Avantgarde und Mainstream

Thelonious Monk, einer der prägenden Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts, brachte es auf den Punkt. Nach seinem Prinzip gefragt, wie er spiele und was er komponiere, antwortete er: Spiele deine Musik und nicht das, was die Leute hören wollen. Vielleicht brauchen sie zehn, fünfzehn Jahre, bis sie es mögen. Das war schlicht und einfach das Bekenntnis eines Avantgardisten zu einem alten Prinzip des künstlerischen Schaffens, dem die eigene Idee und Kreativität innewohnt. Monk richtete sich nicht gegen etwas, sondern er sprach sich für eine Selbstverständlichkeit aus, die große Künstlerinnen und Künstler immer wieder ausgezeichnet hat. Um sie zu leben, nahmen sie Armut und Exil in Kauf, um sie zu vollenden, verzichteten sie teilweise sogar auf ihr soziales Leben. Das Streben nach Einzigartigkeit schuf das Große, mit dem wir sie bis heute in Verbindung bringen. Als Resümee könnte der Satz stehen, dass gute, ausdrucksvolle, forminteressante und inspirierende Kunst immer Avantgarde und nie Mainstream ist.

Die Avantgarde, historisch eine Entwicklung in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war die Antwort auf ein bürgerliches Zeitalter, das es sich bequem gemacht hatte und darauf hinstrebte, sich in Kriegen zu zerfleischen. Der Kunstbetrieb war es, gegen den sich die Avantgarde richtete, der so tat, als sei alles in Ordnung und der Standards entwickelt hatte, die Kunst als Konsumartikel auf den Warenmarkt warf. Die Avantgarde war sehr politisch und wollte mittels des Schocks das bürgerliche Publikum zum Nachdenken bringen. Die wohl spektakulärste Strömung der Avantgarde war Dada. Und gerade Dada ist das beste Dokument dafür, wie der Kunstmarkt funktioniert. Selbst die revolutionärsten Appelle gegen den Mainstream schockieren zunächst, aber ihr rebellischer Gehalt wird dadurch entleert, als auch für sie das Prinzip der Vermarktung gilt. Da unterscheidet sich Dada nicht vom Punk.

Die Kritik an den Funktionsmechanismen des Warenmarktes in Bezug auf die Kunst ist nicht neu. Neu ist allerdings die Dimension der Anstrengungen, die auf den Prozess der Waren-Werdung der Kunstwerke ausgerichtet sind. Immer mehr Institutionen fokussieren sich darauf, jungen Menschen, die sich künstlerisch betätigen wollen, die Techniken, Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, derer es bedarf, um Erfolg zu haben, d.h. Waren zu produzieren, die auf dem Markt absetzbar sind. Das ist skurril, weil es einer Vorstellung entspricht, als könne man den Prozess des künstlerischen Schaffens erlernen, ohne eine Idee zu besitzen. So sieht dann vieles, was aus diesen Institutionen kommt, auch aus: Es ist technisch gut, es ist von der Vermarktungsstrategie pfiffig gemacht, aber es ist oft inhaltsleer und fade, geschweige denn inspirierend und weiterführend. Die leitende Idee der Produktion ist der Absatz und der Absatz wird dem etablierten Geschmack auf dem Markt zugesprochen.

Um bei der Musik zu bleiben: Viele Produkte aus der marktkonditionierten Retorte haben keine Seele. Soul, an dem sich nach den anfänglichen Erfolgen einer Amy Winehouse eine ganze Generation junger Frauen in Lehranstalten abarbeitete, ist ein Genre, das von den sozialen Erfahrungen eines Milieus lebt. Entweder sie werden mitgebracht oder nicht. Wer aus dem Mittelstand oder der Upper Class kommt, wird die Melancholie, die aus der Ausgrenzung und Verweigerung resultieren, immer nur artifiziell, aber nie authentisch zum Ausdruck bringen können, es sei denn, die eigene Biographie wiese diese Erfahrungen aus. Der Mainstream versucht es, aber er besitzt keine Spiritualität, die aus dem Streben resultiert, etwas Einzigartiges schaffen zu wollen, auch um den Preis, dass es sich nicht gleich vermarkten lässt. Der göttliche Mönch hat es gewusst.

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6 Gedanken zu „Avantgarde und Mainstream

  1. gerhard

    Lieber Gerd,
    ein klasse Artikel, der mir aus dem Herzen spricht, ich bin begeistert! Und Monk war genial, eh klar.
    Viele Grüße + schöne Pfingsttage,
    Gerhard

  2. Bludgeon

    Hm. Das seh ich diesmal teilweise anders:
    Ist es bewusster Verzicht auf soziales Leben, also konsequentes Sendungsbewusstsein von Künstlern, die „ihren Traum leben“ auch wenn er zum Alptraum wird, weil er zuuuuu weit vom Zeitgeschmack weg ist?
    Oder ist es eher ein soziales Defizit, was am Anfang steht und was in diese oder jene Kunst-Richtung zwingt? Mir scheint, es ist eher die Kompensation eines Defizits, was vorher da war.
    Ich weiß: Das ist die Henne-und-Ei-Frage. Für beide Möglichkeiten lassen sich Beispiele finden. Aber ich tendiere zu meiner Variante, da sie privaten Lebenwege von Künstlern doch seeeehr oft Katastrophenabläufe sind.
    Das mit der fehlenden Authentizität (auch noch ausgerechnet im Soulbereich) ist auch so eine Sache: Hall&Oates in den 70ern, Bee gees zu Main Course Zeiten – fehlt da was? Mir nicht.

    Es ist keine Frage von Hautfarbe oder Ghettoherkunft, ob man glaubwürdig Leidenserfahrung in die Kunst einbringt. Jeder leidet an etwas anderem und der eine leidet an seiner Prügelknabenkarriere zu Schulhofzeiten eventuell mehr als ein anderer an seinem lebenslangen Drogenproblem.

    Drittens noch Musik allgemein: Sie scheint mir als Leit-Genre ausgedient zu haben. Sie verkam in den letzten Jahren zum PC-Game-Begleitgeräusch.
    Malerei starb durch Fotografie,
    Theater durch Film,
    Schlager durch Jazz/Rock
    Rock durch Pop,
    Pop duch Techno und PC-Games und inflationäre Verfügbarkeit.
    Früher gab es Songperlen zu Hauf, heute gibt es diese „Notgeld-Liedchen“ phrasenhaftes Stehgreifgereime – brrrrrr.

  3. user unknown

    Ich bin nicht ganz sicher, was die selbstgemachten Erfahrungen betrifft, aus denen der Ausdruck kommen soll. Der Mensch ist ein äußerst empathisches Tier und ziemlich virtuos im Phanatasieren. Im Moment des Leidens oder der Verzweiflung selbst singen die meisten Menschen nicht und ob der Gesang dadurch besser würde ist auch zweifelhaft.

    Umgekehrt singen die großen Interpreten oder musizieren gerne mal 2, 3 Stunden am Stück, und heitere Stücke wechseln mit trüben, schnelle mit langsamen, harte mit weichen im Rhythmus von wenigen Minuten. Der Künstler selbst muss sich immer wieder in die Stimmung versetzen die den Ausdruck echt wirken lässt – er ist aber selbst in dem Moment oft nicht mehr verzweifelt, betrübt, rasend vor Eifersucht oder frisch verliebt.

    Ich habe auch schon halbe Kinder gehört die eindrucksvoll von großer Liebe sangen, wo es dann bei mir im Kopf nicht mehr klappt, aber das lag dann an mir, dass ich dem Knirps diese Geschichte nicht abkaufen wollte. 🙂

  4. aquasdemarco

    Sehr schöner Artikel!
    Ich finde auch der Mainstream ist einzigartig, so ist auch er eine Kunstform und aus seinen ewig wabernden Stream heraus entsteht das Neue, unangepasste, der Mainstream ist der benötigte Nährboden.
    Die Gesetzte der Dualiät funktionieren auch in der Kunst.

  5. gkazakou

    Wie alle deine Beiträge regt auch dieser zum Weiterdenken und teilweise zum Widerspruch an. „Spiele deine Musik und nicht das, was die Leute hören wollen“, das sei „ein altes Prinzip des künstlerischen Schaffens, dem die eigene Idee und Kreativität innewohnt“. Diese beiden Sätze sind sind für mich zentral. Authentische Kunst lässt sich nicht schaffen, wenn der Künstler mit einem Auge auf den Applaus schielt. Der Künstler ist sich selbst entfremdet, er ist nicht bei sich und kann sein Thema nicht finden, wenn er das Thema außerhalb, in Trends und Moden sucht. Soweit so richtig. Nur ist das nicht ein Kennzeichen der Avantgarde. Dada und alle entsprechenden provokativen Kunstformen blicken vor allem aufs Publikum (wie kann ich es ergreifen, schockieren, brüskieren, aufrütteln), sind mithin abhängig von ihrer Epoche und nicht zukunftsweisend. Sie instrumentieren die Kunst , anstatt ihr zu dienen , sind daher – mit umgekehrtem Vorzeichen – dem Mainstream und dem bürgerlichen Geschmack verpflichtet. Aus dem Widerspruch zu diesen ziehen sie ihre Kraft, nicht aus sich selbst.

    1. Petra Gust-Kazakos

      Guter Punkt. Gerade Dada ist dafür natürlich ein ideales Beispiel.
      Das wirft für mich die Frage auf, ob alle Kunst nicht sowieso immer einen Anlass hat (oder braucht), woraus sich eine Absicht ergibt (erbauen, belehren, ergreifen, aufrütteln etc.), die auf ein Publikum gerichtet ist.
      Aber ich denke auch, dass umfangreiche Nachahmung einer mutigen, avantgardistischen, innovativen Idee, die vom Publikum/Markt gut angenommen wurde, zu deren Mainstreamisierung führt.

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