Über das Lernen

Wie gehen Menschen und ihre Organisationen mit einem Prozess um, der gekennzeichnet ist durch Irrtümer und Rückschläge? Eine Frage, die sich durch die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zieht wie ein roter Faden und deren Beantwortung nie eindeutig ausfällt. Das Zauberwort hinter dem, was normalerweise als Scheitern bezeichnet wird ist, das des Lernens. Deshalb hat in den letzten Jahrzehnten wohl kaum ein Begriff so eine Konjunktur erlebt wie der einer lernenden Organisation. Was damit gemeint ist, bleibt zumeist im Dunkeln, weil der Prozess des Lernens von einer Klarheit und einem Bewusstsein ausgeht, der rar geworden ist in einer Welt des Scheins und einer auf ihm aufbauenden Legitimation. Das Absurde, das sich hinter dem Missverhältnis von der Forderung und einer mit ihr verbundenen Verhaltensweise und dem Festhalten an Positionen verbirgt, ist der Widerspruch von kognitivem Anspruch und ganz anders funktionierenden Belohnungssystemen.
Erfolgreiche Menschen wie Organisationen, die über die Mechanismen des Jahrmarktes der Eitelkeiten erhaben sind, sind nicht verlegen über Auskünfte bezüglich ihrer eigenen, letztendlich gelungenen Vorgehensweise. Das Prinzip ist auch sehr einfach: Jeder Plan, den sich Menschen wie Organisationen machen, geht aus von Annahmen über die Welt, mit der sie konfrontiert sind und Einschätzungen über ihre eigenen Fähigkeiten. Gelingt es nicht, die eigenen Pläne umzusetzen, dann hat es in der Regel damit zu tun, dass die Außenwelt anders reagiert und funktioniert als angenommen oder dass die eigenen Fähigkeiten nicht dem entsprechen, wie sie von den Akteueren selbst eingeschätzt wurden. Die Schlussfolgerung, die den Prozess des Lernens eröffnet, geht auf diese Dissonanz ein. Entweder müssen die Annahmen über die Außenwelt geändert werden oder die eigenen Fähigkeiten müssen verbessert werden oder beides. Oder, auch das ist eine Möglichkeit, die Pläne müssen der tatsächlichen Kraft des eigenen Vermögens angepasst werden.

Werden die logischen Schlussfolgerungen gezogen, müssen sie zumindest in Organisationen kommuniziert werden. Geschieht das, dann hat die Weiterentwicklung eine Chance. Geschieht es nicht, dann beginnt ein Prozess, der nicht das Markenzeichen des Lernens verdient, sondern als Rechthaberei bezeichnet werden muss. Derartige Ereignisse existieren zuhauf und auch sie gehören zur Entwicklungsgeschichte des Menschen. Es sind die destruktiv verlaufenden Episoden auf dem Weg der Wahrheitssuche. Das Destruktive ihres Verlaufs liegt in dem Versuch, die Fehler der eigenen Annahmen zu kaschieren und nach Sündenböcken für das Scheitern zu suchen. Die Quintessenz ist bekannt: Entweder ist die Welt an sich schlecht oder geplante Interakteure des eigenen Vorhabens sind zu dumm oder zu faul oder beides. Solche Positionen führen nicht weiter und bergen in der Regel die Gefahr noch größerer Verwerfungen. Sie verhindern nicht nur das Lernen, sondern sie sind Agenturen der Zerstörung.

Was im Kleinen schon fatal sein kann, ist im Großen eine Katastrophe. Scheitert eine Biographie, weil der Mensch seine Umwelt nicht annimmt wie sie ist und weil er chronisch seine eigenes Handeln aus den Erklärungen für das Scheitern herausnimmt, dann ist das schlimm. Bei großen Organisationen trifft es schon ganze Sparten der Gesellschaft und es gehört daher zu den öffentlichen Belangen, um die sich der politische Diskurs drehen muss. Bezieht es sich jedoch auf ganze Staaten und ihre Führung, dann lauert in der Position der Rechthaberei, die jegliche Form der Selbstkritik ausblendet, ein internationales Desaster. Wer aus gescheiterten Vorhaben in der Politik nicht lernen will, der bildet eine Gefahr für die Sache der Öffentlichkeit. Denn mit Rechthaberei und Schuldzuweisungen lässt sich nichts Positives gestalten.

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2 Gedanken zu „Über das Lernen

  1. alphachamber

    So sehe ich das auch. In Deutschland erfährt das Lernen eben auch politische Anpassung. Perzeptives Denken (das schließlich zum Pragmatismus führt) ersetzt zunehmend das konzeptuelles Denken. Wahrheitszweifel durch Begriffs-Obfuskatiion („Das mag deine Wahrheit sein, aber nicht meine“, usw.) und materielle Macht über geistige, beschleunigen den Wechseln vom ursprünglichen Sinn des Lernens – zur persönlichen Entwicklung auf allen Ebenen – zur reinen Karrierevorbereitung.
    Grüße

  2. gkazakou

    Sehr wahr. Die Anerkennung dessen „was ist“, ist der erste Schritt. Der zweite ist dann möglich: die Integration dieser Erkenntnis in die Handlungsstrategien. Wahrscheinlich müssen auch die unmittelbaren Zielvorgaben angepasst werden. Das bedeutet nicht, dass die übergeordneten Zielvorstellungen aufgeopfert werden, die den gesamten Lernprozess steuern.

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