Oligarchen und Plutokraten

1991, als die Sowjetunion zusammenbrach, setzte eine Zeit der Rechtlosigkeit auf dem Territorium der ehemaligen Supermacht ein, die nicht zu vergleichen ist mit dem, was sich zum Beispiel in der ehemaligen DDR abgespielt hat. Dort wickelte bekanntlich eine Treuhhandgesellschaft die vermeintlich nicht rentablen Betriebe ab und veräußerte diese an Dritte, zumeist Investoren aus dem Westen. Das alles geschah in einer sehr ausgeprägten Atmosphäre der Euphorie, endlich war man im Westen, blühende Landschaften warteten auf die Brüder und Schwestern aus dem Osten. In Russland hingegen herrschten Depression und Angst. Der unvergessene polnische Journalist Ryszard Kapuscinski hatte in seinem grandiosen Buch Imperium. Sowjetische Streifzüge den Niedergang eingefangen. Er beschrieb, wie Direktoren von Waffenfabriken, Helden der Sowjetunion, plötzlich Kühlschränke produzieren sollten und sich stattdessen mit der Jagdflinte erschossen.

In Russland wütete Anarchie, die sich vor allem Menschen zunutze machten, die aus dem bestehenden Herrschaftsapparat kamen und ihn kannten. Sie hatten die so genannten wichtigen Netzwerke und Zugänge zu einer Armee, die ebenfalls sehen musste, was aus ihr wurde. Den Skrupellosesten dieser Kohorte gelang es, die großen, krisensicheren Geldquellen des alten Staates unter sich aufzuteilen. Das machten sie in einer Art Krieg aus, mit Waffen, Morden, Geiselnahmen und Plünderungen, aber sie setzten sich durch. Wie, so die Frage, würde man solche Leute wohl nennen, wenn sie es hier bei uns trieben? Sie jedenfalls erschienen in unserem Bewusstsein hier unter dem ominösen Begriff der Oligarchen. Oligarchie, das ist die Herrschaft Weniger. Und wie immer, wenn eine große kriminelle Dimension im Spiel ist, sorgt die Sprache für bösartige Verharmlosung. Denn, da sich Russland irgendwann konsolidierte und den notwendigen Kampf gegen die Oligarchen begann, um das Land und seine Güter zu schützen, waren immer wieder derartige mafiöse Pistoleros die Kronzeugen westlicher Außenpolitik gegen Russland.

Aber, die Vorsicht ist eine kluge Dimension der Politik, nichts sollte die Illusion bewahren, als hätte der Zerfall der Sowjetunion nicht auch etwas mit Veränderungen zu tun, unter denen der Westen zu leiden gehabt hätte. Mit dem Ende der bipolaren Welt und der damit verbundenen atomaren Kriegsgefahr sank der Einfluss der Politik und der staatlichen Apparate. Das Ende der Geschichte, wie es euphorisch proklamiert wurde, bereitete dem Wirtschaftsliberalismus einen Triumphzug sondergleichen. Und ein Grundsatz dieser Ideologie des Reichtums ist der, dass Staat zurückgebaut und staatlicher Einfluss minimiert werden muss. Besonders im ehemaligen Osteuropa wurden Blaupausen für diese Doktrin geschaffen, die noch verheerende Wirkungen zeitigen werden und die nun auch auf südeuropäische Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien angewandt werden.

Die großen Gewinner des Zusammenbruchs des bipolaren Weltmodells auf westlicher Seite waren die Plutokraten. Plutokratie meint die Herrschaft des Geldes. Es sind die Superreichen, die mit dem Jonglieren ihres Kapitals ganze Länder in die Krise stürzen und zum Abschuss freigeben können. Das haben sie unzählige Male bewiesen, sie haben die Weltfinanzkrise mit zu verantworten und sie sind dabei, erneut Länder zu destabilisieren, um politische Brände zu verursachen, die dazu dienen sollen, neues Niemandsland für den Wirtschafts- und Marktliberalismus zu schaffen.

Oligarchen und Plutokraten sind für Volkswirtschaften und demokratische Staatswesen eine existenzielle Gefahr. Weder die Gefahr noch die Gemeinsamkeit spielen im öffentlichen Diskurs unserer Tag eine Rolle. Das liegt an dem Tagesinteresse, die östlichen Oligarchen als Kronzeugen gegen die russische Politik benutzen zu wollen. Wenn etwas für die russische und gegen die westliche Politik spricht, dann ist es der Kampf gegen die Oligarchen. Wenn etwas für die westlichen Staaten spräche, dann wäre es der Kampf gegen die Plutokraten. Bis jetzt herrscht Stille. 

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5 Gedanken zu „Oligarchen und Plutokraten

  1. Bludgeon

    Und wer mehr Richtigstellungen zu unserem falschen offiziellen Russlandbild möchte, dem sei das Sachbuch „Wir sind die Guten“ (2014)von Bröckers und Schreyer empfohlen. Kurioserweise ein SPIEGEL-Bestseller, obwohles alle SPIEGEL-Propaganda widerlegt.
    Es gibt dort einiges zu staunen.

    1. Nitya

      Also nur mal so nebenbei angemerkt: Anarchie wütet nicht.
      Da lege ich großen Wert drauf. 😉
      Es sind die Oligarchen,die Plutokraten und andere Terroristen, die herumwüten.

      1. Nitya

        Sorry, das war jetzt keine Antwort auf Bludgeon, sonder war an Gerd gerichtet.
        Lieber Gerd, einen vergnüglichen Sonntag!

    2. Gerhard Mersmann Autor

      Vielen Dank für den Hinweis. Es ist ein gutes Buch und wurde hier auch schon besprochen unter dem Titel Double Stamdards und Full Spectrum Dominance!

      Herzliche Grüße
      Gerd

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