Die Welt ist prekär

Guy Ryder, Syndikalist aus Liverpool und Chef der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf, brachte heute den Bericht seiner Organisation über die global zu verzeichnenden Arbeitsverhältnisse an die Öffentlichkeit. Trocken und niederschmetternd das Ergebnis: Dreiviertel der weltweit untersuchten Arbeitsverhältnisse sind temporär, von der Bezahlung schlecht, ohne Kündigungsschutz und Krankenversicherung. Dreiviertel der weltweiten Arbeitsbeziehungen fallen in die Kategorie prekär. Die Verteilung des verbliebenen Viertels gesicherter, unbefristeter und nach anständigen Tarifen bezahlter Arbeit geht vor allem nach Mitteleuropa und Teile Nordamerikas, einige Wirtschaftsoasen inklusive. Kontinental sind die großen Verlierer vor allem Afrika und Asien. Ca. 200 Millionen Menschen mit guter Qualifikation sind offiziell arbeitslos gemeldet.

Die Zahlen, die der britische Gewerkschafter vorgestellt hat, sind ein Beleg für die These, dass die Welt objektiv immer reicher geworden ist, aber der Reichtum so ungerecht wie niemals zuvor verteilt ist. Obwohl die jährlich produzierte Menge an Lebensmitteln in der Lage wäre, 12 Milliarden Menschen am Leben zu halten, stirbt alle fünf Sekunden ein Mensch des Hungers. Die Zahl der Superreichen ist gewachsen, der Reichtum selbst ist gewachsen und der überwiegende Teil der Weltbevölkerung, der als arm zu bezeichnen ist, ist auch gewachsen. Das sind Fakten, die die These sehr ausdrücklich bestätigen, dass wir uns nicht am sonnigen Ende der Geschichte befinden, sondern am Beginn eines weltweiten Klassenkampfes, der gerade erst begonnen hat.

Die letzten Dekaden, die unter der Maxime des Wirtschaftsliberalismus gestanden haben, in denen Staaten demontiert, Arbeitnehmerrechte geschreddert und die Privatisierung mit Peitschenhieben voran getrieben wurde, haben den Grundstein für zukünftige Verwerfungen gelegt. Sie standen unter dem Zeichen des Kampfes Reich gegen Arm. Sie haben die Welt in eine krisengeschüttelte Sphäre verwandelt, in der die jungen Generationen zunehmend ihrer Perspektivlosigkeit Ausdruck verleihen, entweder durch destruktive Verzweiflungstaten oder durch bornierten Konsumismus, je nachdem, wo sie das Schicksal hineingeboren hat.

Die großen Agenturen dieses Krieges der Reichen gegen den Rest der Welt sind Weltbank und Weltwährungsfonds, die genau dann aufschlagen, wenn die Länder, die als nächste in den Beutebestand überführt werden sollen, in politische, wirtschaftliche und militärische Krisen geraten sind. Als vermeintliche Retter treten sie auf, die Koffer voller Geld, das es nur gibt, wenn sich die Massakrierten dazu verpflichten, die Sozialstruktur des Landes abzuwickeln, die jeweiligen Filetstücke der eigenen Ökonomie zu verkaufen und gesetzliche Grundlagen für eine hohe Ausbeutungsquote der Arbeitnehmer zu schaffen.

Guy Ryder forderte, nachdem er den schrecklichen Bericht vorgestellt hatte, die Staaten auf, ihre jeweilige Arbeitnehmerschaft vor dem beschriebenen Trend in den wirtschaftlichen Ruin und die Rechtlosigkeit zu schützen. Das ist ein nobler Appell, der angesichts der jüngsten Geschichte allerdings ungehört verhallen wird, solange Organisationen wie der IWF den Fuß bereits in Ländern haben. Die naheliegende und unbedingte Überlegung, die dieser Bilanz folgen muss, liegt jedoch auf einem anderen Sektor. Der Kampf von Reich gegen Arm muss umgewandelt werden in den Kampf von Arm gegen Reich. Angesichts der realen Verhältnisse auf diesem Planeten geht es darum, aus dem Feldzug gegen gut bezahlte Arbeit ein Feldzug gegen die Ausbeutung zu organisieren. Koalitionsrechte müssen erkämpft werden, wo sie noch nicht existieren und sie müssen dort genutzt werden, wo es sie gibt. Nur der Zusammenschluss gegen den ungezügelten Reichtum und seine Agenturen bietet eine Perspektive auf Besserung. Dazu gehört auch, dass die Ideologen des Wirtschaftsliberalismus aus den Regierungen fliegen. Wer nicht Herr seiner selbst ist, schrieb Robespierre, ist Sklave eines anderen. So einfach ist das!

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15 Gedanken zu „Die Welt ist prekär

  1. sugar4all

    Ein toller Beitrag!
    …und ich frage mich, wo sind wir, die in der Mitte sind? Warum lehnt sich die Mittelschicht wartend und beinahe teilnahmslos zurück…Sklaverei in den eigenen Reihen?
    Liebe Grüße – Karin

    1. nektutir

      weil wir vielleicht in Deutschland in der Mitte, aber global eher oben als unten sind. Und oben sitzt es sich recht bequem, vor allem wenn man befürchtet, dass man ansonsten Einbußen in Kauf nehmen müsste….

      1. sugar4all

        Nur die Mitte wird, wenn wir in Europa so weitermachen nach unten rutschen und dann …?? Es passiert ja um uns herum bereits…

      2. nektutir

        Das stimmt. Aber Weitsicht? Ach, wofür, wenn der Aperol Spritz doch so lecker prickelt 😉

  2. Bludgeon

    Tja, Hoffnung? Ist nur ein Zeichen von Informationsmangel.

    Oder eben wiedermal und immernoch der Georg Danzer als Anti-Goethe:

    „Dass der Mensch gern gut sein möcht’/edel hilfreich und gerecht/ dass er aber drüber lacht/ und erst recht das Falsche macht/ Traurig aber wahr.

  3. Nitya

    Lieber Gerd,

    „Der Kampf von Reich gegen Arm muss umgewandelt werden in den Kampf von Arm gegen Reich.“ – Auch diese Forderung wird Kopfnicken auslösen, aber keine Taten. Und die sog. Freien Demokraten sind schon wieder im Kommen. Anschend ist der absolute Kollaps eine notwendige Voraussetzung für eine wirkliche Veränderung der Verhältnisse – falls die dann überhaupt noch möglich sein wird und wir nicht vorher die Erde restlos ruiniert haben werden.

    Ich krieg gleich ’ne Depression, wenn ich noch weiterschreibe.

    Ich hoffe, du lässt dir nicht durch mein Geschreibsel die Stimmung vermiesen. Draußen scheint gerade die Sonne und die Eichhörnchen spielen wieder Fangen in den Lärchen.

    Hab einen schönen Tag!
    Wilhelm

  4. hildegardlewi

    Was nützen die klügsten Abhandlungen und Kommentare, wenn sie nicht dort gelesen, diskutiert und befolgt würden, an die sie gerichtet sind und eigentlich Verpflichtung zur Befolgung hätten. Das beste Beispiel dafür wäre für mich die Eröffnungsrede zu den Wagner-Festspielen vor einigen Jahren von Jean Ziegler, die aber erfolgreich von unserem Bundespräsidenten ersetzt wurde. Die Schere klafft bis zum Anschlag auseinander.
    Ein ergreifender Appell an die Reichen gegen einen euphorischen über den Musikunterricht der Kinder de gehobenen Klassen. Es müßten sich auch die richtigen Kreise bilden, um den
    gewonnenen Erkenntnissen und ihrem Begegnen Nachdruck zu verleihen. Sonst ist es wie mit allem anderen – ist doch lästig irgendwie oder – ja ja, wissenwa doch!.

  5. Leela Krustenschnee

    nehmen wir einmal an, es kommt zu keiner globalen Katastrophe, die alles zerstört…
    dann sehe ich zwei Möglichkeiten: was zu viel ist an Armen, weil als Sklaven nicht gebraucht, wird ausgerottet durch Hunger, Kriege, Ertrinken und Epidemien… und weil Gewalt wachsen wird, auch durch Gegengewalt… vielleicht auch durch Entsorgen atomarer Verseuchung, vergiftetes Wasser und giftige, denaturierte Nahrung… persönlich gehe ich davon aus, dass die Lebenserwartung wieder sinken wird, vor allem für jene, die sich den medizinischen „Fortschritt“ nicht leisten können…
    Möglichkeit Nummer zwei: IS-Staat oder ähnliche „Terroristen“ finden Wege, das System effizient zu unterwandern und lahm zu legen… es ist ein sehr anfälliges System und pfeift vielleicht schon aus seinem letzten Loch…
    Leben kennt mehr als zwei Möglichkeiten… lassen wir uns überraschen…

  6. SalvaVenia

    Jeder sollte sich vielleicht die Frage stellen, was er persönlich denn gerade tue, diesen Verwerfungen entgegenzutreten. Kritik ist immer das eine, der Gegenentwurf dahingegen etwas völlig anderes.

    Wie könnte ein solcher denn lauten, so daß ihm alle folgen könnten, unabhängig von politischer und religiöser Colour?

  7. kaetheknobloch

    Gewohnt geschliffen dargestellt, lieber Herr Mersmann. So einfach ein Umbruch und doch so schwer. Solange das Speckmadenweib neben mir am Marktstand schrillstimmig verkündet, statt des nur minimal verteuerten deutschen Spargels (was meiner Meinung nach eh‘ nicht dem Mindestlohn geschuldet ist, aber das ist ein anderes Thema, wobei eigentlich…) nur noch peruanischen zu kaufen und zig Köppe ringsrum beifallheischend nicken; solange wird ein Umdenken schier unmöglich in dieser Wohlstandsgesellschaft.
    Aber bitte mahnen Sie weiter, es ist so wichtig wie noch nie.
    Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch, zugeneigt.

  8. gkazakou

    Ein von Herzen kommender und zum Herzen sprechender Kommentar. Doch „so einfach ist es“ eben nicht. Um die alten Verhältnisse umzustürzen und gerechtere zu schaffen, wurden allein in Frankreich Hekatomben geopfert und errichtete Robespierre sein Terrorregime. Das Ergebnis solcher Opfer ist am Ende auch nicht so doll, wie die Analyse der heutigen Verhältnisse ja beweist, in denen es zwar kein feudales Frankreich mehr gibt, wohl aber eine weltweite Ausplünderung und eine extreme Verarmung so vieler Menschen.. Ich fürchte, es fehlt noch eine Theorie des Wirtschaftens und der Verwendung der Ressourcen, die mehr als „Dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen“ ist. Mit besten Grüßen Gerda Kazakou

  9. Gabriel Höfle

    So wahr die Analyse auch aus meiner Sicht ist, so wahr ist für mich aber auch die Tatsache, dass derartige Umbrüche und / oder Widerstände stets dazu führten und führen werden, dass die neu entstehende Ordnung der Alten gleichen wird.
    Kern des Problems dürfte hierbei der zutiefst in der Menschlichkeit verankerte Opportunismus sein.

  10. Patric Schelter

    Ich sag doch: „Reichtum für alle“ Nieder mit der Ausbeutung. Yes we can. Podemos.
    Gleicher Lohn für gleiche Arbeit…………..
    Was bitteschön ist denn eine „Ausbeutungsquote“. Die hat ja selbst Karl Marx noch nicht entdeckt. Deshalb Inclusion nicht nur in Schulen sondern auch beim IWF etc.
    Mal ganz nebenbei.Der Kapitalismus ist immer in der Krise.
    Besonders hat mir aber der Beitrag mit dem Spargel gefallen.
    Ich lese trotzdem schmunzeld diesen Block eines Wirtschaftswissenschaftlers.
    Nichts für ungut und weiterso !
    Mal hier reinhören: https://www.youtube.com/watch?v=hABnABJ4e5Q

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