Europäische Inquisitoren und griechische Demokraten

Wie lauteten noch die beschwörenden Formeln, als es galt, die Kreditinstitute, großteils Staatsbanken auch aus Deutschland, die sich verzockt hatten in Griechenland? Man könne die Wiege der Demokratie nicht im Stich lassen, Griechenland sei wie eine Mutter der europäischen Kultur etc.. Falsch war das alles nicht, nur wurde es im falschen Moment mit einer hintersinnigen Absicht formuliert. Die Banken, die in Griechenland genau die Politiker gefunden hatten, die ein laxes, ineffektives und korruptes System repräsentierten, gaben genau diesen vermeintlichen Eliten Kredite im Übermaß, um einen Lebensstil zu pflegen, der als dekadent bezeichnet werden muss, aber vor allem, um Dinge zu kaufen, die in Griechenland niemand brauchte. Rüstungsgüter aus Deutschland zum Beispiel. Die Banken, die diese fragwürdigen Kreditvergaben getriggert hatten und plötzlich auf ihren Forderungen saßen, wurden als systemrelevant eingestuft und die Bürgschaften für die Luftnummern unter anderem den deutschen Steuerzahlern überschrieben. In diesem Kontext an die Wiege der Demokratie in Europa zu appellieren, scheint doch sehr deplaciert gewesen zu sein.

Dann, als es daran ging, die Schulden zu begleichen, sprangen IWF und europäische Zentralbank ein. Das Schema vor allem des IWF in solchen Fällen ist stereotyp, einfallslos und destruktiv wie immer. Es wird nicht versucht, die tatsächlichen Schuldner zu ermitteln und das Eintreiben den üblichen Prozeduren folgen zu lassen, denn dann käme zumeist wenig zurück, nein, es werden ganze Gemeinwesen in Haft genommen, die mit ihrem Wesen selbst bezahlen sollen. Liquidierung heißt die Zauberformel, der die Privatisierung auf dem Fuße folgt.

Interessant ist, dass seit dem Angriff auf das griechische Gemeinwesen niemand mehr von der Wiege der Demokratie spricht, sondern einerseits nur noch von der „Rettung“ des Landes die Rede ist, was den Tatbestand der Propaganda zeitigt und von den faulen Griechen, was nicht minder abstößt. 

Die offizielle europäische und somit auch maßgeblich deutsche Politik entlarvt sich auf keinem Gebiet derartig offen wie bei dem Fall Griechenland. Denn immer, wenn so etwas wie Demokratie zum Vorschein kommt, wird sie regelrecht als asoziales Verhalten gebasht. Und immer, wenn der nächste undemokratische Akt vollzogen werden soll, wird mit moralisch unterlegten Pathos reagiert. Sie ist schon geschmiert, die Propagandamaschine, traurig nur, dass sie noch so gelassen in Germanistan hingenommen wird.

Die Syriza-Regierung hebt sich im Vergleich aller Vorgängerregierungen und im Vergleich zu den europäischen, selbsternannten und zum Teil ohne Mandat handelnden Figuren in diesem fatalen Spiel positiv ab. Sie wurde mit einem Programm, dass die Sparvorstellungen der Troika ablehnt, demokratisch gewählt. Und sie hält sich bis dato an das, was sie vor der Wahl versprochen hat. Dafür wird sie von den Intriganten, die sich in den gemäßigten Zonen Europas das Heft des Handelns gekrallt haben, böse beschimpft. Der Gipfel dieser Anschuldigungen gegen eine demokratisch handelnde Partei sind nun die Tiraden gegen den Präsidenten Tsirpas, der über die erzielten Einigungen mit IWF und Zentralbank in einem Referendum abstimmen lassen will. Im besten Fall wird ihm noch Verzögerungstaktik vorgeworfen.    

Wenn das Anwenden demokratischer Regeln als Verzögerungstaktik diffamiert wird, dann wird deutlich, wie ernst es mit der Beschwörung um die Wiege der Demokratie war, als es um das Schicksal der Zockerbanken ging. Was schrieb Dostojewski so treffend in den Brüdern Karamassow über den Großinquisitor? Das Geheimnis des Großinquisitors ist, so Dostojewski, dass er selbst nicht an Gott glaubt. Und die, die mit der Peitsche in der Hand von Rettung reden, glauben selbst nicht an die Demokratie.

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8 Gedanken zu „Europäische Inquisitoren und griechische Demokraten

  1. guinness44

    Ich stimme der Kritik an Tsipras und Varoufakis absolut zu. Sie haben die Quadratur des Kreises versprochen und sind gescheitert, weil auch andere Länder gewählte Regierungen haben.

    Ich finde allerdings das Referendum eine schlaue Idee. Mein Eindruck ist, dass Tsipras & Co in der Realpolitik angekommen sind. Leider sind es die Linksaußen von Syriza nicht. Die Griechen haben es in der Hand. Wenn Sie wollen, dann bleiben sie im Euro und wenn nicht dann eben nicht.

    Ich tippe, dass die Griechen sich für den Euro entscheiden und die Bedingungen annehmen. Dann sind alle glücklich, mit Ausnahme der Hardliner auf beiden Seiten und der Volkswirte, die die Chance verpassen zu sehen, ob ein Austritt wirklich so toll oder so schlimm wäre (je nach Position).

  2. gkazakou

    Ich finde den Kommentar nicht hilfreich. Es geht nicht um Demokratie, leider, auch wenn die jetzige links-rechte Regierungskoalition natürlich aus freien Wahlen hervorgegangen ist. Das trifft aber auch für die Vorgängerregierungen zu, und hoffentlich auch für evtl Nachfolgerregierungen. Wer über so schwerwiegende Fragen wie die Zugehörigkeit zu Europa innerhalb von 7 Tagen von einem uninformierten Volk abstimmen lässt, ist für mich ein Volksmissbraucher. Ich glaube übrigens, dass die meisten für Tsipras Vorschlag stimmen werden, denn würden Sie etwa für die Hölle stimmen, wenn Ihnen der Himmel versprochen wird? Und genau das ist der Fall.

  3. Bludgeon

    Tsipras zerschlägt den Gordischen Knoten der traditionellen Balkankorruption nicht.
    Er wird daran scheitern wie Gorbatschow im eigenen Land an der eigenen Oligarchen-Mafia(die damals alle noch ein Parteibuch hatten), als er die Planwirtschaft nur reformieren aber nicht abschaffen wollte.
    Er wird scheitern wie Obama beim Versuch die Guantanamo-Schließung durchzusetzen.

    Kehren die Griechen zur Drachme zurück haben sie Umrublungs-und Abkopplungsschwierigkeiten ohne Ende, die Unmut erzeugen werden und das Land in Aufruhr versetzen werden.
    Niemand investiert in einem verarmten Balkanstaat mit frisch erfundener Währung.
    Bleiben sie im Euro-Bereich, werden sie sich den Spartipps und Verkaufsbefehlen von außen stellen müssen und somit den Staat seiner letzten Reserven berauben(siehe Piräus-Verkauf), somit werden sie zum Entwicklungsland herabsinken. Lebensstandart im Sinkflug; Einwanderung aus Nordafrika, und beide Bevölkerungsteile schlagen sich im Verteilungskampf die Köpfe ein bzw. kriegen die Wanderlust gen Norden…
    Na, da freuen wir uns dann auf viele hochmotivierte Fachkräfte…

  4. mcralf

    Lieber Gerhard, mal wieder ein den Nagel auf den Kopf treffender Kommentar. Was mich in diesem Drama ganz besonders wütend macht ist die gleichgeschaltete Mainstream-Presse in Deutschland. Warum nur denkt kein Journalist mit heutzutage? Sind die Vorgaben vom Verleger so strikt, dass der Journalist dessen Meinung zu veröffentlichen hat, sonst fliegt er raus und verliert seinen Job?

    Gott bewahre, aber ich würde doch mal gerne sehen, wie die normalen Deutschen reagieren würden, würde mit uns dasselbe gemacht werden wie mit den armen Griechen… Wo nur ist unsere Solidarität? Ich bin mir sicher, Varoufakis weiß genau, was er macht. Und er sagt zur recht: trauriger Tag für Europa.

    Griechenland haben die bösen Oligarchen ruiniert. Gibt es in Deutschland etwa keine Oligarchen? Ach nee, die nennt man hier bewundernd Superreiche.

    Nichtsdestotrotz: ich wünsche Dir einen schönen Sonntag. Gruß, Ralf.

  5. Reactionär

    Das Griechenland die Wiege der ‚europäischen Demokratie‘ sei, ist ein im 19. Jahrhundert geschaffener Mythos, der schon oberflächlicher Prüfung nicht standhält.

    Das nur am Rande bemerkt.

    Der heutige Peloponnes ist ein Musterbeispiel für Vetternwirtschaft und Korruption, die auch ohne EU und den Euro in die Pleite geführt hätte. Vermutlich schon früher. Ein Land in dem mehr als 50 Prozent der Bevölkerung beim Staat verbeamtet oder angestellt ist, kann sich auf die Dauer nicht selber ernähren. Jedenfalls nicht auf dem Niveau anderer europäischer Staaten. Das Land war schon drei Jahre nach seiner Gründung im Jahre 1830 bankrott und erhielt aus Europa erhebliche Hilfszahlungen, die bis heute nicht zurückerstattet wurden. Seitdem ist er chronisch krank.

    Der Staat in seiner heutigen Konstitution ist ein hoffnungsloser Fall. Da hilft auch keine Demokratie, denn genau die ist nicht das Problem.

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