Ein Mythos des Jazz

Die biographischen Daten muten an wie Satans Regie: Geburt in Philadelphia unter ärmlichen Verhältnissen. Umzug nach Baltimore, als Kind bereits vergewaltigt, danach als Botenmädchen in einem Bordell, in dem die Mutter anschaffte. Danach ebendort selbst Prostituierte. Kaum Schule, nie Unterricht. Das Erhebendste war die Musik aus dem Radio. Louis Armstrong. Ella Fitzgerald. Das Mädchen begann, das, was es hörte, nachzusingen. Irgendwie anders, es sang wie die Instrumente, die die Musik spielten. Dieses Kind, das aus dem dunklen Winkel des Lebens kam, wurde zu einer Sternstunde des Jazz.

Billie Holiday, die am 7. April einhundert Jahre alt geworden wäre, verstarb, weltberühmt, arm, vom Heroin zerstört, bereits in ihrem 44sten Jahr, 1959. Da hatte sie bereits die Welt erschüttert mit ihrer einzigartigen Weise, den Jazz zu singen. Noch während ihres Lebens wurde Billie Holiday zu einem Mythos. Geschaffen hat sie ihn selbst. So ist es kein Wunder, dass heute, zu ihrem 100. Geburtstag, wieder einmal eine Kollektion an Titeln auf den Markt gebracht wird.

Billie Holiday. The Centennial Collection, heißt die CD, auf der insgesamt 20 Titel zu hören sind, die von den Produzenten als die wesentlichen bezeichnet werden. Natürlich lässt sich trefflich über die Auswahl streiten, aber letztendlich sollte bei Billie Holiday die Abwegigkeit eines Katecheten-Streits ins Auge stechen. Von What A Little Moonlight Can Do, These Foolish Things, Summertime, Billie´s Blues über I Must Have That Man, Mean To Me und I Can´t Get Started bis hin zu God Bless The Child, Strange Fruit und Lover Man sind durchweg Stücke enthalten, die die Großartigkeit dieser Sängerin unterstreichen.

Die Fähigkeit Billie Holidays, aus den Ungeheuerlichkeiten des täglichen Lebens etwas ganz Normales werden zu lassen und das ganz Normale als etwas Ungeheuerliches anzuklagen, verschaffte ihr eine Ausdruckskraft, die nicht nur bis heute, beim Anhören ihrer Werke, wirkt, sondern die bis heute auch nicht erreicht wurde. Natürlich gab es große Stimmen nach Billie Holiday. Aber bis heute ist es keiner gelungen, das existenziell Fragile, das bestialisch Humane stimmlich so zivilisiert auszudrücken wie Billie Holiday. Die Art und Weise, wie sie Strange Fruit singt, bringt bis heute den Atem zum Stocken, eben weil sie das Meucheln der Schwarzen im Süden der USA so normal klingen lässt. Die Leichen, die an den Pappeln der Alleen hängen, werden dokumentiert wie in einem forstwirtschaftlichen Bericht. Nur Holidays Intonation verrät, was dahinter steckt und sie verursacht dadurch, dass bis heute so mancher das Stück nicht zu Ende hören kann.

The Centennial ist eine CD, die einen Überblick über ein grandioses Werk verschafft. Wer sie hört, ist für eine Weile in einer anderen Welt. In einer Welt, in die nur, wirklich nur Billie Holiday führen kann.

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8 Gedanken zu „Ein Mythos des Jazz

  1. hildegardlewi

    Ich habe das Album von 1037 – 1938 und die drei Goldenen Alben von 1941. Gelegentlich höre ich sie während des Schreibens an. Aber so selektiv hat es mir auch große Freude bereitet. Danke.
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  2. ullakeienburg

    Don`t explain – ist eines meiner Lieblingslieder von ihr. Nicht selten gecovered. Aber unerreicht! 🙂 Danke für deine liebevollen Worte zu ihrem 100. Geburtstag! Lg Ulla

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