Ministerielle Akrobatik

„Jetz ma ehrlich!“ war nicht nur eine Phrase eines längst verstorbenen Karikaturisten des Ruhrgebiets, sondern ist immer noch eine Sentenz, die den Zweifel an den Aussagen des Gegenübers zum Ausdruck bringt. Jetz ma ehrlich bedeutet, dass nicht geglaubt wird, was als Botschaft überbracht wurde und unterstellt, dass doch bis zu dem jetzigen Zeitpunkt eine gute Dosis Humor mit im Spiel war. Wer allerdings nach der unverblümten Aufforderung, nun endlich mit der Wahrheit rauszurücken, immer noch bei der vorgetragenen Erzählung oder Position bleibt, der oder die riskiert, im Weitergehenden ziemlich rüde angefasst zu werden. Und das ist dann nicht mehr angenehm, denn wer sich als notorischer Lügner herausstellt, der wird sehr schnell nicht mehr akzeptiert in einer Welt, in der Verlässlichkeit einen höheren Stellenwert einnimmt als alles andere. So ist nun einmal das Ruhrgebiet: liberal und tolerant, aber auch hart und ehrlich. 

Wenn es eine Bewerberliste für die zu erwartende Ungnade im Falle ausschweifender Reden und wahrheitsferner Geschichten gäbe, dann stünde Ursula von der Leyen sicherlich auf einem der ersten Ränge. Das Phänomen, das sich in ihr äußert, ist die momentan absurde Differenz zwischen kuscheliger politischer Korrektheit und imperialistischem Größenwahn. Noch am Tage ihres Amtsantritts als Verteidigungsministerin sprach sie von ihrer Vision einer neuen Bundeswehr, die Charaktereigenschaften aufwies, als handele es sich um eine partizipativ geführte Sozialstation. Da war von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede, von Chancengleichheit und einer wachsenden Fokussierung auf den Genderaspekt und von den Möglichkeiten berufsbegleitender Qualifizierung die Rede. Das hörte sich alles so an wie die Perpetuierung der Rolle der Bundeswehr als einer Operettenarmee ohne besonderen Interventionszweck.

Dabei gehört es nicht zu den immer wieder gern gestellten schlechten Absichten einer gerne formulierten Kritik an der Bundeswehr. Denn diese entspringt nicht mehr den Quellen der Notorik, sondern den tatsächlichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, denn es waren nicht nur deutsche Piloten, die 1998 ihre tödliche Fracht über dem serbischen Belgrad abluden, sondern auch Afghanistan, wo in einem offiziellen politischen Wording die bundesrepublikanische Freiheit mit der Armee verteidigt wird. Wer allerdings sowohl Bombardements als auch Panzereinsätze als zu den Kernaufgaben zählt, der darf nicht der Naivität bezichtigt werden.

Was die Verteidigungsministerin bei ihrem Mainstreamgendergefasel besonders verdächtig macht, ist der materialisierte Wahnsinn, den sie von sich gibt, wenn sie in nahezu frenetischer Begeisterung von der Drohnentechnologie spricht. Da fällt sie in unbeschreibliche Entzückung, weil sie genau da vermutet, den Spagat zwischen Krieg und beschaulichem Familienleben machen zu können.

Die Vernichtung eines Gegenübers über lange Strecken ohne die Beschwerlichkeit einer Reise, die klinisch reine Abwicklung eines nichts ahnenden Gegenübers ohne Kollateralschaden, die elektronische Botschaft eines nicht angekündigten Massentodes sind es, die die Verteidigungsministerin vor Augen hat. Es geht um die Anwendung von Techniken, die völkerrechtswidrig, menschenverachtend, zynisch und barbarisch sind. 

Das Perverse an dem Konstrukt ist die Behaglichkeit, mit der in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit über diese Optionen diskutiert wird. Es entsteht der Eindruck, als herrsche ein gesellschaftlicher Konsens über die Etablierung der Völkerrechtswidrigkeit bei dem noch geplanten Spiel Krieg. Dass die gleiche Person gegenüber Russland auch noch mit dem Säbel rasselt, vor allem in Fragen des Völkerrechts, macht die Sache noch schlimmer. Zeitgleich überziehen Waffenschauen das ganze Land, bei denen Kinder an Schnellfeuerwaffen stehen und in Helikoptern sitzen dürfen. Es ist der Versuch, den Mord an Dritten als sozialverträgliches Geschäft zu kommunizieren. Mal ganz ehrlich, so werden Kriege vorbereitet, und der Mob mit Hochschulabschluss, Biomenü und Karrierequote merkt es nicht. 

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4 Gedanken zu „Ministerielle Akrobatik

  1. Bludgeon

    Applauuuuus für den letzten Satz!
    Die Ursel ist leider meine Generation und die Typen im letzten Satz sind unsere Kinder. Was lief schief bei der Friedenserziehung?

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