Die Stunde der Welterklärer

In einer Welt, die zumindest in unseren Breitengraden als ein großes Illusionstheater bezeichnet werden kann, fällt es schwer, die Fragen nach dem Wesentlichen zu stellen. Das altrömische Ritual, angehende Senatoren zu befragen, woher sie kommen, wer sie sind und wohin sie wollen, wäre heute sicherlich für sehr viele Menschen ein erhebliche Überforderung. Auch eine reduzierte Version, die sich auf eine kurze Antwort auf das eigene Ich und den Sinn des Lebens bezieht, erläge dem gleichen Schicksal.

Es muss nicht lange darüber spekuliert werden, was der zeitgenössische Mensch zum Besten gäbe. Da existieren sicherlich viele Varianten, aber das Gros erwiese eine tiefe Referenz an den Schein, in den die Welt eingetaucht ist und aus dem sie in ihrer Wahrnehmung nicht mehr herauskommt. Da drehen viele am ganz großen Rad, da sind viele, die zu den Guten zählen und die Welt bekehren wollen und da sind auch viele, die wissen, wie das große Ganze funktioniert. Natürlich gibt es auch noch Bescheidene, aber die gelten in der Regel als die Verlierer und sie landen schnell im toten Winkel der Aufmerksamkeit.

Bei der Erörterung dieser Fragen fällt schnell auf, dass die Unterschiede bei den verschiedenen Nationalcharakteren sehr schnell deutlich werden. Das verblüfft zum einen ein wenig, weil doch immer angenommen wird, bei wachsender Internationalisierung verwischten sich zunehmend die kulturellen Grenzen. Genau das Gegenteil aber scheint der Fall zu sein: Je bunter das Treiben und je unsicherer die Zeiten, desto stärker treten bestimmte nationale und kulturelle Archetypen hervor. Nur in der gesellschaftlich erlaubten Wahrnehmung findet dieses Phänomen nicht statt.

Und so ist es weise, nicht mit der Beschreibung anderer Nationen und Völker zu beginnen, denn das wäre anmaßend, ohne vorher den Versuch gemacht zu haben, im eigenen Bereich die Beobachtung zu überprüfen. Und es wäre nicht ratsam, auf der abstrakten Ebene fortzufahren. Nein, dazu ist es politisch zu aktuell und, es ist auch dringlich, eine Unart sehr schnell zu thematisieren.

Momentan, in einer Phase, in der die Welt wieder einmal an vielen Stellen zu brennen scheint, überwiegt in Deutschland die selbst zugewiesene Fähigkeit, alles erklären zu können und auch für andere die richtigen Rezepte in der Tasche zu haben. Das wurde hier schon immer gerne gemacht, oft reicht der Blick in ein Lexikon oder eine zweitägige Urlaubsreise irgendwohin, um einen mehrstündigen Vortrag halten zu können. Zwei dieser großen, von Expertentum triefenden Erklärungsmuster von deutscher Seite sind das Völkerrecht im Beispiel der Krim und die Staatsführung am Beispiel Griechenlands. Die Protagonisten aus Politik und Journalismus betreiben die Belehrung der Welt mittlerweile in einer Weise, die sehr daran erinnert, dass sich Fehler anbahnen, die schon einmal gemacht worden sind.

Und das ist der Punkt, von dem diese Überlegung ausging. Was ist des Menschen Bestimmung und was ist er bereit und in der Lage, in der er ist, zu leisten? Die große Gnade, die uns allen widerfährt, ist mit der Geburt neu beginnen zu können. Dann beginnt über einen überschaubaren Zeitpunkt ein Lernprozess, der aus Fehlern und Umdenken besteht. Wenn dem so ist, dann besteht noch die Chance, andere durch den eigenen Fortschritt zu erfreuen. Das ist dann so etwas wie existenzielles Glück. Wer hingegen aus der eigenen Geschichte nichts lernt, und nicht einmal aus dem eigenen Desaster zumindest die Tugend der Bescheidenheit ableitet, der macht seinen Aufenthalt auf diesem Planeten zu einer Pein für alle anderen.

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6 Gedanken zu „Die Stunde der Welterklärer

  1. hildegardlewi

    Lieber Gerd, wie immer ist Dein Beitrag exzellent und bringt es auf den Punkt. Aber eines gebe ich zu bedenken – von Geburt an -. Wenn ich an mein Leben zurückdenke, so habe ich den Vorzug genossen, unglaublich viele Eindrücke zu gewinnen . Ich lernte von Anfang an, den Kopf zu benutzen und Unterscheidungen wahrzunehmen. „Dit ham’se mir jelernt!“ sagt ein netter Freund noch heute, wenn wir mal unsere Auffassungen vergleichen.

    Wer im Augenblick in unserer Umgebung aufwächst – na, ich weiß nicht, was da so an Persönlichkeitsbildung hersuskommen wird. Oder Ansichten- ! Gar nicht dran zu denken !!!

  2. alphachamber

    E-X-Z-E-L-L-E-N-T, eine Ihrer besten Betrachtungen und präzise beschrieben.
    Demut und selbstherrliches Belehren – das kriegt nur der Deutsche unter einen Hut.
    Grüße

    1. Bludgeon

      Es ist nun mal das „Volk der Oberlehrer und Kammerdiener“ (Ernst Jünger), das passt doch.
      Bismarck eignet sich ebenfalls: „Ich hob dieses Volk in den Sattel: ‚Reiten würde es schon können!‘, dachte ich anno71; aber nun weiß ich: Dieses Volk kann nicht reiten.“
      Aller guten Dinge sind(er) dreie: Sieh ma,l guck ma, Achmed, da: Mann aus Alemania! (Reinhard Mey).

      1. alphachamber

        Hallo und ja. Dazu mag ich auch dieses: (von Michael Bakunin an Alexander Herzen)
        „…Die Deutschen sind schreckliche Philister. Wäre der zehnte Teil ihres reichen
        geistigen Bewusstseins ins Leben übergegangen, so wären sie herrliche Leute, bis jetzt
        aber sind sie, ach! ein höchst lächerliches Volk! Da hast Du…Inschriften, die ich an
        den Häusern…gesehen habe. Auf einer ist der preußische Adler gemalt und unter ihm ein
        bügelnder Schneider; unter dem Schneider steht:
        unter deinen Flügeln
        kann ich ruhig bügeln.
        Grüße

      2. Bludgeon

        Auch schön. Wie macht ihr das eigentlich auf dieser Seite mit dem liken der Kommentare? Ich finde hier keinen Bipps zum klicken. -???!
        Bin ich schon gesperrt, bevor ich damit angefangen habe? (Man hat ja schließlich ZON-Erfahrung.)

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