Billie Holiday zum Hundertsten!

Cassandra Wilson. Coming Forth By Day

Exakt zum hundertsten Geburtstag von Billie Holiday erscheint Cassandra Wilsons CD Coming Forth by Day. Natürlich ist das kein Zufall, sondern der Beleg für das Selbstbewusstsein Cassandra Wilsons. Aufgrund ihrer Vita wie ihrer Stimme ist Billie Holiday Legende. Sie, die bereits als Kind in einem Bordell in Baltimore aufwuchs und alles erlebt hatte, was des Menschen Gefühls- und Chakterspektrum bietet, kam nach Harlem und wurde zu einem Gründungsmythos des zeitgenössischen amerikanischen Jazz. Es existierten noch andere, wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan, aber keine, bis heute keine Sängerin des Jazz vermochte ihre Stimme so einzusetzen wie Billie Holiday. Lady Day, wie der Saxophonist und tragische Liebhaber Lester Young sie nannte, instrumentierte ihre Stimme, sie setzte sie ein wie ein Soloinstrument und revolutionierte den Gesang. Es gelang nur ihr. Aber auch sie erlag bereits im Alter von 44 Jahren der Ökonomie des damaligen Jazz und dem Heroin.

Cassandra Wilson, diejenige, die im Jazz unserer Tage schon früh als großes Talent galt und großartige Alben aufgenommen hat, ist mit der besagten Billie Holiday nicht zu vergleichen. Sie überzeugte durch ihre sonore, stets entspannte Ausdrucksfähigkeit, die sich an alles heranwagen konnte, was an anspruchsvollen Standards als große Herausforderung galt. Cassandra Wilson, die Designerin, die am Mississippi aufwuchs, hat ihre Wurzeln nicht im urbanen Jazz, sondern im ruralen Blues. Das kommt immer durch und das ist ist ihr großes Asset. Sie führt den Jazz emotional immer wieder zurück zu seinen Wurzeln und bringt ihn so zur Ruhe, während Billie Holiday ihn in die Metropole brachte und ihm dort nochmal auf die Sprünge half.

Vielleicht ist Coming Forth by Day der Versuch Cassandra Wilsons, den Jazz der Billie Holiday nach Hause zu bringen, in die Arme des Blues, der ihn besänftigt und zur Ruhe bringt. Die Art und Weise, wie sie die eingespielten Stücke interpretiert, spricht dafür. Billie´s Blues, schon vom Titel her ein Indiz dafür, wird so arrangiert, dass die Unrast der Metropole im Hintergrund zu spüren ist, während Cassandra Wilsons Stimme, völlig unaufgeregt, die Ursache des Blues darlegt und das Ganze damit befriedet. Good Morning Heartache, ebenfalls ein Klassiker aus Holidays Repertoire, verliert alles, was den urbanen Rhythmus bei Holiday ausmachte, ohne dass es langsamer wirkt. Die Geschickte Kombination von Wilsons Stimme und einer Bassklarinette erzeugen jedoch eine andere Atmosphäre als im Original.

Das gefährlichste Unterfangen ist jedoch die Interpretation von Strange Fruit. Wenn es ein Song Billie Holiday geben sollte, der die Phase der menschliche Existenz überdauern sollte, dann ist es dieser. Der Bericht über das Meucheln der Schwarzen im Süden der USA erzeugt im Original ein grausiges Schauern und hinterlässt tiefe Trauer. Cassandra Wilson hat das Zeug zu dieser Interpretation. Und ihrer Stimme gelingt eine faszinierende Erzählung, aber sie war dramatisch schlecht beraten, mit einer auf Drama gezielten Filmorchestrierung zu arbeiten. Dadurch entsteht eine Trivialität, die das Stück zerstört.

Insgesamt ist Coming Forth by Day die Hommage einer großen Sängerin an eine bis heute nicht erreichte Stimme des Jazz. Cassandra Wilson hat eine großartige Stimme, die Idee, den Jazz nach Hause in den Blues zu holen, ist in Bezug auf Billie Holiday genial, die Wahl so mancher Orchestrierung und der Zugriff auf Streicher in dem einen oder anderen Fall berauben die Stücke ihrer möglichen Authentizität.

Advertisements

8 Gedanken zu „Billie Holiday zum Hundertsten!

  1. gerhard

    Billie Holiday: tatsächlich ein Jahrhundert-Event! 😉 Für mich ist das immer weit über die Grenzen des Jazz hinausgegangen, die morbide Düsternis, die viele Stücke transportierten, ist in der Form bis heute unerreicht. Muss mal wieder was von ihr auflegen, insofern vielen Dank für den Hinweis !
    Viele Grüße,
    Gerhard

      1. gerhard

        Lieber Gerd, absolut!
        Auch John Lee Hooker ist hochverehrt von mir! Dir auch eine schöne Woche, viele Grüße,
        Gerhard

  2. Stefan

    Lieber Gerd,
    mit Billie Holiday sind wir thematisch fast synchron am Start. Dank der Altstimme von Cassandra Wilson und ihrer Vorliebe zum Delta-Blues schafft sie einen schwierigen Spagat. Sie imitiert nicht, sondern interpretiert. Wie sie selbst sagte, war es eine spirituelle Reise (daher auch der Album-Titel). Sie wird neue Hörer ansprechen und bringt damit die Songs von Billie Holiday in eine neue Zeit. Übrigens die Streicher kommen von Van Dyke Parks. Herausgekommen ist ein Katalog an Songs der ebenso fordernd wie fühlend sind und damit Billie Holiday gerecht wird.
    Billie Holiday bleibt die „Lady In Satin“ und ihre Stimme wird nie verstummen, da sie Generationen von neuen Künstlern inspiriert hat…mit ihrer einzigartigen Stimme Worte zu fühlen. Es gibt Lieder die überdauern Generationen, weil sie ein Monument sind. Wie ein Testament, Mahnung und Herausforderung gleichsam, aus einer dunklen Zeitepoche sind. Sie wirken weiter und werden immer weiter getragen. „Strange Fruits“ ist so ein Meilenstein der Musikgeschichte.
    Danke für Deine ebenso einfühlsamen und treffenden Worte.
    Genieße den Abend
    Stefan

  3. Pingback: Billie Holiday | Freiraum

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.