Die fundamentalistische Ideologie der Neuzeit

Sie brüsten sich damit. Die Journalisten von BILD weisen in ihrer heutigen Ausgabe stolz daraufhin, dass sie bereits vor fünf Jahren eine Schlagzeile hatten, in der es hieß: Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen! Und nun, da die Arbeit vollbracht ist, stehen tatsächlich griechische Inseln zum Verkauf. Insgesamt befinden sich diese Inseln in einem Privatisierungspaket, das dem Schuldnerland 50 Milliarden Euro einbringen soll. Es geht dabei um Land, um Immobilien, um Flughäfen und Häfen. Es ist der Gipfel an Privatisierungsrausch und es ist der europäische und vor allem deutsche Bankrott gegenüber dem Wirtschaftsliberalismus.

Nicht, dass es dabei um eine rein akademische Diskussion ginge. Nein, es geht darum, ob Wirtschaftsinteressen die Politik dominieren. Die Äußerungen und Auftritte eines deutschen Finanzministers dokumentieren die Metamorphose von der Politik zur Ökonomie. Und sie dokumentieren die Aggressivität und den Revanchismus, mit der gegen alles vorgegangen wird, was noch in irgendeiner Weise auf den Anspruch eingeht, dass Politik die ungezügelten Interessen einzelner Gruppen dominieren muss. Es handelt sich um ein Debakel für die Politik generell. Sie hat abgedankt in einem Land, in dem Vulgärökonomen unangefochten erklären können, was für das Gemeinwesen erforderlich ist und was nicht.

Besonders bemerkenswert ist die Position, die sich bis zur ersten manifesten und umfangreichen Krise des Monetarismus vehement gegen seine Expansion gewehrt hat. Es sind dies die Kräfte des Keynesianismus gewesen, d.h. einer Perspektive, die das Primat in der Politik sieht und die Wirtschaft politisch zu steuern sucht, indem sie positive Stimulanzen setzt. Eigentlich genau das, was die griechische Syriza vorhatte und von bundesrepublikanischem Dogmatismus auf das schärfste kritisiert wurde. Der Keynesianismus ist der Kontrapunkt zum Sparexzess. Eigenartigerweise ist diese Art des Keynesianismus die klassische Politik der deutschen Sozialdemokratie gewesen, bis sie in der Regierungsverantwortung war und seit der Weltkrise im Jahr 2008 für Lösungsansätze verantwortlich zeichnete. Seitdem schweigt sie zu dem weiteren Voranschreiten von Reich gegen Arm, seitdem ist sie im Strom des Wirtschaftsliberalismus. Wer das zu verantworten hat, ist sekundär, dass sie es als Partei tut, verspielt ihre Chance auf die Zukunft. Der intern diskutierte Vorschlag, auf eine eigene Kandidatur bei der nächsten Wahl zu verzichten, ist nicht absurd, sondern folgerichtig.

Alles, was in diesem Land und in unserem Kulturkreis diskutiert wird und die Gemüter erregt, hat eine Ursache, die zu benennen keine Angelegenheit von Irrationalisten mehr sein kann. Der weltweite Kampf von Reich gegen Arm ist ein weltweiter Kampf gegen die Zivilisation unserer Tage. Der Wirtschaftsliberalismus und seine Vasallen putschen ganze Nationalstaaten, ganze Gemeinwesen und ganze Kulturkreise zurück in den Zustand der Barbarei. Alles, was das gesellschaftliche Dasein lebenswert macht, wird für die großen Mehrheiten der einzelnen Sozialsysteme immer unerreichbarer, weil es reduziert worden ist auf die individuelle Bezahlbarkeit. Das bezieht sich auf so etwas wie ein gesichertes Dasein, das bezieht sich auf so etwas wie Bildung und das bezieht sich auf so etwas wie bezahlbare Gesundheitsversorgung und bezahlbaren Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen. Wer wissen will, wohin die Barbarei dieser Ideologie führt, der fahre nach Griechenland. Und wer wissen will, welche ethische Verrohung damit im eigenen Kulturkreis verbunden ist, der lese BILD.

Und wer in der Lage ist, Zusammenhänge zu lesen, der wird auch begreifen, dass Flüchtlingsbewegungen auf dieser Welt, die nun auch uns erreichen, zurückzuführen sind auf die systematische Barbarisierung dieses Planeten durch die fundamentalistische Ideologie der Neuzeit, den Wirtschaftsliberalismus. Die Novellierung von Asylverfahren und die Neuformulierung von Asylkriterien sind Hokuspokus, wenn die weltweite, systematische Zerstörung sozialer Systeme nicht gestoppt wird.

Advertisements

11 Gedanken zu „Die fundamentalistische Ideologie der Neuzeit

  1. alphachamber

    Herr Mersmann,
    ich sehe in diesem Artikel einige Antworten auf meinen Kommentar. Obwohl Ihre Beschreibung die Situation (scheinbar wenigstens) kompliziert und – durch die globalen Dimensionen die Sie ihnen zuschreiben – noch schwieriger macht. Die Probleme stecken sicher nicht alle nur in einem, oder zwei Begriffen. Ich dachte schon daran, (anstelle eines langen Kommentars) vielleicht selbst darüber zu schreiben. Wir könnten dann einfacher Sichtweisen abgleichen.

      1. alphachamber

        Ja , das stimmt. Der Mensch ist Angelpunkt, und seine Eigenschaften haben sich nicht verändert, aber er hat mehr Wege zur Auswahl und Werkzeuge zur Hand als zu K. Marxs Zeiten. Nach ihm wären wir alle unschuldige Opfer, aber irgendwer schafft die Umstände – das letzte Wort hat der Staat. Ein Thema für mehrere Bibliotheken!

  2. thomrosenhagen

    eine gute Beschreibung was man unter einem „neo-wirtschaftsliberalen“ „Kalifat“ verstehen könnte….nur etwas subtil barbarischer als das Andere…

  3. hildegardlewi

    M a n i p u l i e r t – da bekommt mn ja schon selber einen Klaps. Diese ganze Welt ist doch einfach nicht mehr in Ordnung. Abgesehen von dem Umfang des Zuzugs – abgesehen vom wohnen, essen müssen sie ja schließlich auch, aber was denn, unser überschüssiges Schweinefleisch?

  4. vfalle

    Ich habe langsam den Eindruck, dass das Volk am liebsten in Ruhe gelassen werden will. Eine Regierung die um Harmonie bemüht ist, bekommt dann auch zum Dank bei der Wahl viele Stimmen.
    Probleme werden so nicht gelöst, sondern verdrängt.
    Ich möchte mir nicht ausmalen wohin das führt. Lieber bringe ich meine Energien bei der Problemlösung ein.

  5. gkazakou

    „Alles, was das gesellschaftliche Dasein lebenswert macht, wird für die großen Mehrheiten … immer unerreichbarer, weil es reduziert worden ist auf die individuelle Bezahlbarkeit.“ Die Tendenz stimmt, aber es gibt durchaus Gegenkräfte, die sich im Griechenland der Krise kräftig entwickeln. Nicht „Mehr Staat“ (Syriza), nicht „Mehr Schulden“ (Keynes), sondern mehr Eigenverantwortung, Solidarität, kleinformatige Vernetzung, Tauschbörsen, Findigkeit und Kreativität, Auskommen mit Weniger. Wenn das gelingt, hat Griechenland nichts zu fürchten. .

  6. Nil

    Schon mal im WP Blog von Varoufakis herumgeschaut? Sein letzter Beitrag, ein Fergespräch/Interview, macht auch wieder einiges deutlich und jagt mir Schauer über den Rücken wo das alles enden wird…

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.