Kultur und Barbarei

Es ist anscheinend ein nationales Phänomen. Nicht, dass andere Länder nicht auch auf diesem Sektor aktiv wären, aber der Dunst, der in Deutschland durch das Wort Kultur erzeugt wird, ist wohl nirgendwo so dicht wie hier. Immer, wenn etwas Höheres erahnt, eine Besonderheit vermutet oder das Gute lokalisiert wird, kommt der Begriff Kultur daher wie eine Eingebung der Göttlichkeit ihrer selbst. Woran das liegt, weiß keiner so genau, wahrscheinlich liegt es an der ewigen Barbarei, die hier tatsächlich herrschte und immer wieder herrscht. Längst, als andere Völker und Nationen Europas das Stadium der Zivilisation erfolgreich erreicht hatten, gab es im mythischen deutschen Wald noch Blutopfer und allerlei andere Rituale, die bis heute erschrecken.

Ja, da gab es auch irgendwann in der Neuzeit das Land der Dichter und Denker, aber auch das war nicht so glorreich, wie heute gerne kolportiert. Es war ein Treppenwitz vor allem der Engländer und Franzosen, die lange wussten, was ein Staat ist, als sich die Deutschen noch mit einem Flickenteppich aus Fürstentümern herumschlugen, um ihrer Provinzialität zu frönen. Die Dichter und Denker waren jene, die es nicht aushielten in diesem unzivilisierten Landstrich und aus den Kellerlöchern ihren Wunsch nach Freiheit und Zivilisation herausschrien.

Und selbst nach der Nationenbildung setzte sich die Barbarei fort, Kriege und Diktaturen nehmen doch erheblichen Raum ein in den Annalen der Deutschen. Das aus der Menschenfresserei gerettete Wort der Kultur hingegen wird bemüht wie die Knoblauchknolle gegen den Vampir. Wann immer vermutet wird, die dreckige Fratze der Barbarei könne wieder zum Vorschein kommen, wird die Kultur bemüht. Und da die Barbarei überall lauert, ist der Kulturbegriff inflationiert wie nirgendwo sonst auf der Welt.

So ist es kein Wunder, dass gerade im Barbarenland alle, die es mit der Zivilisation ernst meinten, der Kunst und Kultur einen besonderen Platz einräumten. Staatliche Kulturprogramme sind in jeder Staatsform, die sich demokratisch nennt, somit Pflicht. Sie sollen das Serum gegen die Barbarei beschaffen. Abgesehen davon, dass sich viele in dem Metier redlich bemühen mögen, eines lässt der Gedanke staatlicher Kulturförderung im Dunkeln und für Kritik nicht zu: Er nimmt eine Institutionalisierung und Bürokratisierung in Kauf, die dem, was Kultur ausmacht, diametral entgegensteht.

Nicht, dass es bei diesem Urteil um eine antiquierte Definition von Kultur ginge, ganz im Gegenteil. Vieles spricht für den zeitgenössischen Ansatz, dass Kultur jede Ausdrucksform des sozialen Daseins ist. Wenn dem jedoch so ist, dann kann die behördlich organisierte Kultur nur etwas sein, was, ja, das Bild gefällt, Lichtjahre von der tatsächlich gelebten Kultur entfernt ist. Staatlich organisierte Kulturförderung ist die Antipode zur Ausdrucksform des sozialen Daseins, wie es in der Gesellschaft gelebt wird.

Deshalb ist es alles andere als verwunderlich, dass die Funktionäre staatlicher Kulturförderung der Gesellschaft so sonderlich erscheinen. Das wäre auch noch akzeptabel, wenn es nicht mündete in eine durch keinerlei Fähigkeit und Tugend generierte Arroganz, die diesem Heer alimentierter Würdenträger innewohnt. Das bisschen Bildung, mit dem sie hausieren gehen, verwechseln sie mit tiefer sozialer Erfahrung. Und jede soziale Erfahrung, und sei es die der Outcasts und Underdogs, beinhaltet mehr Kreativität und Würde, als sie diese mit überschaubaren Horizonten ausgestattete Kaste erahnen könnte. Nein, die staatlich subventionierte Kultur ist kein Schutz gegen die Barbarei. Böse Zungen behaupten, sie schafft gar eine neue.

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5 Gedanken zu „Kultur und Barbarei

  1. Bludgeon

    Hm, DER Schluss hat’s in sich: „Die soziale Kreativität und Würde des Underdogs…“ – Zustimmung, wenn ich an Bukowski und Tom Waits denke; Kopfschütteln, wenn ich den alltägliche Hartzer-Schwarm hier im Kindergarten seine verrotzten Kinder entsorgen sehe, damit sie beim Frühstücksfernsehen nicht stören.
    Da ist es mit Krativität nicht weit her: „Kleinen Mannes Sonnenschein ist …“.
    Den letzten Satz unterschreibe ich. Der staatlich geförderte Kulturbetrieb ist zu abgehoben, über- bzw. unterfordert die Mitte der Gesellschaft. Also wendet sie sich ab. Fussball und Tatort bis zum Abwinken – ergo: „3. Halbzeit oder gleich richtig Mord“ als Freizeitausgleich für den deutschen Untertan. Wer beides nicht will, der pilgere zur documenta und tue so, als ob er sie versteht.

  2. hildegardlewi

    Lese ich da einen gerechten Zorn heraus? Ich kenne z.B, Leute, denen ich allein mit dem Wort „Kultur“ einen Schreck einjagen könnte (und kann.) Mach ich auch gern mal, wenn ich meinem Affen Zucker geben möchte. Immerhin, wir haben ja auch einen gehörigen Anteil von „Kulturschaffenden“.

  3. monologe

    Man könnte meinen, Gerhard, Sie wohnen in Lübeck! Na, eine neue Barbarei wird die Kaste der Schmarotzer an Kultur und besonders an Kulturgütern nicht schaffen, „bildet“ vielmehr seltsame Arten fetter, sprechender Kater und seeferner Tölpel, die in Museen, Institutionen sitzen wie auf Nestern, bebrütend für die Gaffer life die Attraktionen. Unentbehrlich. Was sie dabei absondern schmückt nicht etwa den Gibraltarfelsen, sondern die Zeitung. Es gibt auch eine Inflation von „Kunst“, welche allerdings Züge hat von Barbarei. Die jedoch muss im Auge des Betrachters entstehen, während sie ihm als „Kunst“ verkooft wird. Aber bitte, ehe man gar nichts hat – Sehe ich Bazon Brock, gedenke ich eines Fotos, das ihn in traulichem Beisammensein mit von Hagen zeigt. Huh, wie gruselt mir!

  4. hildegardlewi

    Sehr interessant. Ich habe die ganze Zeit zugehört und vergessen, Kaffee zu kochen. Mache ich jetzt. Weiter auf der Suche nach Kultur und Kunst – die Nacht ist ja noch lang. Und die Logik von früher, so recht berlinerisch: „Es ist gar nicht so leicht, einem nackten Mann einen Bonbon in die Tasche zu stecken.“

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