Das Tabu der Unsterblichkeit

Es ist keine Religiosität erforderlich, um der biblischen Metapher, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind, etwas abgewinnen zu können. Sie ist so treffend, dass sie sogar als realistische Beschreibung unseres Daseins genommen werden kann. Was sie unangenehm macht, ist die eindeutige Aussage, dass unser Verweilen auf diesem Planeten temporär ist. Damit wird ein Tabu gebrochen, das sich mit der Phantasie von der Beherrschbarkeit der Welt seit dem Durchbruch von Naturwissenschaft und Technik zu einer vermeintlichen Wahrheit gemausert hat. Alles, was dem Zweifel an der irdischen Existenz über lange Perioden der Menschheitsgeschichte Stoff lieferte, nämlich genau die Gewissheiten über die eigene Fehlbarkeit und Endlichkeit, wurde nach und nach aus dem öffentlichen Bewusstsein getilgt.

Mit Industrialisierung und Technokratie wurde der Zweifel ersetzt durch den Mythos von Juvenilität und Dynamik. Der Mythos herrscht und tilgt jeden Zweifel. Dass er zu einer kollektiven Hybris geführt hat, die die einzelnen Individuen in den Irrsinn getrieben hat, sich selbst die ewige Jugend zu bescheinigen, ist dabei eher eine karikaturhafte Begleiterscheinung. Wie sehen sie aus, die Prototypen der ewigen Jugend? Wie Figuren aus dem Schattenreich, die jegliches Schamgefühl verloren haben. Und wie ist es um die Würde derer bestellt, die den existenziellen Kampf ihrem Ende nahen sehen? Sie werden entsorgt wie die einzige Peinlichkeit, die in der sterilen Welt des Wahns noch zum Vorschein kommt.

Dieses einzige Tabu, dass die Machbarkeit des Daseins in die Hände technischer Abläufe zu legen bereit ist, ist nicht nur eine durchschaubare Phantasmagorie, sondern ein Instrument der Herrschaft selbst geworden. Indem das kollektive Bewusstsein den Glauben protegiert, die individuelle Endlichkeit sei überwunden, holt sie den Glauben an das Paradies auf die Erde selbst. Da herrscht nicht einmal mehr ein Doppelcharakter des guten Glaubens. Der Verweis auf das bessere Jenseits in den Weltreligionen hatte den Charakter einer Unterwerfung, weil er davon ablenkte, das Hier und Jetzt ändern zu können. Aber ihm wohnte auch immer etwas Protestatives inne: Indem dem Jenseits bessere Zustände zugeschrieben wurden, wurde das Diesseits grundlegend kritisiert. 

Der Wahn, mit der generellen Machbarkeit das Diesseits im Griff zu haben, impliziert die Kritik am Subjekt. Der Mensch ist im Gedanken an Machbarkeit und Perfektion zu einem Objekt verkommen, das durch seine Fehlbarkeit die absolute Machbarkeit verhindert. Der Begriff des menschlichen Versagens ist das inquisitorische Dogma unserer Tage. Wäre da nicht die lästige Fehlbarkeit des Menschen, dann wäre das Paradies, dem wir doch schon so nahe sind, längst Realität. Wer wollte da noch widersprechen? Nicht diejenigen, die den Genuss der technisierten Welt bereits derartig in ihre Lebensroutinen aufgenommen haben, als dass sie sich noch vorstellen könnten, ihr eigenes Leben ohne sie zu gestalten.

Das Tabu der Unsterblichkeit einerseits und die Idee von der absoluten Machbarkeit andererseits sind die Kernfragmente einer aggressiven, an Terrorismus grenzenden Weltanschauung, die der Würde des Menschen den Kampf angesagt hat. Sie zu entlarven ist eine sehr anstrengende Aufgabe, die immer mit groben Sanktionen verbunden ist. Das Exil ist das Pendant zu diesem Mechanismus. Ausgrenzung aus der Gemeinschaft ist die Folge. Wer sich dem Fortschritt, was immer er auch sein mag, mit dem Ruf nach Räson widersetzt, muss sich den Vorwurf der mangelnden Eignung für die glorreiche Zeit aussetzen. Das war allerdings schon immer so. Und dennoch fanden sich Geister, die dem Wahn des Bestehenden nicht mehr folgen wollten. Und sie haben die Welt verändert. 

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5 Gedanken zu „Das Tabu der Unsterblichkeit

  1. Bludgeon

    Die erste Assoziation zu diesem Text ist das Dekolleté der Wieczorek-Zeul beim Bundespresseball um 2010 herum.
    Die zweite ist Goethes Zauberlehrling. Der Besen läuft und läuft, aber der MEISTER erscheint nicht.

  2. gkazakou

    „Wäre da nicht die lästige Fehlbarkeit des Subjekts…“. Peachum (3-Groschen-Oper) hilft sich: er schiebts auf die Verhältnisse, die halt nicht so sind, dass sie uns erlauben, gut zu sein. „Ein guter Mensch sein, ja wer wärs nicht gern …Wenn alle gut wärn, wär sein Reich nicht fern….“ Hat er Recht?

  3. vfalle

    In einer durch Digitalisierung dramatisch beschleunigten Zeit, bleibt die Technologiefolgenabschätzung auf der Strecke.

    Es ist erstaunlich, dass inzwischen selbst Menschen wie der Physiker Stephen Hawking, der Microsoft-Gründer Bill Gates und der Tesla-Motors-Günder Elon Musk vor der fortschreitenden Digitalisierung (Artificial Inttelligence) warnen. http://www.techtimes.com/articles/29436/20150129/bill-gates-like-stephen-hawking-and-elon-musk-worries-about-artificial-intelligence-being-a-threat.htm

    Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen kostenlose Apps (Programme für Smartphones und Tabletcomputer), die ihnen einen Nutzen bieten. Welcher Nutzen für die Anbieter durch den Zugriff auf die Daten der Nutzer entsteht, wird selten hinterfragt.

    Aber wer darvor warnt, der wird schnell zum Spielverderber bzw. Spaßverderber.
    Ist aus der „Schwarmintelligenz“ der total vernetzten Gesellschaft vielleicht schon längst eine Schwarmdummheit geworden?

    Sorgt das Internet wirklich noch für eine ausgewogene Meinungsvielfalt oder passiert längst eine subtile Beeinflussung. Eine Beeinflussung, wie sie mit den klassischen Medien nicht möglich wäre.

  4. Monika-Maria Ehliah

    … ein paar bescheidene Gedanken meinerseits …
    Segen!!
    M.M.
    *********
    Genesis 1. 28
    „Macht euch die Erde untertan!“

    Wenn ich durch Gottes Garten gehe,
    so viele Wunder, vor meinen Augen sehe.
    Kräuter, Bäume, Blütenreigen,
    ich will in Ehrfurcht mich verneigen.

    Buschwindröschen, Löwenzahn,
    Himmelschlüssel, Majoran.
    Alles wird von Gott gegeben,
    wir können somit herrlich leben.

    Die Erde sei euch untertan –
    doch hier, fing schon das Übel an.
    ER gab die Erde uns zum Pfand,
    der Mensch jedoch – zerstört das Land.

    Gemessen an der Ewigkeit,
    wandeln wir hier, nur kurze Zeit.
    Alles wird von Gott gegeben,
    und wir müssen es weitergeben.

    © Monika-Maria Ehliah Windtner

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