aufkamen – und die ersten DDD Aufnahmen zu hören waren – klang das auch eher „klinisch“, wie ich das gerne nannte. Glücklicherweise wurden Jazzaufnahmen erst relativ spät komplett digital angeboten. Ich liebe noch immer das Live Konzert, die Keller, die Clubs…… 🙂 LG Ulla

  2. Gerhard Windgas

    Hallo an Alle,in Hamburg habe ich diese Musik „aufn Klo“ in einer Jazzkneipe gehört.Also doch kein Fahrstuhljazz.

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