Epistemologie und Digitalisierung

Die Erkenntnistheorien, die der Aufklärung entsprungen sind, hatten einen Konsens. Es war das Fortschreiten der Bewusstwerdung der Welt nach einem relativ einfachen Schema, das in drei Stufen unterteilt wurde: die erste Ebene der Erkenntnis war die unmittelbare Erfahrung. Unter ihr wurde alles subsumiert, was der Mensch, das erkennende Wesen, direkt mit seinen Sinnen wahrnehmen und verarbeiten konnte. Die zweite Stufe war der qualitative Sprung von der unmittelbaren Erfahrung zu rationalen Erkenntnis. Sie beschrieb den Übergang vom Fühlen zum Kognitiven. Das war die Erkenntnis nach den verbrannten Händen auf der Herdplatte, irgendwann konstruierte das Hirn Zustände und Zusammenhänge, die darauf schließen ließen, dass weiterer Schmerz wahrscheinlich sei und die unmittelbare Erfahrung nicht ein weiteres Mal erforderlich sei. Und schließlich, die dritte Ebene war der Sprung von der rationalen Erkenntnis hin zur Bewusstwerdung und aktiven Gestaltung. Somit war die Tirade von Fühlen -Erkennen – und Tun beschrieben, die immer wieder verifiziert werden konnte und deren Erkenntnis weit in andere Disziplinen hineinreichte, vor allem In die Pädagogik und Didaktik. Denn, so die logische Schlussfolgerung, wenn der Mensch so erkennt und lernt wie beschrieben, dann muss Neues auch so gelehrt werden. Die unmittelbare Erfahrung gilt immer noch als die Mutter aller Erkenntnis.

Der durch die Aufklärung beflügelte Prozess der Zivilisation zeichnet sich vor allem durch eine Reduktion des Unmittelbaren in den Lebensbereichen der Menschen aus. Direkte Erfahrungen, die  Landmenschen mit Natur und Umwelt beschert sind, sind bereits Städtern versagt und enden damit, dass heutzutage Stadtkinder in den Zoo müssen, um ihre erste Kuh zu sehen. Das Anschauungsmaterial für die Rückdrängung des Unmittelbaren ist erdrückend: Kinder spielen kaum noch auf der Straße, freies Streunen durch die Städte ist versagt, ein immens steigender Behütungsdrang der Eltern endet in elektronischen Überwachungssystemen. Die Welt von heute, die es zu entdecken gilt, ist in unseren Breitengraden nahezu frei von Gerüchen, Unwägbarkeiten und Gefahren.

Der Verdrängung der unmittelbaren Erfahrung steht eine anwachsende, heute schon alles dominierende mittelbare Erfahrung gegenüber. Im Zeitalter der Digitalisierung und der flächendeckenden Versorgung mit Zugängen zu den Multi-Mega-Wissensarsenalen der Gegenwart kann sich der Mensch mit Informationen versorgen, ohne vorher Lernprozesse durchgemacht zu haben, die ihn bereits epistemologisch geprägt haben. Und darin liegt eine Katastrophe, deren Ausmaß noch nicht taxiert werden kann. Um es drastisch auszudrücken: wer nichts erfühlt hat auf seinem Weg der Erkenntnis, der wird auch kein Gefühl für das haben, was ihm dar- und angeboten wird. Das, was als rationale Erkenntnis im Gehirn gespeichert wird, hat keine emotionale Grundstruktur.

So sehr die Revolutionierung der artifiziellen Intelligenz auch in Bezug auf ihr Vermögen zu bewundern ist, so sehr hat sie den Menschen von seinem eigenen Produkt entfernt. Die Quelle der Erkenntnis ist die unmittelbare Erfahrung. Wer sie nicht oder nur rudimentär genießt, beginnt sich von seiner eigenen Psyche zugunsten der Ratio zu entfernen. Nichts gegen mehr Ratio in einer Welt, die erstaunlich von Irrationalismen geprägt wird. Aber die mit der Ent-Emotionalisierung verbundene Marginalisierung der Psyche entzieht diese aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Es entsteht eine Unterwelt, in der sich niemand mehr außer den Demagogen auskennt. Die Metapher, die vom Menschen übrig bleibt, ist die der trivialen Maschine. Das ist kein Fortschritt. Das ist Mittelalter. Wenn es eine Dialektik der Aufklärung gibt, d.h. wenn der Gedanke zur Befreiung auch immer die Option in sich trägt, das Dasein zu mystifizieren, dann ist die Digitalisierung unserer Welt der beste Beweis.

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7 Gedanken zu „Epistemologie und Digitalisierung

  1. Leela Krustenschnee

    Digitalisierung fasziniert und verführt… Teilhabe an so vielem, ohne eigene Anstrengung… echte Erfahrung ist sehr viel mühsamer, oft weniger spektakulär und selten ähnlich perfekt…

    „Das, was als rationale Erkenntnis im Gehirn gespeichert wird, hat keine emotionale Grundstruktur.“

    wie Recht du doch hast… oft frage ich mich, wohin das führt… kein Mensch kann die Präzision einer Maschine toppen und in der Folge stirbt Handwerk aus. Selbst aus der Musik ist die spontane Freude am Sein entschwunden … ohne echte Erfahrungen können keine Fähigkeiten entwickelt werden, der Mensch konsumiert jetzt, anstatt zu produzieren. Er verdummt und verarmt und merkt es noch nicht einmal, weil er sich mit den Wundern der digitalen Welt und der Technik insgesamt identifiziert…

    1. aquasdemarco

      Sehe ich etwas anders, physikalisch leben wir ja in einer Polarität, jede Bewegung erzeugt eine Gegenbewegung.
      Gestern war ich auf einer Messe für handgemachtes Design, Upceclying. In meiner Stadt hat ein Kreativmarkt in bester Lage aufgemacht, meine Kinder können Nähen, machen Musik auf Anaolgen und spielen oder saplen am Rechner. Vor zwei Monaten baten sie mich den Plattenspieler aus dem Keller aufzubauen.
      Der Profifotoladen verkauft wieder ne Menge Chemie, weil viele junge Fotomenschen analog ausprobieren.
      Manchmal benötigen wir erst das Eine, damit das Andere wachsen kann. Im Fussball wären Siege ja auch doof, wenn es keine Niedelagen geben würde, hier in Bielefeld kennen wir das sehe gut.
      Aber schau dir Bayern an, du bist Meister und keine Emotionen.
      Die Digitalisierung wird eine Gegenseite entwickeln, sie macht es schon:-).

      1. aquasdemarco

        Ich laß mal irgendwo, daß wir mit unseren Gedanken die Welt erschaffen.
        Danke für deine Antwort und schönen Urlaub, ich hoffe mit positiven ökologischem Fußabdruck.

  2. Drittgedanke

    Ein wirklich guter Text! Alle segnungsreichen Effekten der Digitalisierung beiseite gestellt, bedeutet das Schwinden des Zwanges, Lernprozesse eigenständig zu durchlaufen, doch vor Allem den Verlust jenes Erkenntnismoments, das man dabei erlebt. Und indem eine Art Erkenntnistechnik verloren geht, also sozusagen geistiges Handwerk verkümmert, verlieren sich auch die Fähigkeiten zur Erfassung und Lösung von Problemen. Die Totaldigitalisierung verändert nachhaltig Denkstrukturen und damit auch die Entwicklung des Ich-Bewusstseins. Eine Ich-Wahrnehmung ist schon kaum noch ohne die Ich-Erweiterung ins offene digitale Netz möglich – das Einzel-Ich stirbt aus. Ein schlichtes Beispiel: Als Zehn-, Zwölfjährige habe ich mit dem Fahrrad oft stundenlange, ziellose Ausflüge gemacht, habe die Gegend erkundet, bin allerlei Gedanken nachgehangen – „streunern“ nannte man das. Ohne Handy (meine Kindheit war noch analog) verirrte ich mich regelmäßig, ohne die Möglichkeit, Google-Maps meinen Standort und meinen Weg für mich finden zu lassen. Ich stand oft allein auf irgendeinem Feldweg, im Wald oder mitten im Gewitter und wusste nicht weiter, hatte Durst, aber nichts zu Trinken, hatte einen Platten, aber keinen Flicken, und dabei erlebte ich dieses beängstigende, aber auch wichtige Allein-Gefühl, das mich dann wieder nach Hause trieb, und dessen Erfahrung ausfällt, sobald man jederzeit allen schreiben, alle anrufen und von allen angerufen werden kann. Ich war raus aus der Einbindung in irgendeine Gruppe und aus der Verfügbarkeit für irgendeine Gruppe, musste selbst Wege finden, selbst meine Verunsicherungen und Ängstlichkeiten verarbeiten, freute mich an nur mit mir selbst geteilten Entdeckungen und Empfindungen, musste allein einschätzen, was gefährlich werden könnte und ob meine Eltern sich vielleicht inzwischen Sorgen machten oder nicht. Das waren also Testläufe und Trainings in Sachen Selbstständigkeit, aber nicht allein für die praktische Selbstständigkeit, sondern besonders für die Ich-Bildung. Davon geht sicher vieles verloren durch die ständige Einbindung in diese diffuse Wir-Wolke.

  3. SalvaVenia

    Ich hatte dazu an anderer Stelle (https://salvaveniaxxl.wordpress.com/2014/01/16/der-reformatorische-islam-und-das-unvermogen-seiner-ausdeutung-im-zeitgenossischen-deutschland/) und in anderem Zusammenhang ähnlich geschrieben:

    +++ Zitat Beginn +++

    Gleichzeitig darf hinsichtlich des heutigen Europas im 21. Jahrhundert eines nicht vergessen werden, nämlich daß der Rationalismus im Kantianismus begründet ist. Beide indes sind in Europa längst überwunden, weswegen auch der rationale Ansatz dem europäischen Intellekt nichts mehr bieten kann, hat letzterer doch bereits die Notwendigkeit der ganzheitlichen (holistischen) Wahrnehmung der Dinge erkannt. […] Das wiederum stimmt vollständig überein mit den Überlegungen des bedeutenden europäischen Philosophen (und Geisteswissenschaftlers im wahren Sinne des Wortes) Rudolf Steiners, der […] verkündete: „Den Bereich des Metaphysischen können wir denkend erforschen und erfahren. Darum enträtseln wir ihn.“

    [Rationalismus allein bleibt] anschaulich in [der] Tradition Galileo Galileis [verhaftet], dessen Credo lautete: „Alles messen, was meßbar ist, und was nicht meßbar ist, meßbar machen.“

    Diese Befolgung Galileo Galileis nun hat zur Folge, daß heutzutage in einer vollkommen ökonomisierten und materialistischen Welt gelebt wird. Die Tür der empirischen Wissenschaft wurde zugeschlagen und jegliche Erfahrung im Geiste […]unmöglich gemacht. [Europa ist] zuallererst einmal gefangen in einer materialistischen Weltsicht, die noch stark in einem kantinistischen Denken verharrt. [So] verkörpert schließlich das Ganze, was heute an den Hochschulen gelehrt wird, letzten Endes nichts anderes, als was von den dunklen Mächten gewollt ist, nämlich die Lehre des Materialismus. Aus spiritueller Sicht muß daher auf den folgenden Sachverhalt eindringlich hingewiesen werden: Alle wirklich spirituellen Erlebnisse sind für materialistisch ausgebildete (respektive orientierte) Menschen nicht nachvollziehbar und somit auch nicht vermittelbar […]: „Der Blinde kann nicht den Blinden führen, genausowenig wie es möglich ist, daß Dunkelheit Dunkelheit vertreiben könnte.“

    […] Der Rationalismus Ende des 19 Jahrhunderts [mag] zwar das Maß der Dinge gewesen sein, [er ist] allerdings nicht in der Lage […], die nächsthöhere Entwicklungsstufe des Menschen zu berücksichtigen. Nämlich die Erfahrungserkenntnis durch das Bewußtsein, […] was man in der christlichen Tradition auch Michaelsbewußtsein [nennt]: „Das eine kommt vom Himmel mit Heerscharen von Engeln und in einer Kundgebung von Michael, und das andere tritt in die Schranken mit den Mächten der Dunkelheit und ist eine Verkörperung Satans.“

    +++ Zitat Ende +++

    Wie Sie geschrieben haben: Was sich nicht positiv weiterentwickelt, schafft das Mittelalter herbei. Und wer außer bestimmten Eliten möchte schon dorthin zurückkehren, nicht wahr?

    Herzlichen Dank für den Gedankenanstoß, wieder einmal hinter die offensichtlichen Dinge zu schauen und auch die Existenz des Metaphysischen dem eigenen Erkenntnisvermögen ein ums andere Mal in Erinnerung zu rufen. 🙂

    Herzliche Grüße
    Der Salva

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