Die Dramaturgie des Sommerlochs

Das viel beschriebene Sommerloch böte eigentlich die Gelegenheit, sich von den vielen aufgeladenen Nachrichten und Meldungen, die das ganze Jahr über auf das ungeschützte Publikum herunterprasseln, etwas zu erholen. Denn zu wenig hat das alles noch mit einem Recht auf Information zu tun. Bagatellen aus allen Weltregionen werden emotional aufgeladen als wichtige Neuigkeiten verkauft und tatsächlich wichtige Ereignisse und Entscheidungen, diejenigen, wo Weichen gestellt werden und durch die das Publikum tatsächlich betroffen wird, werden entweder gar nicht übermittelt oder sie laufen als unerhebliche Petitesse so eben mit durch den Ticker. Das Ganze hat System, ist aber nicht alles. Das Sommerloch, das so gut tun könnte als eine temporäre Schonung der Nerven und als Übung, auch ohne artifizielle Überreizung für eine Weile leben zu können, hat eine bestimmte dramaturgische Funktion.

Jedes Jahr, wenn das Parlament nicht tagt, die Hitze über das Land zieht und die Familien mit den Kindern das Weite oder die Natur suchen, wird zumeist ein Thema durch die Gazetten gejagt, das alles ersetzt, was sonst der Meldung würdig wäre. Zumeist ist es eine Übung in Ideologie. Denn die meisten Organe, die online bis auf jedes Smartphone von Ibiza bis in den Himalaya strahlen, machen nichts mehr aus purem Vergnügen und schon gar nichts, um gesellschaftliche Ereignisse im Sinne ihres Auftrages und ihrer Freiheit kritisch zu reflektieren. Sie probieren aus, wie weit sie gehen können gegenüber dem Volke mit abenteuerlichen Thesen, einer unverschämt rücksichtslosen Haltung oder einer an den Grundfesten nagenden Außenpolitik.

Und kaum haben die letzten großen Bastionen der Schulkinder in Deutschlands Süden nun auch Ferien, da hat das Land das Thema seines Sommerlochs. Das wahrhaft Schlimme daran ist, dass es zumeist um Menschen geht, die hier Schutz suchen und die keinen Schutz haben oder aufbauen können gegen die vielen Versuche, sie in bestimmten Lichtern zu sehen. Abgeschottet von der Öffentlichkeit verharren sie im Wartezustand, während so genannte Spezialisten das Thema Flüchtlinge und Asyl vor den Kameras durchexerzieren. Und alles, was an abstrusen Ideen von irgendwelchen Hinterbänklern artikuliert wird, findet sich in den Schlagzeilen des nächsten Tages. So ganz nebenbei ist das wieder ein Beleg für die sittliche Reife derer, die derartige Nachrichten aufbereiten. Sie spielen mit Existenzen, statt sie in ihrer Würde zu schützen.

Und als wäre es nicht genug mit diesem Sommerloch-Thema des Jahres 2015, so wird gleichzeitig versucht, gegen Enthüllungen im Netz mit dem staatsanwaltlichen Hammer zuzuschlagen. Die Meinungsfreiheit, die sich im Netz und in der Bloggerszene Form verschafft hat, ist anscheinend den über die Meinungsindustrie Herrschenden ein Dorn im Auge. Cameron, der am übel riechenden britischen Nationalismus leckende Populist, will drüben, auf der Insel, Facebook verbieten, und hier soll die Bloggerszene zum Schweigen gebracht werden. Da ist Freiheit in Gefahr, und zwar essentiell!

Und, um das Thema Flüchtlinge noch einmal aufzugreifen: Die Bundesrepublik Deutschland, selbst ein Artefakt aus unzähligen Migrationsbewegungen, hat es verstanden, über Jahrzehnte das Thema Einwanderung konsequent auszublenden. Sie mäandert durch die Epoche der Globalisierung zum einen mit einem antiquierten Begriff Ius sanguinis, der Staatsbürgerschaft aufgrund von Blutlinien, und sie hat keine formulierte Vorstellung davon, wer in diesem Land eine Heimat finden kann und wer nicht. Jetzt diskutieren überforderte Ministerpräsidenten, wie sie Kriterien für Asyl neu interpretieren können, um die Anzahl der Herkommenden zu reduzieren. Und die Verteidigungsministerin fährt nach Tunis, um die dortige Regierung zu überzeugen, die Grenzen wieder dicht zu machen wie zu Ben Alis Zeiten. Das ist schlecht, das ist unwürdig, und es zeugt nicht von einer Kompetenz, die zu Lösungen fähig wäre. Das allerdings ist in der Meinungsindustrie kein Thema.

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4 Gedanken zu „Die Dramaturgie des Sommerlochs

  1. hildegardlewi

    Blendend. Man sollte die ganze Regierung einschließlich Presse von einem Tag zum an deren auswechseln (Kann man ja dann in der Tagespresse diskutieren) und endlich mal klar Schiff machen. Es trifft doch immer die, die gar nicht dafür können. Diese bedauernswerten Menschen sind doch nicht unisono alle auf den gleichen Gedanken gekommen. Und die anderen? Die können ja so ahnungslos nicht gewesen sein.

  2. alphachamber

    Hallo Herr Mersmann,
    Ich freue mich stets auf Ihre intelligenten, scharf-sichtigen Essays, auch wegen ihrer sprachlichen Qualität die selten im Netz zu lesen ist.

    Zum Thema Flüchtlinge, scheinen sich unsere Meinungen zu teilen. Das ist gut so, nur dann kann man aus Dialogen lernen. Zunächst: Da ich im Ausland (Asien) lebe, habe ich in der BRD keinerlei politischen „Eisen im Feuer“. Aber die Argumente interessieren mich.

    Ich sehe Widerspruch, an Gemeinsinn, an besondere gesellschaftliche Erfahrungen, nationale Verantwortung und allerlei kollektive Emotionen und ethische Ansprüche zu appellieren, für Maßnahmen welche eben diese nationalen Eigenschaften auf Dauer unterwandern (“pun intended”) oder zerstören.
    Siehe: https://huaxinghui.wordpress.com/2014/12/20/rassismus-kulturelles-erbe/

    Grenznationen von Konfliktherden engagieren sich selten für die einwandernde Flüchtlinge (Gelder und Mittel überlassen sie dem altruistischen Westen und der UN) und erlauben fast keine Absorbtion in die eigene Gesellschaft. Selbst sind die alle xenophob. Das widerspricht n i c h t ihrer ausgeprägten Gastfreundschaft für Reisende. Es besteht aber die Einsicht, dass Völker ein Anrecht auf eine eigene Lebensweise in ihrer selbsterschaffenen Kultur besitzen. Wo inkompatible Gruppen durch Beschluß oder Mandat in gemeinsame Grenzen gezwungen werden, versagt die Gesellschaft – bis zum Völkermord (siehe Balkan, Afrika). Es gibt viele Beispiele, wo die ‚bunte Suppe‘ schon am Brodeln ist.

    Es gibt kaum Nationen, die k e i n “Artefakt aus unzähligen Migrationsbewegungen” sind. Auch (deshalb) zählt für die Nationalität am häufigsten mitnichten die Blutlinie, sondern das Land der Geburt. Die Idee dahinter ist das Bestreben der gleichen gesellschaftlichen Ziele und Teilen von kultureller Gemeinsamkeit. Globalisierung ist in vieler Hinsicht technologischer und wirtschaftlicher Determinismus. Souveränität und kulturelle Abgrenzung erhalten den Frieden zwischen Gesellschaften, so wie man Säure und Lauge getrennt aufbewahrt.

    Folgt man der Ratio des wirtschaftlichen Ausgleichs in konsequenter Weise, hat 2/3 der Welt Anspruch auf Asyl in der BRD. Dass wir die Aufgabe haben, die Ursachen der Flüchtlingsströme zu zerstören, ist unbestritten. Das ist die Aufgabe eines Staates. Hilfsbereitschaft und Mitleid, dagegen, ist nur Sache des Einzelnen. Sie zu verordnen ist ebenso unmoralisch wie ihre totale Abwesenheit in einer Gemeinschaft.

    Abgesehen von den finanziellen Belastungen, halte ich die Ansicht, dass es in der BRD noch ausreichend Raum für Millionen weitere Asylanten gibt, für bedenklich und – mit Verlaub – unkonzeptuell. Es geht hier nicht um reine Stapelplätze oder Lagereinheiten, sondern um den gemeinschaftliche Harmonie, gewachsene Nachbarschaften und Gewohnheiten. Das ist ja schon durch die Notwendigkeit dieser Diskussion bewiesen. Die Gründe werden uns auch stets vor Augen geführt, wenn w i r von Beschränkungen in anderen Ländern betroffen sind. Denken Sie an den „Dominanzeffekt“: https://huaxinghui.wordpress.com/2015/05/16/der-dominanz-effekt-2/

    Beste Grüße

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Lieber Alphachamber,

      vielen Dank für den doch sehr konzentierten und intensiven Beitrag. Ich habe mich damit auseinandersetzen müssen und letztendlich ist so etwas wie eine Antwort dabei herausgekommen, die gerade eben als Blog erschien. Ich hoffe, Sie nicht zu lange warten gelassen zu haben und freue mich wie immer auf ihre messerscharfe Kritik!

      GM

  3. alphachamber

    Herr Mersmann,
    nun bin ich es, der zu danken hat. Leider wird dieses Thema meist ideologisch behandelt, nach beiden Seite und hatte zunächst große Bedenken – vertraute aber zuletzt Ihrem Blog, dass der Kommentar richtig gelesen wird.
    Ich bin gespannt auf Ihr neue Essay.
    Grüße

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