Psychedelische Drogen

Von dem ehemaligen sozialdemokratischen Regierungssprecher Klaus Bölling stammt das Bonmot, der damalige FDP-Grande und Minister Hans Dietrich Genscher inhaliere demoskopische Daten wie psychedelische Drogen. Damit beschrieb er eine Entwicklung, die sich seitdem in rasantem Tempo fortgesetzt hat. Die Fokussierung auf die Stimmung in der Bevölkerung. Damit einher geht unweigerlich das Bemühen, im Stimmungsbild gut dazustehen, um wiedergewählt zu werden. Es ist die Abkehr von der Gestaltung eigener Vorstellungen und Gedanken und der Beurteilung dieses Werkes durch die Wählerinnen und Wähler im Nachhinein und die Einführung der politischen Schnappatmung. Denn schon während eines ersten Schrittes wird das Votum des potenziellen Wahlvolkes eingeholt und bereits eine erste negative Reaktion erzeugt den Kurswechsel. Was entsteht, ist ein Getriebensein, das in der Verzweiflung, vielleicht auch im einen oder anderen Fall im Wahnsinn enden muss. Schön ist das nicht, hilfreich auch nicht, und nützen tut es niemand, weder den politisch Handelnden noch dem Wahlvolk, das sich nicht zu Unrecht darüber beschwert, dass sich Politik immer nur als Stückwerk erleben ließe.
Aber einmal abgesehen davon, denn schnelle, grundlegende Veränderung dieses Mechanismus ist nicht in Sicht, denn selbst der eine oder andere Kollaps regt nicht mehr zum Denken an, ein Blick auf die gegenwärtigen Ergebnisse der Demoskopie lässt Prognosen zu, die den Gedanken an das Exil näher rücken lassen. Im gestrigen Politik-Barometer des ZDF zum Beispiel wurden die neuesten demoskopischen Daten zur aktuellen politischen Entwicklung vorgelegt. Demnach ist Angela Merkel als Kanzlerin der Bundesrepublik unumstritten und als Mann der Stunde gilt Wolfgang Schäuble. Er ist der Held der Stunde und seine Politik, die seit dem Blitzkrieg wieder einmal Verheerungen in großen Teilen Europas anrichtet, gilt vielen als konsequentes Handeln, das honoriert werden muss. 

Da muss nicht groß lamentiert werden, sondern es reicht die Feststellung, dass es der Bundesregierung gelungen ist, dem Volk die Rettung eines maroden, hoch spekulativen Bankensystems bei Inkaufnahme des Niedergangs ganzer Nationalökonomien als einen Akt besonderer Verantwortung und eine Maßnahme zur Sicherung der europäischen Idee zu verkaufen. Die Bundesregierung hat sich zu einer Agentur des Finanzkapitals entwickelt und das Wahlvolk applaudiert. Dieser Sachverhalt ist zwar grotesk, aber er muss zur Kenntnis genommen werden. Um es deutlich zu sagen: Gefährlicher als zur Zeit kann die Situation kaum sein. Für die Demokratie, denn das Wahlvolk bettelt um Betrug und applaudiert der Zerstörung und Aggression.

Die Tatsache, dass die demoskopischen Werte so sind, wie sie sind, wird dazu führen, dass sich die Regierung in ihrem Kurs bestätigt sieht und ihn fortsetzen wird. Eine Fortsetzung dieses Kurses bedeutet jedoch ein weiteres Fortschreiten hin zu einer imperialen Position, die sehr schnell Gräben in Europa aufreissen wird, die überwunden schienen. In sehr kurzen Zeiträumen hat die gegenwärtige Bundesregierung Prozesse zunichte gemacht, die als Lehren aus dem Desaster des II. Weltkrieges initiiert worden sind und Anlass für ein Modus vivendi auf diesem Kontinent gegeben haben. Mit der absurden Position im Falle der Ukraine und der Positionierung gegen Russland und mit der Inkasso-Politik gegenüber mehreren südeuropäischen Staaten ist das Bild Deutschlands in Europa gefährlich nah an die Konturen der Nazi-Politik geraten. Anscheinend fühlen sich große Teile der eigenen Bevölkerung wohl bei diesem Kurs. Anscheinend ist nichts gelernt worden. Anscheinend bettelt das Land einmal wieder um Züchtigung. Und dann, das ist so ziemlich sicher, dann waren es wieder die anderen. 

Advertisements

6 Gedanken zu „Psychedelische Drogen

  1. eckisoap

    ich habe es auch gesehen und mich immerzu gefragt: WEN befragen die, um an solche ergebnisse zu kommen? mich und dich haben sie anscheinend nicht gefragt.
    ob das ein tatsächliches bild der deutschen meinung wiedergibt? gruselig!

  2. hildegardlewi

    Die Nachkriegsgenerationen, die aufgrund der Vergangenheit und ihrem Einsatz, wieder ein
    einigermaßen annehmbares Leben führen zu können, waren an Politik interessiert, und außerdem hatten sie politische Vertreter mit Charisma. Wer saß z.B. nicht mit innerer Spannung und trotzdem einer Portion Vergnügen vor dem Fernseher und hat Herbert Wehner zugehört. Das waren Personen, die etwas darstellten, das waren Figuren. Der einzige, der heutzutage bißchen Leben in die Bude bringt, ist Gysi. Man muß ihn ja nicht hören, aber es macht trotzdem, na ja Spaß will ich nicht unbrdingt sagen, aber doch ein gewisses Maß an Vergnügen. Aber sonst? Trantuten. Und politisches Desinteresse in einem großen Teil der Bevölkerung, die auch Schwierigkeiten hat, sich irgendwie einzuordnen. Das kann man ihnen nicht verdenken. Ich glaube, die Mehrheit befindet sich in einer gefährlichen, unbeachteten Identitätskrise.

  3. user unknown

    „Nah an die Konturen der Nazi-Politik“ finde ich dann doch zu dick. Dass Merkel , Schäuble & Co. eine auf deutsche Interessen eingeschränkte Politik verfolgen, mit Einschränkung des Attributs „deutsch“ auf einen Teilbereich der deutschen Wirtschaft und Eliten unterschreibe ich, aber die gleiche, aggressive, imperialistische oder auch nur ähnliche Ideologie sehe ich da nicht am Werk.

    Ich glaube nicht, dass die politische Führung ein ins extreme übersteigertes Bild vom Deutschen treibt und keine Weltherrschaftsphantasien, die mit denen der Nazis vergleichbar wären. Die rücksichtslose Durchsetzung freier Märkte geschieht dann doch nicht mit gleicher Härte und auch nicht in ähnlicher Isolation. Ganz zu schweigen von einer Innennpolitik, die nicht als Terror gegen große Teile des Volkes bezeichnet werden kann.

    Die Situation ist so gründlich anders, dass ein solcher Vergleich nirgends hinführt. Wäre er als Provokation gedacht gewesen, um Aufmerksamkeit zu heischen, dann hätte er aber in die Überschrift gemusst.

    Dass die kurzfristige Zustimmung ähnlich einem Rausch immer über den nächsten Tag nur helfen soll, und dabei zu Sucht und Selbstzweck wird, finde ich denn auch die bessere Wahl und setze dann doch mein Icon unter den Beitrag. 🙂

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.