Ego-Shooter

Sie sind zu einem Massenphänomen geworden. Und sie spiegeln genau die Irritation, die allen Phänomenen einer Zeit gemein ist, in der kaum noch Unmittelbares zum Erfahrungshorizont gehört und dafür Herz wie Hirn von Mittelbarem überschwemmt werden. Es geht um Sein und Schein. Der Schein wird oft als bare Münze genommen und das Sein hat so zarte Konturen bekommen, dass sie kaum jemand noch identifizieren kann. Das, was im Allgemeinen als die virtuelle Welt gefeiert wird, entpuppt sich als ein Spiegelkabinett für falsche Erscheinungen. Doch zur Sache.

Das Phänomen, um das es hier geht, ist eine gesellschaftliche Schicht, die in hohem Maße von den Bemühungen ihrer Vorgängergeneration profitiert hat, die einen gewissen Grad an gesellschaftlicher Emanzipation über Bildung erreichen wollte. Verschiedene Bildungswege wurden auch für Mittellose zugänglich gemacht und ein Teil von ihnen, die erfolgreich waren, bekamen gute Jobs, teils in der öffentlichen Verwaltung, teils wurden sie qualifizierte Freiberufler wie Ärzte oder Anwälte. Womit niemand derer, die diese Karrieren ermöglicht hatte, rechnete: Sie mauserten sich zu einer sozialen Schicht, die sich in hohem Maße von dem verabschiedeten, was man eine gesellschaftliche Verantwortung nennen könnte.

Die Muster sind bekannt und werden von einer alten, traditionellen Elite, die lange schon keine mehr ist, vorgelebt: Da wird Baugrund erworben, der unter dem durchschnittlichen Preis liegt, weil in der Nähe eine Schnellbahn verläuft oder ein Flughafen liegt. Sobald sich eine Siedlung dieser Schicht gebildet hat, beginnen die vehementen Proteste gegen die Projekte, die via Preis ihr erst ermöglicht hatten, dort zu siedeln. In einer Schule wird um ein Obulus gebeten, um teures Gerät anschaffen zu können. Die Kinder werden mit einem teuren SUV zur Schule gebracht und sie haben einen IPOD im Ohr, dessen Gegenwert den Obulus bei weitem übersteigt. Aber die Eltern drohen dem Schulträger mit Staranwälten, um die Lehrmittelfreiheit einzufordern. In Schulen der Arbeiterviertel wird dieser Beitrag ohne große Diskussionen entrichtet. Oder sie fordern Subventionen für genau die kulturellen Institutionen, die von ihnen frequentiert werden, während sie vehement gegen alle polemisieren, deren Weltbild sie nicht teilen. Und überhaupt: Sie sind die mit Abstand am moralisch überlegenste Schicht, die existiert unter der Sonne.

Wer Ihnen das Recht auf Einzigartigkeit abspricht, hat es schwer. Gegen den wird ein moralischer Feldzug angezettelt, der nichts anderes als die Kaschierung der eigenen Unfähigkeit ist, in einer Gemeinschaft zu leben. Was dieses, im Stil so modern daherkommende Ensemble in der Republik aufführt, ist eine Renaissance der guten alten Dekadenz. Sie gehen bio-dynamische Produkte einkaufen, deklarieren vielleicht auch das vegane Zeitalter, bringen es aber gleichzeitig fertig, für die eine Invasion hier oder den gewaltsamen Sturz einer anderen Regierung dort zu votieren. Sie sympathisieren mit Drohnentechnologie und schwadronieren gleichzeitig über das Völkerrecht. Es sind kaum zu verdauende Antagonismen, die nur versteht, wer die soziale Verlorenheit dieser Ansammlung von Individuen begreift.

Der Journalismus, der politische und soziologische Analysen eingetauscht hat gegen die Umschreibung von Befindlichkeiten in ein Faktum, hat, ganz dem Schein erlegen, den Begriff des Wutbürgers geschaffen. Mag sein, dass sie zuweilen wütend sind, aber es charakterisiert sie nicht. Unbürger wäre das bessere Wort gewesen, denn zu einem Leben in einem sozialen System eignen sie sich nicht. Wer es fertig bringt, in Wutgeheul über den Streik unterbezahlter Erzieherinnen auszubrechen, während er seelenruhig im Fernsehen beobachtet, dass die Bundeswehr in Waffenschauen kleinen Mädchen zeigt, wie Schnellfeuergewehre funktionieren, hat sich unwiderruflich auf das Terrain der Dekadenz begeben. 

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7 Gedanken zu „Ego-Shooter

  1. westendstorie

    So ist es. Gern auch kein SUV, sondern ein Fahrrad, natürlich in selbiger Preisklasse. Ein Beleg dafür, das selbstverständlich im Alltag die Umwelt und das Öko-System geschützt wird. Bis es Oktober wird, und die dreiwöchige Indien-Ayurveda Flug-Reise ansteht, um den Freientfaltungsprozess seiner selbst und den der Kinder voranzutreiben. Das Kerosin ist da unbeachtete Nebensache..

  2. gkazakou

    Na, ich weiß nicht, ob ausgerechnet die aus den mittellosen Schichten hervorgegangenen sog. Eliten prägend für das Phänomen der „Unbürger“ ist. Die aus den Mittel habenden Schichten hervorgegangenen „Eliten“ waren und sind nicht weniger fragwürdig in ihrem Bürgerverständnis. Wieviele Profs schrieben laudatia für die Nazis? – um nur ein krasses Beispiel zu erwähnen.

  3. Leela Krustenschnee

    so ganz ist mir nicht klar, von welcher Schicht hier die Rede ist. Es müsste die Generation meiner Kinder sein. Sind sie so? ich weiß es nicht… wenn ja, dann haben wir sie wohl falsch erzogen…

  4. flowerywallpaper

    Hast du Die Zeit Nr. 24 gelesen? Diese Ausgabe beinhaltet soviel interessante Artikel. Besonders Harald Martensteins Artikel ist wieder einmal hervorragend! (Passt irgendwie zu deinen Gedanken). Den kann man zwar auch im Internet lesen, aber die ganze Ausgabe ist toll.

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