Überforderte Behörden

Angesichts der vielen Flüchtlinge sind die Behörden einfach überfordert, so heißt es. Eine Reaktion auf eine derartige Äußerung müsste sein, dass die Behörden heil froh sein können, dass sie es noch gibt. Denn herrschte die Doktrin, die die Regierung der Bundesrepublik Deutschland nach außen vertritt, dann hätte es sich mit einer solchen Behörde bald gehabt. Die wäre nämlich längst aufgelöst, weil sie nur Geld kostet und angeblich nichts bringt und durch die Beauftragung an ein privates Unternehmen ersetzt. Das, was diese Regierung vor allem in Form ihres heillosen Finanzministers nach außen vertritt, traut sie sich im eigenen Land nicht. Vielleicht noch nicht. Vielleicht kommt der Vorstoß noch und die schlechte Arbeit zum Beispiel bei der Bearbeitung von Asylanträgen ist lanciert. Sollten in diesem Jahr tatsächlich 450.000 Asylsuchende ins Land kommen, dann wären das bei 2800 Beschäftigten in diesem Bereich ungefähr 160 Fälle. In jedem Sozial- oder Jugendamt sind derartige Zahlen normal, nur liegen sie dort nich jahrelang unbearbeitet herum. Das ist nicht ganz koscher, wenn die Formulierung erlaubt ist.

Die überforderten Behörden sind ein Phänomen, das repräsentativ für die gesetzte und zu Ende strukturierte Gesellschaft steht. In keinem Schwellenland existieren Behörden, die mit einer solchen Präzision und Zuverlässigkeit arbeiten wie zum Beispiel oder vielleicht auch besonders die deutschen. Und dennoch sind in vielen Schwellenländern die Probleme in nichts mit denen zu vergleichen, die hier beklagt werden. Jährlich strömen, und in diesem Kontext ist der Ausdruck tatsächlich angebracht, Millionen junger Menschen in die Metropolen, jedes Jahr wachsen diese Städte um eine halbe bis eine Millionen Menschen. Da sind keine Behörden,, bei denen Anträge abgegeben werden, da gibt es keine Stadtentwickler und keine Bauordnung und wenn, dann steht sie irgendwo im Archiv auf dem Papier.

Das Phänomen der Gesellschaften, die jung sind und wachsen, in denen die Metropolen ein besseres Leben und eine bessere Welt versprechen, besteht in ihrer Hoffnung und ihrer Dynamik. Trotz nicht vorhandener oder völlig überforderter bürokratischer Strukturen gelingt es dort immer wieder, die großen sozialen wie ethnischen Migrationen zu absorbieren. Das ist interessant zu beobachten, weil ein gewaltiger Prozess im Gange ist, der am besten mit einem Terminus wie „In der Praxis lernen“ beschrieben werden kann. Da wird das Auto schon mal in einem Kiosk zugelassen, unterrichtet wird in so mancher Großküche und jeder Taxifahrer bringt es zumindest basal auf drei bis fünf Sprachen. Die große Bewegung und Umwälzung funktioniert. Sie funktioniert anders, als das hiesige Denken in Kästchen zulässt, aber es sind großartige Leistungen, die diesen Gesellschaften in ihrer Gesamtheit attestiert werden müssen.

Anscheinend haben in Gesellschaften wie der unseren die Fähigkeiten das Zeitliche gesegnet, sich mit den aktuellen Problemen, die die Welt erzeugt, in einer adäquaten Weise auseinanderzusetzen. Phänomene, die neu sind, sollten vielleicht auch pragmatisch und provisorisch gelöst werden können. Das ist genau das, was wir von den dynamischen Gesellschaften lernen könnten, stünde dem nicht die Mentalität im Wege, nur die bekannten Regeln und Regelwerke anwenden zu wollen und sich und das eigene System für das Nonplusultra zu halten. Dekadente Gesellschaften weisen genau die Merkmale auf, die sich an der Flüchtlingsdebatte manifestieren. Gegen Dekadenz kann wenig ausgerichtet werden, weil es auch ein Gemütszustand ist. Die Politik jedoch, die weltweit Gesellschaften destabilisiert und an der diese Regierung beteiligt ist, diese Politik, die systematisch Menschen vertreibt und zu Flüchtlingen macht, die kann mit Binnenkräften beendet werden.

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5 Gedanken zu „Überforderte Behörden

  1. aquasdemarco

    Du sprichst verschiedene Dinge an.
    Als Mensch der in der Flüchtlingsbetreuung arbeitet, kann ich dir bestätigen das eine Menge unbürokratischer, kreativer Maßnahmen zum Zuge kommt, zumindest in der Betreuung.
    Als Mensch der viel gereist ist, geht es mir manchmal, wie dir, manchmal allerdings hätte ich mir das deutsche, strukturierte System herbeigewünscht.

    1. Gerhard Mersmann Autor

      Auch ich sehe kreative Lösungen bei denen, die die Arbeit vor Ort machen. Der Zeitfaktor bis zur politischen Entscheidung scheint mir oft kalkuliert. Und eine Verwaltung, die arbeitet wie eine Maschine und unbestechlich ist, ist ein hohes zivilisatorisches Gut.

  2. ullakeienburg

    Danke! Dazu kommt, dass viele dieser sachbarbeitenden Beamten und Angestellten sich so vor ihren Dienstherren fürchten, dass sie wenige bis keine Entscheidungen fällen, das Geld der Dienstherren sparen wollen, um den eigenen Job im Amt fürchten. Eine existenzielle Bedrohung muss es subcutan oder vorbewusst schon geben. Da scheint unser Finanzmininster seinen Regulierungshunger gar nicht für Deutschland offiziell anzukündigen brauchen. Als wenn der Mensch hier nicht längst spürte, dass es ihn oder sie unter der hiesigen Regierung selbst treffen kann. Alle Menschen , die laut Gesetz ein Anrecht auch Förderung, Aufnahme, Zuschüsse, Existenzssicherung oder Nachteilsausgleich haben, sind eingeschüchtert. Einige betiteln sich schon (fast entschuldigend) als „A…löcher“, wenn sie für das kämpfen, was ihnen zusteht. Seltsame Geschichte. Nicht umsonst gibt es eine Auskunfts- und keine Informationspflicht. Das spart den Staat ungeahnte Summen Geld. Im Umgang mit den Flüchtlingen wird es besonders deutlich. Ggf. ein Chance, diese vorbewusste Haltung mal zu überdenken. Gegebenenfalls.

  3. lawgunsandfreedom

    Beamte und Behörden sind teilweise sehr unflexibel (obrigkeitshörig) und halten sich buchstabengetreu an ihre Gesetze und Vorschriften. Aber das trifft wirklich nur auf einen Teil zu. Die normalen Angestellten reißen sich im Allgemeinen den Allerwertesten auf, um möglichst schnell und unbürokratisch im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Trotzdem steht Leute mit „kreativen Ideen“ schnell auf der Abschußliste.

    Andererseits sprechen Sie Städte an, in die jährlich Hunderttausende von Menschen zuwandern, was dort gar keine Probleme machen soll. Diese Städte haben im Allgemeinen einen Ring von Slums. Dort gibt es minimales Einkommen, geringe Lebensqualität, hohe Kriminalität und Gewalttätigkeit – gar nicht zu sprechen von der gnadenlosen Ausbeutung durch die „Arbeitgeber“ in den Fabriken. Menschenrechte in unserem Sinne? Fehlanzeige. Die Leute haben die Wahl sich ausbeuten zu lassen, oder in ihren Dörfern zu bleiben und sich ihr Brot auf die althergebrachte, nicht weniger harte Weise zu verdienen.

    Wir haben also recht starre, langsame Regularien für Flüchtlinge auf der einen Seite und Zustände wie zur industriellen Revolution auf der anderen Seite. Man kann das wirklich nicht miteinander vergleichen. Das eine ist Landflucht (in Asien, vor allem China), das andere sind Wirtschaftsflüchtlinge, die man sehr schnell aus dem zähen Asylverfahren entlassen könnte und echte Asyl-Flüchtlinge, deren Verfahren man ebenfalls rapide beschleunigen könnte. Aber der Verwaltungsapparat ist eine starke Bremse.

    Nun – wir könnten es uns aussuchen:

    Die freiheitliche Variante → alle Leute reinlassen und dann sollen sie zusehen, wie sie zurecht kommen. Allerdings nicht auf die Kosten eines Sozialsystems, das sowieso schon am bröckeln ist. Die Folgen kann man sich selbst ausmalen → „Best Case“ – „Worst Case“. Dazu müssten natürlich eine ganze Menge Gesetze und Regelungen geändert werden. Unser Sozialsystem würde das sicher nicht überleben, bzw. es würde noch schneller den Bach runtergehen, als bisher. Die recht erfolgreiche Hong Kong – Variante kann ich mir für Europa/Deutschland leider überhaupt nicht vorstellen.

    Die autoritäre Variante → alle Grenzen dicht machen … was die Geschäfte der Schlepper und Schleuser beflügeln, den Füchtlingsstrom aber teilweise eindämmen würde – die Zahl der Illegalen würde natürlich weiterhin steigen. Auch dazu müssten eine ganze Menge Gesetze geändert werden, worunter unter anderem die Bürgerrechte stark leiden würden.

    Alternative Lösungsansätze gibt es durchaus. Die kranken aber alle daran, daß sie nicht konsequent bis zum Ende durchdacht sind und vor allem nicht auf langfristige Strategien setzen.

    Ich persönlich sehe keine positive Änderung in naher Zukunft. Das Problem ist wesentlich komplexer als man es in ein paar Zeilen erörtern könnte. Die EU setzt derzeit auf die zweite Variante (autoritär → totalitär). Schäuble hat vor kurzem selbst gesagt, daß er sich ein autoritäreres Europa wünscht). Die erste Variante mit unbegrenztem Zuzug will ich aber auch nicht haben. Ich erlebe schon den begrenzten Zuzug in meiner Wohngegend als beunruhigend. Vor 20 Jahren war das eine ruhige, bürgerliche, günstige, Arbeiter-Wohngegend. Inzwischen kommt alleine in meiner Straße 3-4x wöchentlich die Polizei wegen Streitereien, Sachbeschädigungen, tätlichen Angriffen, Diebstählen, Einbrüchen, Messerstechereien, etc.

    Es geht übrigens weniger darum, flexibel auf „neue“ Probleme zu reagieren. Es sind die Sünden der Vergangenheit, die uns einholen.

    Pragmatisch und provisorisch habe ich schon erlebt und das kann sehr gut funktionieren. Da waren die Hilfe und das Organisationstalent der örtlichen Bevölkerung gefragt, als eine temporäre Aussenstelle für ein Flüchtlingslager eingerichtet werden sollte. Zwar hat die Behörde das Gebäude angemietet, aber um den Rest hat sich komplett die Bevölkerung des Ortes gekümmert. Informationen und Hilfestellung von Seiten der Behörde? Fehlanzeige. Die Flüchtlinge (entgegen der Ansage Familien vom Balkan und nicht aus Syrien) wurden einfach mit Bussen abgeladen und sich quasi selbst überlassen. Nur der Hilfe der Bevölkerung war es zu verdanken, daß das nicht in einem Chaos endete. Die Leute hätten gerne bleiben können. Die hätte man schon irgendwie integriert. (Ein anderer Ort bekam fast ausschließlich junge, männliche Schwarzafrikaner. Das gab ziemlich schnell größere Probleme. Die kulturellen Unterschiede waren einfach zu groß und das Verhalten der „Gäste“ war – trotz gründlicher Unterweisung – mehr als suboptimal). Das sind jetzt auch nur 2 Einzelbeispiele und ganz bestimmt nicht repräsentativ.

  4. fredo0

    es ist ein Kapitalfehler der „Flüchtlings“diskussion von „dem Flüchtling“ zu reden … es sind natürlich viele echte Flüchtlinge , die da kommen … die den Kriegen entkommen wollen , die ihr nacktes Leben bedrohen … es sind auch nicht wenige , die extremster Armut und Diskreminierung in Osteuropa zu entfliehen versuchen … es sind jedoch in erheblicher Mehrzahl Ankömmlinge deren „Not“ nicht die des nackten Überlebens ist , oder zu entfliehender Armut , sondern deren Not die des Erfüllenmüssens von Erwartungen auf von Ihnen zu erbeutendem Wohlstand oder gar Reichtum durch die die Reise finanzierenden Mittelstands-Familien zu Hause ist … das diese in Mehrzahl zumindest mit einem Handy ( 3 Monatsgehälter in ihrer Heimat ) und bester Ausbildung ausgestatteten „Beute“greifer hier in den einheitlichen Flüchtlingstopf gesteckt werden , macht vernüftige Reaktionen auf dieses plötzliche Massenphänomen so schwierig …
    Es sei erlaubt zu fragen , warum eigentlich jetzt und nicht schon vor Jahrzenten die afrikanischen Jugendlichen ihrer (Pseudo)-Not in Richtung Europa treibt ?
    Denn diese Not wurde ja ( zumindest für sie persönlich ) nicht größer , sondern eher reduzierter , hat doch deren Familien in Afrika bereits das Mittelstandsphänomen wachsenden Wohlstands erreicht … auch Afrika kann einen Aufschwung vermelden , wenn auch klein , so hat er doch den Familien dieser nach Europa entsandten Jungeroberern eine Zahlung von bis zu 10000 Dollar pro Nase ermöglicht … eine Tatsache die sich selbst mit behaupteter wirtschaftlicher Not als Motiv schlecht verbinden lässt … könnte es also sein , dass gerade der relative Wohlstandsanstieg in den Ländern dieser „hungrigen“ jungen Männer gen Norden treiben ? … geht es dann schlicht um ein „noch mehr“ vom Beutekuchen ? und nicht um nacktes Überleben ?
    Mir will diese törichte Gleichmacherei nicht gefallen … Diskreminiert sich doch gerade die echt Hilfebedürftigen …

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