Das gestaltende Subjekt und die Zeit

Jede Ressource hat ihren Wert. Es kommt darauf an, wozu sie genutzt wird und für welchen Zeitraum sie zur Verfügung steht. Die so genannten natürlichen Ressourcen stehen immer in diesem Zwiespalt. Alles, was die Menschheit in welchem Kontext auch immer an natürlichen Ressourcen verbraucht, hat ein Haltbarkeitsdatum oder eine Kontingentgrenze. Die Rohstoffe, die genutzt werden, um Energie zu erzeugen, sind in diesem Portfolio eindeutig. Werden sie nach Tagesbedarf veräußert, lässt sich mit den heutigen Mitteln ziemlich genau ausrechnen, wann sie zur Neige gehen werden. Eine Schwierigkeit, die sich mit ihrer Nutzung verbindet, ist das Phänomen der Kollateralschäden. Emissionen der fossilen Brennstoffe tilgen gleichzeitig andere Ressourcen, wie zum Beispiel gute Luft oder Wasser. Das alles ist mehr oder weniger bekannt und der Irrsinn, der zuweilen das Dasein belastet, resultiert nicht aus dem mangelnden Wissen, sondern aus den Gesetzen der Verwertung. Gewinne monetärer Art sind der Wirkungsmechanismus, der der Vernunft in Bezug auf eine strategische Sicht besonders entgegensteht.

Eine andere Art der Ressource, die jede menschliche Existenz betrifft, wirkt nahezu gegenteilig. Es ist die Zeit. Zeit ist ein Gut, das alle brauchen, aber das nicht gekennzeichnet ist durch die eigene Endlichkeit. Die Zeit existiert unabhängig vom menschlichen Bedarf in Hülle und Fülle und ihre Endlichkeit ist nicht das Problem. Das Problem der Zeit resultiert vielmehr aus der Limitiertheit des menschlichen Daseins. Zeit als Ressource ist immer subjektiv und sie schert sich nicht um das Maß ihrer Nutzung durch die Menschen. Der gern benutzte Leitsatz, dass Zeit Geld ist, hat nur etwas zu tun mit dem menschlichen Blick. Es ist an ihm, dem Menschen, was er aus seinem Kontingent an Zeit macht. Lässt er sie verstreichen oder nutzt er sie akribisch, der Ressource selbst ist das gleich. Das ist die Macht der Zeit, und alle Probleme, die der Mensch mit ihr hat, spielen letztendlich keine Rolle.

Es hängt also von dem Konzept des Daseins eines jeden Individuums ab, was es in der eigenen Laufzeit mit ihr macht. Manche folgen den gelassenen, kontemplativen Philosophien und lassen sie verstreichen, um zu sehen, was geschieht. Andere wiederum glauben, dass die Gestaltung des Daseins durch sie selbst das Maß sind, nach dem ihre Nutzung bestimmt wird. Der Gedanke der Nachhaltigkeit, der vor allem bei der Betrachtung aller natürlichen Ressourcen so ungeheuer reüssiert, produziert bei der Nutzung der Zeit keinen Sinn. Auch Nachhaltigkeit ist eine Kategorie, die letztendlich ökonomisch interpretiert werden muss. Zeit hingegen ist das unermessliche, menschlich beschränkte Gut, das nur ethisch gedeutet werden kann.

Menschen, die sich der Gestaltung verschrieben haben, wissen, dass für sie die Zeit ein sehr begrenztes Kontingent ist, mit dem sie sehr sorgsam umgehen müssen. Die gestaltenden Subjekte sind zumeist kalkulatorische Hochleistungsaggregate, die jeden Schritt, den sie gehen und jede Tat, die sie begehen, genau bemessen, um jenseits der existenziellen Routinen die Zeiträume herauszuschinden, in denen sie das tun können, was sie selbst als ihre Bestimmung ansehen. Das ist der Preis, den die Gestaltung erfordert und es sind die Werke, die in diesem Spannungsraum entstehen, von denen die Menschheit als Kollektiv und Generationen übergreifend etwas haben. Das ist ein Wert an sich, der sich auseinandersetzt mit der existenziellen Bagatelle, dass alles sein ein Ende hat. Auch das sichere Scheitern bietet Möglichkeiten, etwas zu gestalten, das mehr Bestand hat als das einzelne Individuum.

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6 Gedanken zu „Das gestaltende Subjekt und die Zeit

  1. Nitya

    „Manche folgen den gelassenen, kontemplativen Philosophien und lassen sie verstreichen, um zu sehen, was geschieht.“

    Lieber Gerd,

    eine kleine Anmerkung zu diesem Satz. Gautama Siddharta sagte: „Handlungen geschehen, doch gibt es keinen Handelnden.“ Die Daoisten sprechen von „wu wei“, dem Tun ohne Tun. Beide meinen damit dasselbe und beides wird oft gnadenlos missverstanden. Der Philosoph Hans Vaihinger brachte es aus meiner Sicht für westliche Ohreganz gut auf den Punkt mit folgendem Satz. Dieser beginnt mit der Aufforderung „handle!“: „Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist!“ Keine Rede also davon, die Zeit untätig verstreichen zu lassen. Das wäre überhaupt nicht möglich. Die Folgen fehlenden oder fehlerhaften Handelns muss sowieso jeder ausbaden. Es ändert sich also zwischen den „Kontemplativen“ und den „Machern“ im Grunde überhaupt nichts. Anders ist nur der Blickwinkel. Alles geschieht. Ja. Aber auch das Denken, Fühlen, Handeln geschieht. Kennst du deinen nächsten Gedanken? Ich nicht. Er kommt zu mir. Nicht ich denke, sondern ich finde den nächsten Gedanken in mir vor. Das ist der ganze Unterschied.

    Herzlichst
    Wilhelm

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Wilhelm,

      warum habe ich schon beim Schreiben gewusst, dass du das nicht so hinnehmen wirst? Auf dich ist einfach verlass!

      Zähl die Attacken!

      Gerd

  2. hildegardlewi

    Das war eine schöne Ergänzung, Danke Wilhelm.
    Vielleicht etwas daneben? Seit ich 17 bin, trage ich einen Text in meiner Brieftasche, die Zeit betreffend:

    Gesetze, Zeiten, Völker überleben sich. Nur die Sternbilder der Kunst schimmern in
    alter Unvergänglichkeit über den Kirchhöfen der Zeit. Jean Paul

  3. almabu

    Kapitalismus und Gewinnmaximierung sind der natürliche Feind der Nachhaltigkeit. Im Grunde ist das ganze BWL-Denken asozial und der Versuch diese Unvereinbarkeiten auf einen Nenner zu bringen ist ein Spagat über den Grand Canyon…

  4. SalvaVenia

    Gut, daß nach der Endlichkeit der einen Ressource sich immer eine neue findet …

    Und den letzten Absatz liebe ich ganz besonders! Danke. 🙂

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