Wer alles glaubt, der darf nicht klagen

Die Welt ist nicht so, wie sie erscheint. Vieles, was als sicher gilt, kann bei näherer Betrachtung, im kritischen Blick, zerbröseln wie eine ausgedorrte, welke Blume und manches Übersehene entpuppt sich als ein starker Keim, der plötzlich, wie über Nacht, zu blühen beginnt. Die Erkenntnis dessen ist, bei ein wenig Reflexion, keine unerreichbare Sache. Wer die Entwicklung der Dinge genau beobachtet, hat die Chance, die Unebenheiten der realen Existenz und die Aura, die der Schein verbreitet, voneinander zu unterscheiden. 

Denjenigen, die aus der Beobachtung des Seins und seines trügerischen Scheins eine Profession gemacht haben, haben demokratische Verfassungen besondere Rechte eingeräumt. Dafür, dass sie lernen, den Kern des Realen aus der Schale der Verkleidung herauszuschälen und diesen Vorgang einer breiten Öffentlichkeit darzustellen, und dafür, dass sie sich nicht blenden lassen vom flutenden Licht der Macht, genießen sie Privilegien des Schutzes. Ihnen wird erlaubt, sich gegen die Mächtigen zu stellen, wenn es die Umstände erfordern, und ihnen wird erlaubt, die Quellen ihrer Arbeit zu verbergen, um sie zu schützen. Keine demokratische Gesellschaft, die etwas auf sich hält, verzichtet auf diesen Schutz, wohl wissend, dass er zu den elementaren Garantien für eine wirksame Kontrolle der Öffentlichkeit über die Geschäftsführung der Macht gehört. 

Journalistinnen und Journalisten sowie die öffentlich finanzierten Medien haben die Aufgabe, die Welt auf ihre tatsächliche Befindlichkeit zu untersuchen, ihre widersprüchliche Erscheinung darzustellen sowie danach zu suchen, ob das Vorgefundene den Botschaften derer entspricht, die vom Volke mit einem temporären Mandat zur Amtsführung ausgestattet worden sind. Dafür genießen sie den gesetzlichen Schutz. 

Im fernen Amerika, als die fatale Symbiose von 9/11 und George W. Bush griff, traten viele Veränderungen in der westlichen demokratischen Kultur ein, die auf diese Symbiose zurückfallen und die mit dem grundlegenden Anspruch demokratischer Staatsformen nicht einhergehen. Eine dieser letalen Stöße gegen die demokratische Kontrolle war das Konzept der „Embedded Journalists“ im Zweiten Irakkrieg 2003. Da durften nur noch ausgewählte amerikanische Journalisten mit an die Front und wurden innerhalb der regulären Truppenbewegungen mitgeführt. Und im Handumdrehen wurde aus dem Auftrag einer kritischen Sicht staatlich finanzierte Kriegspropaganda. 

Ob es in Deutschland innerhalb der betroffenen Zunft große Empörung über diese Vergewaltigung der eigenen Profession gab, ist nicht bekannt. Dass aber seitdem eine eindeutige Abkehr von dem einsetzte, wofür ausdrücklich das Monopol der Öffentlich-Rechtlichen etabliert worden war, ist offensichtlich. Heute, im Jahr 2015, fällt nur noch auf, dass Botschaft wie Sprache von Regierungsgewalt hier und öffentlich protegiertem Journalismus dort nahezu identisch sind. Obwohl es abgedroschen klingt, aber es drängt sich angesichts des amerikanischen Vorbildes aus dem Irakkrieg doch auf. Der öffentlich finanzierte Journalismus scheint im Bett der Macht zu liegen. Betrachtet man die Stars der politischen TV-Medienvermittlung, so erhalten sie aus den Zwangsgebühren Honorare, die in der Preisklasse von Vorstandsmitgliedern börsennotierter Unternehmen liegen. Allein diese Tatsache dokumentiert die tatsächliche Entfernung vom eigentlichen Auftrag, aus der Sicht des Volkes den Gebrauch der Macht zu beschreiben. Stattdessen produziert das Gewerbe den Schein, den die Mächtigen brauchen, um ihre eigene Agenda weitertreiben zu können. 

Intellektuell sind die Botschaften, mit denen das vom kritischen Blick zum Gewerbe der Macht avancierten Journalismus aufwartet, eher dürftig. Besorgniserregend jedoch ist die Wirkung, die diese Botschaften dennoch erzeugen. Denn auch das Volk hat verlernt oder nicht gelernt, das, was zu lesen ist, einem kritischen Blick zu unterwerfen. Die Kritik kann sich daher nicht nur an den Journalismus richten, sondern sie muss sich damit befassen, wodurch das Defizit der Leserschaft entstanden und wie es wieder zu beheben ist. 

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9 Gedanken zu „Wer alles glaubt, der darf nicht klagen

  1. mcralf

    Was erwartest Du, wenn ein Nachrichtenmoderator des ZDF ansatzlos zum Regierungssprecher mutiert … ? Gestern noch Merkel „kritisch“ befragt, heute verkündigt er ihre Worte… 😳
    Den meisten Journalisten fehlt wohl schlicht die Zeit und der intellektuelle Ehrgeiz (vielleicht sogar das intellektuelle Vermögen), ein Problem zu durchdringen.
    Das fast tragische daran: jahrelang haben die einfussreichen Journalisten das Hohelied des Neoliberalismus gesungen – und nun sind (oder werden) sie dessen Opfer.

    Ich wünsch Dir ein schönes Wochenende. Gruß Ralf.

  2. Leela Krustenschnee

    und doch ist es so, dass das Misstrauen wächst… wenn ich früher auf Missstände hinwies, stieß ich meist auf Unverständnis… heute fangen viele an zu begreifen, was vor sich geht…

  3. hildegardlewi

    Über die einleitende tiefsinnige Betrachtung konnte ich mich eines Schmunzelns nicht erwehren. Voraussetzung ist, daß der Mensch denkt. Der Mensch von heute denkt in den
    seltensten Fällen. Und wenn er denkt und das Gedachte kommentiert oder darüber diskutieren möchte, wird er sehr kritisch unter die Lupe genommen. Da muß man ja schnellstens einen Schubkasten finden, wo er hineinpaßt. Zunächst aber wird er mit Abstand beäugt. Denkt er auch nichts Verkehrtes?. Für den Bürger (bzw. Menschen) von heute w i r d g e d a c h t.
    Und damit ist er ja offensichtlich einverstanden.

  4. Drittgedanke

    Ich finde auch erschreckend, welche Kanalisierungen für „Meinungen“ sich nun öffentlich selbst erschaffen, da an die Stelle des Kanals „unabhängiger Journalismus“ ein Vakuum getreten ist – siehe Pegida…

    1. Leela Krustenschnee

      hatte die Sendung gesehen, sie mir jetzt noch einmal angeschaut und mich nochmals geärgert… nicht nur was weggelassen wird, macht Meinung, sondern auch wer ausgesucht und wie dargestellt wird, um Meinungen zu untermauern bzw sie lächerlich zu machen, ist hier sehr deutlich zu sehen… jetzt weiß doch wieder jeder brave Bürger, dass er nur Verschwörungstheorien aufgesessen ist und kann wohlinformiert in Ruhe beim Grill sein Bier genießen…

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