Fünf Tage im Juni

Die Nachgeborenen wissen es nicht mehr. Im Juni des Jahres 1953 kam es vor allem in Ost-Berlin zu Ausständen und Aufständen der Arbeiter auf dem Bau. Sie brachten damit ihren Unwillen gegen Schwierigkeiten und Widrigkeiten beim Aufbau des Staates DDR zum Ausdruck. Die Arbeitsnormen wurden wiederholt erhöht, die Gehälter blieben die gleichen und für das Geld konnte man, verglichen zu den Konsumgütern, die in West-Berlin zur Verfügung gestellt wurden, nichts kaufen. Dann, im Juni 1953, lief das Fass über. Aus Streiks wurden Demonstrationen, den Baustellen folgten andere Fabriken und irgendwann wurde von einem Volksaufstand gesprochen. Am 17. Juni schließlich wurde dieser brutal von auffahrenden Panzern niedergeschlagen, unter Beteiligung der sowjetischen Besatzungsmacht. In der benachbarten Bundesrepublik Deutschland wurde beschlossen, den 17. Juni fortan als Tag der deutschen Einheit zu begehen. Dieses wurde bis zum Ende der DDR so gehalten, seitdem wird der 3. Oktober als Tag der Wiedervereinigung ersetzt und der 17. Juni geriet in Vergessenheit.

Die Eigenart, dass sich das damalige Westdeutschland mit Arbeiteraufständen solidarisierte, sei einmal dahin gestellt und nicht die Frage erörtert, ob das heute wohl noch passieren könnte, weil dann schnell deutlich würde, wohin der damals schon aufkeimende Moralismus letztendlich führt. Interessanter scheint die Frage, ob die damals junge DDR das Potenzial zu einem anderen Staat in sich trug, als sie dann schließlich wurde. Es geht um die Erörterung einer sozialen Utopie. Das Stück war in Deutschland bereits einmal aufgeführt worden und hatte in einem Debakel geendet. Die Novemberrevolution von 1918 war der erste Versuch von Arbeitern und Soldaten auf deutschem Boden, aus dem Sturz bestehender Verhältnisse etwas Neues zu machen. 1918 wurde der Krieg beendet und die Monarchie gestürzt, das Modell der Arbeiterräte setzte sich nicht durch, auch das wurde durch Mord und Totschlag besiegelt, genau wie bei der zeitgleich stattgefundenen Münchner Räterepublik. 

Das Potenzial für ein neues Demokratiemodell nicht im Sinne einer westlichen Assimilation hatte aus dem Westen nicht identifiziert werden können. Zu spärlich waren die Informationen und zu zweckorientiert die westliche Propaganda. Stefan Heym, der ostdeutsche Schriftsteller, der sich als Exilant in den USA mit spannenden Romanen über die us-amerikanische Working Class auch im Westen einen Namen gemacht hatte, als Verbindungsoffizier nach Deutschland zurück gekommen und in der DDR geblieben war und irgendwann ein Publikationsverbot am Hals hatte, besagter Stefan Heym hatte drüben, ohne Öffentlichkeit, einen Roman geschrieben, der sich mit dem Gewaltakt gegen die Berliner Arbeiter aus dem Juni 1953 auseinandersetzte. Fünf Tage im Juni hatte er ihn genannt und damit dem Aufblitzen einer Alternative im Weltgeschehen einen zeitlichen Rahmen gegeben. Heyms Roman ist bis und gerade heute eine überaus lehrreiche Lektüre. Zum einen zeigt er, wie schnell sich in der DDR eine Bürokratenkaste etabliert hatte, die so weit entfernt von der proklamierten politischen Programmatik war, dass sie wie eine Karikatur wirkte. Und er zeigt, wie vage und undeutlich die soziale Utopie, die jenseits der realen Machtverhältnisse vielleicht gegeben gewesen wäre, in Deutschlands Köpfen vorhanden ist.

Es ist bedenkenswert, wie wenig die deutsche Mentalität dem Spiel Raum gibt, sich in der Vision zu üben. Die Erdung, der Realismus, die Geschäftsmäßigkeit, die in vielerlei Hinsicht zu einer guten Organisation des Alltags führen, nehmen allerdings auch die Energie weg von der Beschreibung eines Weges, der im Möglichen liegt. Der 17. Juni hatte auch etwas, das es nicht in die Geschichtsbücher geschafft hat. Das war allerdings das Interessanteste. 

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7 Gedanken zu „Fünf Tage im Juni

  1. gerhard

    Anmerkung am Rande: mit der Occupy-Bewegung vor ein paar Jahren hat sich von offizieller Regierungsseite niemand solidarisiert, aber das hätte auch zu sehr in Richtung „Eigene-Nase-fassen“ geführt…
    Ansonsten natürlich: Interessante Gedanken zum heutigen Tag, Gerd.
    Viele Grüße,
    Gerhard

  2. hildegardlewi

    Lieber Gerd. so ältere und alte West- und Ostberliner können sich bestimmt an die damaligen Tage erinnern, auch an Stefan Heym. Aber ich wußte nichts von den Büchern über und aus Amerika. Man hat ihn damals gerne ins Zwielicht gerückt und wurde in „Westberlin“ meistens etwas zweifelnd angesehen, wenn man ihn gelesen hatte oder möglicherweise sogar besaß.Das Leben in der Viersektorenstadt war wirklich keinen Tag lang langweilig oder ereignislos. Aber es forderte. Zu dieser Zeit ging man noch bei „Grün“ einfach über den Damm. „Frontstadt Berlin“hat man damals gesagt, und es wären noch viele gesellschaftliche Augenblicke berichtenswert von hier. Zum Beispiel auch über den Besuch von Franz Joseph Strauß in der DDR und der Anaß. LG, Lewi

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Ja, liebe Hildegard, das glaube ich dir gerne. Heym passte keinem, als deutscher Jude im amerikanischen Exil, in amerikanischer Uniform zurück nach Deutschland und dann auch noch in die DDR. Der beste Roman aus den USA heißt Goldsborough, über einen Streik in der Pittsburg-Gegend. Lesenswert fand ich auch Radek und den König David Bericht.

  3. gkazakou

    „Interessanter scheint die Frage, ob die damals junge DDR das Potenzial zu einem anderen Staat in sich trug, als sie dann schließlich wurde. Es geht um die Erörterung einer sozialen Utopie“. Lieber Gerhard, danke für deinen außerordentlich aktuellen Beitrag! Nicht nur persönliche Erinnerungen werden aufgefrischt, sondern auch die gegenwärtige Situation beleuchtet: in Griechenland versuchen ja gerade einige Genossen, die „soziale Utopie“ wieder zu erwecken, allerdings ohne die Bodenhaftung der Deutschen, und ohne russische Panzer, aber mit derselben Neigung zu Bürokratisierung und Verteuflung des Gegners. Aufstände der Ärmsten gegen das „sozialistische Experiment“ sind auch hier zu erwarten, wenn das Rentensystem zusammenbricht, die Nahrung sich verteuert und die Heizung unerschwinglich wird. Eine prekäre Situation, denn sowohl Kritik als auch Beifall sind, wie damals, fragwürdigen Interessen verdankt.

  4. Bludgeon

    Wäre das Potential zum Anderssein da gewesen?
    – wenn man nicht hätte den russischen stalinismus willenlos nachäffen müssen,
    – wen man nicht hätte, mitrüsten müssen,
    – wenn man nicht hätte planwirtschaftlich jede Eigeninitiative einschläfern müssen,
    – wenn man schließlich hätte den „Guten Menschen“, die entsagungsvolle allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit erzeugen können, die gar nicht mehr weiß, was Egoismus ist…

    Nee, da war von Anfang an der Wurm drin.
    Dass man allerdings den geschichtlosen 3 Oktober als WV-Tag ersonnen hat, wird auch in keinem offiziellen Geschichtsbuch mehr erklärt:
    Der 17. Juni wäre allweil das bessere Datum für so einen Staatsakt gewesen. Aber für 1990 war es zu spät und bis 1991 wollte Kohl nicht warten.

    Am 2.12. war Bundestagswahl und alle Prognosen sagten: Kohl kann die mit Westwählern nicht gewinnen. Die Zeichen standen auf Rot-Grün. Er brauchte die Oststimmen: „Nur mit Kohl gehts uns wohl!“ Und so kams ja dann auch.

    Andererseits hätte ein „Kanzler Lafontaine“ die WV auch mutwillig verstreichen lassen. Konförderations-Blabla usw.

    Komplizierte Zeiten.

  5. Reactionär

    Im Osten spiet der Tag bis heute keine Rolle. Er hat sich nicht ins ‚kollektive Gedächtnis‘ gebrannt, dazu war die Ereignisse viel zu marginal, wie die Anzahl der Opfer überschaubar war. Rache nahm die Stasi 1968. Die war für die BRD viel folgenreicher, als es die Ereignisse 1953 je waren. Der 17. Juni war immer eine Sache des antikommunistischen Westens.

    Und nein: Die DDR hatte nie Potential, denn sie blieb bis zuletzt eine „sowjetische Besatzungszone“. Sie wollte auch nie etwas anders sein.

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