European Gangsters

Für alle, die sich mittlerweile aufgrund der schlechtesten Berichterstattung seit 1945 für gut, und in Sachen Griechenland für sehr gut informiert halten, hier ein Angebot zur Seelenlinderung: Ja, Griechenland hat sich immens verschuldet und muss dafür gerade stehen. Und ja, der griechische Staat benötigt dringende und gewaltige Strukturreformen, um in Zukunft handlungsfähig sein zu können. Und dann entsteht ein großes Schweigen, weil eine Geschichte beginnt, die, egal aus welcher Perspektive sie erzählt wird, nur noch Entsetzen auslösen kann. Weil, und leider ist das so, weil sie die Mutation von einer europäischen Regierung und diversen internationalen Finanzorganisationen zu einer marodierenden Meute von gewöhnlichen Gangstern beschreibt. 

Beginnen wir mit den Geldgebern. Banken sind dazu angehalten, sogar per Gesetz, bei der Vergabe von Krediten auf Gegenwert und Liquidität zu achten. In politischem Kontext und in politischem Auftrag sollte dieser Grundsatz umso mehr gelten. Deutsche Staatsbanken waren es, die diesen Geschäftsgrundsatz nicht beachteten und bei der Zahlungsunfähigkeit des Kreditnehmers Griechenland ins Schlingern gerieten. Die Geschichte ist bekannt. Die Hasardeure beziehungsweise ihre Banken wurden als systemrelevant deklariert und die Staaten hafteten. Weder wurden die Personen vor Gericht gestellt noch die Institutionen für den Schaden verantwortlich gemacht. Der Druck auf Griechenland speist sich daraus, dass alleine die Bundesregierung mit 80 Milliarden für diese Bankenrettung haftet. 

Die griechischen Vorgängerregierungen, die sowohl die Kreditgeschäfte eingingen und allerlei Tand dafür kauften, den kein Mensch braucht, wie z.B. deutsche U-Boote, wurde und wird von hiesiger Seite weder für die Jahrzehnte lange Misswirtschaft noch für die halbseidenen Kreditgeschäfte getadelt. Die Regierung Syriza hingegen war noch keine fünf Stunden im Amt, da setzte ein Sturm der Entrüstung ein, der bis heute täglich gesteigert wird und immer wieder kulminiert in Äußerungen von Protagonisten wie Wolfgang Schäuble oder Christine Lagarde, die alleine und für sich dazu ausreichen müssten, dass sie stante pede aus ihren Jobs geworfen werden, wenn sich auf den Fluren ihrer Organisationen noch irgend eine Spur von Respekt finden ließe. Syriza als Regierungspartei hatte nie eine Chance, dafür hat sie sie bis jetzt genial genutzt. Chapeau!

Das, was wiederum in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Anstalten gleich einer tibetanischen Gebetsmühle wiederholt wird, ist die Notwendigkeit von Reformen in Griechenland. Verwunderlich ist nur, dass die Anfragen der Syriza-Regierung an EU wie IWF in dieser Hinsicht negativ beschieden wurden. Der Hinweis lautete, man könne nur Kürzung, nicht Strukturreform. Das stimmt natürlich so nicht, aber es ist klar und deutlich, dass man nicht will. Griechenland ist frei gegeben zum Liquidieren. Und dieser ungeheuerliche Sachverhalt wird innenpolitisch verkauft als Reform. Wie dieses geschieht, das hat die Qualität von Propaganda, die mittlerweile in zwei großen Paradigmen auf die bundesrepublikanische Bevölkerung systematisch hernieder saust, im Falle Griechenlands wie der Ukraine. 

Die Crime Story, die momentan in Griechenland vonstatten geht und die von einem regelrechten Gangsterensemble gepuscht wird, besteht in dem geplanten Verkauf des nationalen Tafelsilbers. Noch die Vorgängerregierung wurde dafür gelobt, dass sie auf Druck der Troika den Verkauf des Hafens von Piräus, den größten Passagierhafen Europas, an den chinesischen Investor Cosco freigegeben hatte. Die Syriza-Regierung hat dieses gestoppt. Genauso wie sie nicht einging auf die Offerte von Fraport, für 1,2 Milliarden ein ganzen Bündel von nationalen Flughäfen kaufen zu wollen. Die Verkaufserlöse wären ein Nasenwasser angesichts der Verbindlichkeiten. Das Desaster wäre ein nationales, und zwar nachhaltig. Wer vorgibt, Griechenland wieder auf die Beine zu helfen, der darf es nicht schächten wie einen Hammel!

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9 Gedanken zu „European Gangsters

  1. gerhard

    Sobald’s um die Kohle geht, ist der Spaß hinsichtlich Solidaritätsgemeinschaft und „Vereinigtes Europa“ schnell vorbei. Was für eine Farce!
    Viele Grüße,
    Gerhard

  2. hildegardlewi

    Lieber Gerd, ich danke Dir für diesen wunderbaren Kommentar mit klaren und deutlichen Worten, dessen Inhalt nun endlich jeder mal begreifen könnte, anstatt in Leserbriefen sein Urteil oder Verurteilungen, oft mit unglaublicher Häme, zu verbreiten. Über Presse an sich
    lohnt kein Kommentar. Ich habe diese Griechenlandstory seit Jahren verfolgt und es gab auch sehr viele und engagierte Berichte, Beobachrungen, Analysen. Du schreibst es – der Tenor dieser Angelegenheit war von Anfang an, Griechenland zu vernichten ,(bzw. zu zerstören). Und um diese Idee zu unterstützen, hat ja jeder Hansl das Seinige dazu beigetragen.
    Schreiben kann man viel, machen kann man nichts – man kann sich heutzutage nur die Augen zuhalten (und die Ohren) und denken: „mein Gott, wohin steuern wir…..“ Aber ich glaube, der hat von uns längst die Nase voll und denkt sich: „Macht euren Scheiß gefälligst alleine….!“ Ja, nun macht mal.

    1. gkazakou

      Manchmal fühlen wir uns hier in Griechenland so, wie sich die Schiffbrüchigen auf dem Floß der Medusa gefühlt haben mögen (vergl auch das Meisterwerk von Theodore Gericault!). So schlecht es den Menschen auf dem Floß ging, so blieb doch eine kleine Hoffnung – bis der Kapitän auf dem Flagschiff anordnete, das Seil zu kappen. Danach: Extremes Leiden bis hin zu Menschenfresserei (denn jeder ist sich selbst der Nächste, wenns ums nackte Überleben geht). – Übrigens war die Medusa auf Grund gelaufen, weil der Kapitän keine Ahnung von der Seefahrt hatte, dafür aber ein Adliger und Verfechter der adligen Vorrechte war. Eine Parallele auch hier: Das griechische Schuldendrama spitzte sich zu, als die Euro-Kapitäne beschlossen, ihre Banken auf Kosten der einfachen Menschen in Europa zu retten. Adlige entscheiden gegen das Populo, damals wie heute.
      Am Montag der kommenden Woche treten die Regierungsschefs des Euroraums noch mal zusammen, um was zu tun? Um das Seil zu kappen, mit dem das Flagschiff Medusa das klapprige Floß Hellas hinter sich her schleppt? Alsdann! Wir winken euch zu über den sich vergößernden Abstand zwischen der „Feste Europas“ und dem „Balkanland“ der Griechen.

  3. lenariess

    Mein Mitgefühl den Griechen. Wut und Scham diesem Europa, das allein dem Kapital sich anbiedert. Danke für Deine klaren Worte!

  4. Bludgeon

    Volle Zustimmung, dass die Art der Hilfe für die Mittelmeerstaaten eine Art Seidenschnur ist, die man den Ertrinkenden um den Hals warf, während sie planschten. Man zieht sie nun am Genick an den Strand: Ersticken sie schneller oder ertrinken sie doch noch – oder wird ein Wunder war und sie werden doch noch gerettet?

    Aber der Murks, der dort passierte, hat 2 Seiten und die zweite Seite sollte erwähnt werden.

    2000 erreignete sich fast ein Märchen. Spanien und Griechenland standen wirtschaftlich besser da als Deutschland. Der Erfinderstaat der Stabilitätskriterien für den Euro stand schlechter da und es sah danach aus, dass alle anderen den Euro kriegen – aber Deutschland nicht. Damals gab es keinerlei Recherchen in den Medien, wie diese Griechisch-spanischen Superzahlen in die Statistik gerieten. Das war komisch, weil alle Spatzen von den Dächern pfiffen, dass das nicht sein kann. Die waren von Anfang an auf unlauterem Wege beim EURO dabei.

    Und immernoch wurde nicht vollbracht, ein Steuersystem zu installieren, was, den Namen auch verdient: System.

    Ist wenigstens die eklatante Schulbuchverschwendung beseitigt? (Alle Schüler bekommen alle Bücher von der Schule und alle Exemplare werden jährlich erneuert, also weggeschmissen – berichtete mal der WELTSPIEGEL/ARD)

  5. gkazakou

    Danke für alle Kommentare! Worum es mir nicht geht: moralische Verurteilung. Die Menschen auf dem Floß der Medusa waren nicht besser als die auf dem Hauptschiff. Der Unterschied zwischen ihnen ist nicht moralisch, sondern: die einen wurden aufgrund ihrer Rolle und der Umstände zu Tätern, die anderen zu Opfern.

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