Rien ne va plus!

La Stampa. The Guardian. Le Monde. El Pais. Washington Post. New York Times. Wer eines dieser Blätter in die Hand nimmt oder aufruft wird sich die Augen reiben. Denn in allen diesen renommierten Journalen werden die Ereignisse um den Staatsbankrott Griechenlands anders gelesen als in der psychologisch gleichgeschalteten Presse der Bundesrepublik. Cum grano salis machen die internationalen Beobachter die deutsche Position hauptverantwortlich für das Desaster, das sich momentan in Griechenland und zukünftig auch in anderen Regionen Europas abspielen wird. Und genau das, wovor Historiker wie weitsichtig handelnde Politiker hierzulande immer gewarnt haben, nämlich einem deutschen Sonderweg, diesen Sonderweg geht die Regierung Merkel mit ihrem missionarischen Kurs der Sozialisierung von Schulden und der Privatisierung von Erträgen.

Die Protagonisten in diesem Spiel sind eine Kanzlerin ohne Vision und ein Finanzminister voll doktrinärer Besessenheit und eine Meute von Parteichargen, die sich im Anpöbeln anderer Völker momentan einen Namen machen. Lange ist es her, dass bei vielen Deutschen ein bestimmtes Gefühl wieder alles andere verdrängt. Damit ist nicht die durch Halbwissen und Propaganda erzeugte Selbstgerechtigkeit gemeint, die letztendlich nur die eigene Torheit dokumentiert. Nein, was sich bei vielen Landsleuten breit macht und Beklemmung auslöst, das ist das Schamgefühl angesichts der öffentlichen Auftritte einer Kamarilla von offensichtlichen Bankrotteuren, sie sich anmaßen, im Auftrag der deutschen Nation zu sprechen.

Sie haben sich mächtig verzockt, weil ihnen das Verständnis von Politik gefehlt hat, das allerdings ihr Wesen ausmacht. Politik ist die Gestaltung des Gemeinwesens unter Abwägung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen und gemeinsamen Perspektiven. Alles, was sich dem entzieht, vor allem der Partikularismus, d.h. die Verabsolutierung der Interessen einer bestimmten Gruppe auf Kosten aller anderen, ruiniert den Zusammenhalt, bedeutet keine Gestaltung des Gemeinwesens und ist ein destruktiver Akt. Diese Bundesregierung vertritt in unübertroffener Eindimensionalität die Interessen der Finanzoligarchie. Und so zaghaft sie im eigenen Land diese Linie verfolgt, so hysterisch fordert sie den Maximalismus dieser Positionen von anderen ein.

Angesichts der augenscheinlichen Pleite eines politischen Programms, das keines ist, präsentiert sich das politische Personal dieser Positionen in einem Zustand, der den Ruf der Nation nachhaltig schädigt. Gegen die Auftritte, die derweil Politikerinnen und Politiker der Bundesregierung bei der Debatte um Griechenland hinlegen, erscheinen die noch vor kurzem so gescholtenen Auftritte der Dresdner PEGIDA wie ein Lehrstück aus dem Knigge. Ohne Namen zu nennen, jeden Tag präsentiert sich ein Polit-Promi so desaströs, dass er ohne Probleme die Leistungen Chaplins im Großen Diktator in den Schatten stellt. Sie sind mit ihrer Weisheit am Ende und gleichen den Spielern, die alles auf eine Karte gesetzt und verloren haben. Rien ne va plus!

La Stampa! The Guardian! Le Monde! El Pais! Washington Post! New York Times! In euren Analysen zu Europa, Deutschland, Griechenland, der Finanzkrise und dem Euro habt ihr so viel Scharfsinn bewiesen, dass wir hoffen, dass ihr nicht so naiv seid und glaubt, dass diese bellenden Subjekte, die unser Ansehen momentan so beschmutzen tatsächlich für diese Nation stehen, die schon so viel Elend über den Kontinent gebracht hat. Auch hier leben rechtschaffende Leute, die zur Arbeit gehen, einen guten Job machen, sich um Mitmenschen kümmern und Bedürftigen die helfende Hand reichen. Und bedenkt, der Dogmatismus ist eine schlimme Krankheit, die immer wieder ausbricht. Aber wir geloben, wir werden sie bekämpfen, denn nur ohne den Dogmatismus hat die Zukunft eine Chance!

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12 Gedanken zu „Rien ne va plus!

  1. gkazakou

    Ich verstehe dich. Denn ich erlebe dieses Unglück doppelt – hier in Hellas, als Deutsche, die immer wieder verzweifelt ist über ihr Herkunftsland und es doch auch in Schutz nehmen muss vor wüsten Beschimpfungen.
    Ich möchte dringend davor warnen, die Situation in Griechenland falsch einzuschätzen: Auch hier sind nicht gerade erleuchtete Köpfe am Werk. Vor allem ist zu fürchten, dass bei der bevorstehenden Volksabstimmung die Stimmen der extremen Rechten (die ja an der Regierung beteiligt ist und sie überhaupt erst möglich macht) und der Faschisten der Chrissi Avgi den Ausschlag geben werden. Sie machen ca 12% der Wählerschaft aus, und sie sind fest entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen, den Graben zwischen dem immer noch demokratischen Europa und Griechenland zu vertiefen. 80 % deklarieren, mit NEIN zu stimmen, bei den Syriza-Wählern sind es nur 60% und werden täglich weniger. Marie Le Pen und ihre Front National applaudieren aus der Ferne. In Deutschland sind es wohl Sinn, AfD und ähnliche Geistesgrößen, die sich die Hände reiben. Die Große Koalition rudert dazwischen herum, selbst getrieben von Strömungen, die sie nicht kontrolliert.

  2. Gerhard Mersmann Autor

    Vielen Dank für die Schilderungen. Es ist ungemein wichtig, solche Beobachtungen und Einschätzungen direkt übermittelt zu bekommen. Das, ws uns hier von offizieller wie öffentlich-rechtlicher Berichterstattung übermittelt wird, spottet jeder Beschreibung. Ich hätte nie gedacht, dass das Wort Propaganda noch einmal eine derartige Bedeutung in Deutschland bekommen würde.
    Halt uns bitte auf dem Laufenden!

  3. hildegardlewi

    Tröstlich, daß es in der restlichen Welt noch Menschen gibt mit Einsichten, Ansichten und
    Beobachtungen der wirklichen Situation. Das Verhalten unserer Regierung ist an Peinlichkeiten kaum noch zu überbieten.

  4. kaetheknobloch

    Mein Bravo bleibt mir im Halse stecken, lieber Herr Mersmann, doch ich komme nicht umhin, es hier dennoch zu hinterlegen. Können wir bitte, bitte endlich Ihre Texte als Flugblätter ausdrucken und diesen unfähigen derzeitigen Polithanseln die Leviten lesen?
    Danke einmal mehr für Ihre klaren und bei allem berechtigten Zorn sachlichbleibenden Gedanken.
    Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

  5. Stefan

    Lieber Gerd,
    danke für diesen Einwurf. Sachlich klar und pointiert.
    Leider geht es in der Auseinandersetzung nur noch um Positionen und nicht mehr um Lösungen. Darf ich als ergänzende Sekundärliteratur kurz auf den heutigen und furiosen Artikel von Konstantin Seibt im Schweizer TagesAnzeiger hinweisen. Und ebenso auf den erhellenden Report und das Drama erzählt von Corinna Milborn, in der Wiener Zeitung, die sich als „Heuschrecke“ versuchte und Griechische Schulden kaufte.
    Behalten wir uns die Contenance, auch wenn es schwer fällt, trotz dieser Tragödie.
    Stefan

  6. almabu

    Deutschland hat – sichergestellt durch Politiker à la Merkel, Schäuble und Gabriel – wieder einmal die Arschkarte gezogen! Die systemimanenten Schwächen des Euro sind im Prinzip allen Beteiligten seit dem ersten Tag bekannt, jedoch er war politisch gewollt, so sehr, dass Goldman- Sachs die griechischen Staatsbilanzen solange schön rechnen musste, dass das Gelächter aus Athen in Bonn/Berlin gehört werden konnte. Nun jammert man kollektiv herum. Zuvor hat man den Griechen bis „zum Teufel, komm‘ raus“ verkauft, ob sie wollten oder nicht, am liebsten deutsche und französische Rüstungsgüter, „für alle Fälle, gegen die fiesen Türken“?
    So bestanden denn Frau Merkel und Monsieur Sarkozy zu allererst darauf, dass mit der Kohle aus dem Rettungspaket ihre Rüstungsdeals beglichen wurden…
    Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille: Die deutsche Austeritätspolitik, das völlig sinnentleerte „Kampfsparen“ wurde zur Staatdsdoktrin der EU gemacht und dies bei Nullzinsen! Damit wird die EU-Südschiene systematisch verarmt. Entgegen den flammenden Berichten über die Super-Konjunktur in Spanien bin ich persönlich davon überzeugt, dass das Thema PIGS keineswegs ausgestanden ist. Ein „Grexit“ würde die EU und ihre Nationen dazu zwingen, einmal ernsthaft über den künftigen Weg nachzudenken! An dieser Stelle greift dann auch die wohlfeile Expertise von drei US-Wirtschaftsnobelpreis-Trägern wieder, die damals alle vornehm stumm waren, damals als der Euro auch den USA genehm erschien…

    1. Bludgeon

      Genau. So sehe ich das auch. (Und finde wieder keinen Button zum liken.) Kann mich noch gut an die vielen-vielen bunten Kreisläufe in den Politlehrbüchern erinnern, die eine ewige Konjunktur prophezeiten, dank Binnenmarkt für ganz Europa… und von Griechenland und Spanien hätte Deutschland angeblich um 2000 herum lernen sollen, wie man „richtig“ investiert, denn deren Bilanzen waren plötzlich besser, als die deutschen!?!

      Amerikas Presse kritisiert jetzt schadenfroh und mit geheucheltem Unverständnis die deutsche Rettungspolitik. (Die diesen Namen nicht verdient, … , aber wie will man auch einen Balkanstaat ohne wirkliche Verwaltung „retten“?) Amerikas Ratingagenturen haben jedoch für eben dieses Problem 2000/2001 gesorgt, als sie der Eurozone diese „Blenderstaaten“ unterschoben.

  7. almabu

    Zur Klärung des missratenen EURO-Projektes wäre ein NEIN der Griechen übermorgen vermutlich ganz hilfreich „als eine Art von Starter“? Das offen zu empfehlen verkneife ich mir hingegen, habe ich doch nicht, oder zumindest nur indirekt, die Folgen eines solchen NEIN zu tragen, die es zweifellos geben wird, schon um mögliche Nachahmer abzuschrecken.

    Der Währungsunion hätte zeitgleich, oder zumindest sehr zeitnah, eine politische Union folgen müssen, denn nur die hätte die technisch notwendige Wirtschafts- und Fiskal-Union ermöglicht, die der Euro zum Erfolg gebraucht hätte. Ich fürchte, dieser Zug ist abgefahren, denn die Kräfte divergieren eher als sich zu konzentrieren?

    Es ist auch gewiss kein Zufall, dass es außerparlamentarisch IN ALLEN EU-STAATEN KEINE PRO-EUROPÄISCHEN INITIATIVEN gibt? Die Menschen haben erkannt, dass die Dinge sich derzeit nicht zu ihrem Nutzen wandeln in der EU. Wenn jetzt noch Schengen ausgehöhlt, oder gleich abgeschafft wird, die nationalen Grenzen wiederkehren (wegen der „heranbrandenden Flüchtlingsflut“!) und die freie Wahl des Wohnsitzes und Arbeitsplatzes der EU-Bürger IN ALLEN EU-Mitgliedstaaten eingeschränkt oder beendet wird, worin liegt dann der Nutzen DIESES EU-Projektes für seine Bürger?

    Der Wirtschaft gefällt der gegenwärtige Zustand ganz gut. Sie kann die Arbeitnehmer und Politiker der EU-Nationalstaaten gegeneinander ausspielen und erpressen. Da sie ohnehin immer weniger Steuern bezahlt, muss der innerhalb der EU notwendige Finanzausgleich einseitig, weil hauptsächlich, aus den Steuerzahlungen der Arbeitnehmer aufgebracht werden.

    Wenn jetzt noch TTIP unterzeichnet und in Kraft gesetzt werden wird, woran ich bei unserem gegenwärtigen Polit-Personal nicht im Geringsten zweifele, dann ist die „Rest- und Rumpf-EU“ relativ verschmerzbar jedenfalls aus Sicht der USA und die spielen in diesem Trauerspiel ganz eindeutig im Hintergrund mit…

    Sollte für die USA „das Problem Russland“ in ihrem Sinne gelöst werden, dann gäbe es aus ihrer Sicht auch keinen Grund mehr die längste Friedenperiode in der Geschichte Europas „ewig andauern“ zu lassen. Wieder einmal alles gründlich zu zerstören, das hat sich doch schon zweimal als Ausgang einer jahrzehntelangen Aufbau-Periode erwiesen? Was kümmert es mich, wenn ich hinter fünftausend Kilometer Atlantik sitze, wenn die Kriegszone vom Mittleren über den Nahen Osten sich halt auch mal wieder quer durch den kleinen Appendix Europa zieht?

    Insofern stellt sich für Deutschland (und andere EU-Staaten) die Frage, ob das treue Vasallentum in der NATO letztlich nicht nur ein Selbstmord auf Raten ist?

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