Der Strömung die Stirn bieten!

Charlotte Kerner. Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong

Die Historiographie hat in den letzten Jahren wieder besonders gelitten. Auch und gerade in Deutschland. Wer geglaubt hatte, dass sich die Darstellung historischer Ereignisse und Figuren so langsam gelöst hätte von einem intendierten ideologischen Zweck, hatte sich geirrt. Das ist betrüblich, aber leider auch nicht zu ändern. Und es ist nicht flächendeckend so. Manchmal ragen ganz plötzlich solche Werke heraus, denen es ganz unspektakulär und ohne großen PR-Aufwand gelingt, eine ganz andere Qualität an die Leserschaft zu bringen, als sie die Fronten zwischen der jeweiligen hysterischen Parteinahme vermuten lassen.

Charlotte Kerner, geboren in Speyer und heute in Lübeck lebend, ist zwar keine Historikerin, sondern Volkswirtin und Soziologin, und sie hat meistens den Beruf der Journalistin ausgeübt. Vielleicht wegen der Koinzidenz, dass sie selbst Ende der siebziger Jahre für ein Jahr in China weilte und die Erdverschiebungen nach dem Tod Mao Zedongs hautnah miterlebte und sicher aus einem vitalen Interesse hat sie sich an eine Biographie dieses Titanen gewagt. Unter dem Titel Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong ist ihr ein Buch gelungen, das alle lesen sollten, die Interesse an Erkenntnisgewinn besitzen und die Lust verloren haben, sich ideologisch belehren zu lassen.

Denn die Stärke von Kerners Buch ist eine wohl tuende Distanz zu der historischen Figur Mao Zedong, die es ermöglicht, die Lebensumstände des Staatsgründers der Volksrepublik China zu objektivieren und seine intrinsische Motivation freizulegen. Zunächst frei von Urteilen werden die Schlüsselerlebnisse des jungen Mao in der Provinz geschildert, die langsame , aber stetige Entwicklung seiner Denkweise und die Herausbildung einer Persönlichkeit, die selten im Geschäft der Weltpolitik war und geblieben ist. Eine Mischung aus Poet, denn Mao verfasste von seiner Jugend bis zum Tod qualitativ hoch stehende Lyrik, und Machtpolitiker, der bei aller Empathie und Sensibilität nicht mit der Wimper zuckte, wenn es darum ging, das durchzusetzen, was er als wichtig erachtete. So entsteht das Bild eines Regisseurs der Weltgeschichte, zum Lieben und Fürchten zugleich.

Rote Sonne, Roter Tiger ist aber auch eine sehr gekonnt gezeichnete Illustration des historischen Rahmens, in dem sich das Leben Mao Zedongs innerhalb Chinas abspielte. Die ungeheuren Katastrophen, die vor Mao das Land prägten, die Demütigungen, die die Nation erleiden musste, der Befreiungsschlag der erfolgreichen Erhebung und die hausgemachten Katastrophen, die folgen sollten, aber das Land dennoch weiter brachten. Denn ohne dass die Autorin den belehrenden Zeigefinger benötigt, gelingt es ihr, die Dialektik zwischen der Kulturrevolution, ihren Verwüstungen, ihrer Niederschlagung, der erneuten Bürokratisierung und dem heutigen zivilgesellschaftlichen Widerstand zu verdeutlichen. Trotz der furchtbaren Dimension der Kulturrevolution hat sie den Keim gesetzt, der es einem Volk, dass unter einer tausendjährigen Autokratie gelitten hat, ermöglicht zu rebellieren.

Das Bestechende an diesem Buch über Mao Zedong ist nicht nur der Mangel an Rechthaberei und Verurteilung, sondern auch die angebrachte historische Relativität einer möglichen Bilanz. Nahvollziehbar beschreibt die Autorin die Lebensspanne Maos im europäischen Vergleich mit den Ereignissen aus 400 Jahren. Da relativieren sich auch die Dimensionen. Und es bleibt der Leserschaft überlassen, zu welchen Urteilen sie sich durchringt. Eine atemberaubende Perspektive im Zeitalter wachsender Belehrung!

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21 Gedanken zu „Der Strömung die Stirn bieten!

  1. gerhard

    Ich hab mal eine Weile in China bzw. mit Chinesen zusammengearbeitet, vor allem die Hungersnot, die durch den „Großen Sprung“ (1958 – 61) verursacht wurde und Millionen das Leben kostete, wird Mao von den Leuten, die das damals er- und überlebten, bis heute nicht verziehen. Da hilft keine schöne Lyrik, wenn die elementare Grundversorgung für das eigene Volk wegen hirnrissiger Wirtschaftspolitik den Bach runtergeht. Für mich war dieses gescheiterte Experiment nicht weit von den „Killing Fields“ Pol Pots entfernt.

      1. gerhard

        Nein, wäre es höchstwahrscheinlich unterm Strich auch nicht. Ob eine derartige Hungersnot und ein gesellschaftspolitischer Wahnsinn analog zur Kulturrevolution stattgefunden hätten, lasse ich mal wegen seines hypothetischen Charakters dahingestellt. Aber macht es das besser ?

  2. Gerhard Mersmann Autor

    Was ist schon besser? Manchmal läuft die Geschichte, wie sie läuft, unabhängig von unseren späteren Betrachtungen. Das ist mitunter schwer auszuhalten. Mir gefällt allerdings das Bild, welches Heinrich Heine in solchen Situationen gerne bemühte. Er verglich die Weitsicht der später Geborenen mit Zwergen auf den Schultern von Riesen.

    1. gerhard

      Das ist jetzt aber eine sehr fatalistische Betrachtung, gerade in dem Zusammenhang. Natürlich läuft die Geschichte, wie sie läuft, nicht nur manchmal, sondern immer. Eine Wertung im Nachgang, selbst wenn sie von Zwergen kommt, muss möglich sein, sonst kann ich mir die Geschichtsbücher fürderhin samt und sonders sparen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Deinem Sinne ist.
      Ein Massenmörder Mao, auch wenn er schöne Lyrik schrieb, bleibt ein Massenmörder.

      1. Gerhard Mersmann Autor

        Lieber Gerhard,
        sowohl der große Sprung nach vorn als auch die Kulturrevolution jhaben Millionen Tote hinterlassen. Wenn du dich besser dabei fühlst, dann nenne Mao einen Massenmörder, auch wenn das die Sache nicht richtig trifft. Was mich interessiert ist die Frage, welche Optionen gab es in China, wer hat welche vertreten und wie hat die chinesische Nation sich unter welcher entwickelt. Weder die alte imperialistische Abhängigkeit, noch die japanische Besatzung noch Ching Kai-Shek hätte gleiche Opferzahlen verhindert noch hätten Sie China dahin gebracht, wo es heute steht. Gerade deshalb existiert bis heute der Mythos. Auch ich habe einige Jahre in Asien gelebt und habe dort vieles lernen dürfen, vor allem eines: unser Weltbild, in dem das bürgerliche Individuum im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wird dort nicht geteilt
        So long
        Gerd

      2. gerhard

        Lieber Gerd,
        Mao hat in China mit beiden genannten Aktionen bewusst Kräfte entfesselt, die in gesellschaftlichem Chaos, in millionenfacher Demütigung und Auslöschung der Menschen und im Fall des „Großen Sprungs“ in einem wirtschaftlichen Super-GAU endeten. Vor allem im Zusammenhang mit der Kulturrevolution waren Vokabeln wie „Vernichtung“ und „Zerschlagung“ bei ihm gängiger Sprachgebrauch. Ich fühle mich nicht besser dabei, wenn ich Mao einen Massenmörder nenne, aber er war letztendlich Hauptverantwortlicher für zwei gesellschaftliche Umwälzungen in einem Riesenland, die humanitär und wirtschaftlich gelinde gesagt eine einzige Katastrophe waren.
        Ob es gleiche Opferzahlen unter den Japanern oder der faschistischen Regierung gegeben hätte, ist reine Spekulation.
        China in der heutigen Form haben wir vor allem Deng Xiaoping zu verdanken, einem Mann, der im Gegensatz zu Mao eine gewisse Ahnung und Vision von wirtschaftlichen Prozessen hatte, der unter Mao unterdrückt wurde und im chinesischen Volk heute eine wesentlich größere Verehrung erfährt als der „Große Führer“.
        Über den Manchester-Kapitalismus unter dem Diktat einer starken KP im heutigen China mag ich mich an der Stelle nicht weiter auslassen, das ist allerdings der Punkt, an dem wir wieder zusammenkommen: das westliche Weltbild wird dort nicht geteilt, völlig meine Meinung, darum funktioniert dieser Staat in den wesentlichen Teilen.
        Viele Grüße,
        Gerhard

  3. alphachamber

    Hallo Herr Mersmann,
    ich werde in diesem Buch lesen. Sicher sollte man mehrere Werke durcharbeiten, wenn man das Leben Maos einigermaßen in den Griff bekommen will. Maos Zeit war unvorstellbar komplex und dynamisch. Solche Zeiten erforderten wohl viele Gesichter und Fähigkeiten. Der Geist Sun Yat-sens zerbrach an seinem gradlinigen Idealismus, General „Cash-My-cheque“ – wie Roosevelt den Kuomintang Chef nannte – hatte die Talente eines Mafia-Boss, aber keine Visionen. Wie später Ho Chi-minh, standen Mao einige Richtungen zur Wahl. Eine einmalige Chance für den Westen war jedoch vertan, als er um ein Treffen mit dem US Präsidenten bat, das von Chiangs Geheimdienst und US-Unterlingen vermasselt wurde. Ich denke, die Lage nach ’50 ließen ihm dann nicht mehr viel Optionen. Die Rote Garden waren später nicht mehr unter seiner Kontrolle.
    50 Millionen Chinesen zahlten den Preis, dass ihre Nachfahren nicht im 51. Bundesstaat der USA leben 🙂
    Übrigens: gerade deshalb HAT Mao in China noch immer Respekt.
    Viele Grüße

  4. gkazakou

    Eine interessante Diskussion, danke für alle Beiträge – des Autors und der Leser. Meine Kenntnisse über China sind äußerst bescheiden. Als Studentin an der FU Berlin erlebte ich Dutschkes Lob der Kulturrevolution, mit dem er sich vom Real existierenden Sozialismus der DDR absetzte, als Befreiung vom alternativlosen Entweder-Oder Deutschlands. Lasst hundert Blumen blühen – das war ein Satz, der dem Geist in der erstickenden Luft des geteilten Deutschlands Flügel wachsen ließ. Inzwischen weiß ich natürlich, wie verblendet und eigentlich unpolitisch wir jungen Leute waren, die das Weltgeschehen an den eigenen seelischen Bedürfnissen maßen. Die Innensicht des Betroffenen empfindet die Außensicht des Historikers und politischen Kommentators sehr oft als anmaßend, auch wenn sie gutwillig ist. Ich erlebe das grad in Bezug auf Griechenland, dessen Realität sowohl in der rechten als auch in der linken Kritik „von außen“ kaum ins Blickfeld gerät. (Natürlich lässt sich das griechische Drama nicht mit dem chinesischen vergleichen. Es handelt sich um ganz andere Dimensionen)

  5. alphachamber

    @Gerhard
    In Ihrem Kommentar sehe ich einigen Widerspruch.
    China musste zu allererst seine Integrität verteidigen. Seit seiner Frühzeit bis heute, standen die Provinzen unter verschiedenen Warlords und waren/sind nicht unter steter Kontrolle Beijings. Die Kulturrevolution war zwar eine ‚Maotai-Idee‘, vergleichen sollte man jedoch die bittere Armut unter den Kaisern, dann die Gräuel unter England, dann Japans (besonders Japans) und auch Chiang Kai-sheks inneres Regime, die Behandlung durch die US, auch durch Russland, danach war eine KR die logische Folge.
    Deng war Opportunist. Natürlich brauchte er schließlich die kapitalistischen Strukturen. Seine Reaktion auf Tian An-men 1989 beweist seine harte Linie. Ohne Mao wäre China heute ein übervölkerter, unberechenbarer Balkan. Uns allen ginge es wahrscheinlich schlechter.
    Und: „Manchester-Kapitalismus“? Das ist absurd.

    1. gerhard

      Einen Widerspruch sehe ich vor allem im Smiley in Bezug auf 50 Millionen tote Chinesen in Ihrem ersten Beitrag.
      Dieses Aufrechnen der Gräueltaten unter Mao mit den Vergehen desaströser vergangener Regime ergibt für mich absolut keinen Sinn, das ist wie dieses unsägliche Auschwitz versus GULAG, einfach absurd und null zielführend.
      Wieso war die Kulturrevolution die logische Folge? Gewaltdurchzogene, innere Anarchie, ich bitte Sie.
      Und wieso ist „Manchester-Kapitalismus“ in dem Zusammenhang absurd? Kennen Sie die Produktionsverhältnisse, die Kapitalverteilung und insbesondere den kapitalistischen, börsen- und wachstumsgetriebenen, wirtschaftlichen Überbau im heutigen China? Ich bezweifle es stark.
      Absurd ist vielmehr Ihre Argumentationslinie von Mao hin zu unserem heutigen Wohlstand.

      1. alphachamber

        Danke für Ihre Replik.

        1. Es schafft einen netteren Dialog, wenn man von seinem Gegenüber ein Miniumum an Intelligenz annimmt, wie ich es bei Ihnen tat. Diesbezüglich muss ich also jetzt erklären, dass sich der Smilie nicht auf die 50 Mill. Tote, sondern auf den 51. Staat der USA bezog.

        2. Anstelle der ewigen Ausschwitzvergleiche – um den Wettlauf auf den moralischen Olymp zu gewinnen – hätten Sie Ihre Gegenargumente nennen können.
        Außerdem waren Sie es, der Vergleiche und Dimensionen ins Gespräch brachte.
        Ich erlebte „live“ das Ende des VN Krieges und letzte Episode der Khmer Rouge-Gräuel und benötige keine Ethik-Debatte.

        3. Wenn Sie nicht Ursachen und Ziele der Kulturrevolution kennen, disqualifizieren Sie Ihre eigenen Urteile darüber.

        4. Ich bin seit 1972 Hong Konger Bürger, habe in China gearbeitet und lese Chinesisch, was mir einen klitzekleinen Vorsprung über westliche Reportagen bringt.
        Über Fakten und Geschichte können wir gerne diskutiere.
        Nette Grüße

      2. gerhard

        Da bin ich jetzt aber sehr froh über die Belehrungen. Sie dürfen mir aber schon unterstellen, dass ich nicht Ursachen und Wirkungen der Kulturrevolution kenne? Nur soviel: ich wollte Ihre Intelligenz in keinster Weise ankratzen, steht mir gar nicht zu, das mit dem Smile hab ich schon verstanden in Richtung USA, im Zusammenhang mit 50 Mio Toten finde ich ihn trotz allem absurd und v.a. zynisch. Aber Sie werden mir sicher wieder Argumente liefern, warum ich auf dem Holzweg bin .

  6. Just Behnke

    Sehr geehrter Herr Mersman

    ist zwar nicht von Mao, hört sich jedoch auch schön an:

    Dank es!

    Wenn deine Mutter alt geworden
    Und älter du geworden bist
    Wenn ihr, was früher leicht und mühelos
    Nunmehr zur Last geworden ist,
    Wenn ihre lieben, treuen Augen
    Nicht mehr, wie einst, ins Leben seh’n
    Wenn ihre müd’ gewordnen Füße
    Sie nicht mehr tragen woll’n beim Gehen. –

    Dann reiche ihr den Arm zur Stütze,
    Geleite sie mit froher Lust –

    Die Stunde kommt. Da du sie weinend
    Zum letzten Gang begleiten musst!
    Und fragt sie dich, so gib ihr Antwort.
    Und fragt sie wieder, sprich auch du!
    Und fragt sie noch mehr, steh ihr Rede,
    Nicht ungestüm, in sanfter Ruh!

    Und kann sie dich nicht recht verstehen,
    Erklär’ ihr alles froh bewegt.
    Die Stunde kommt, die bitt’re Stunde,
    Da dich ihr Mund nach nichts mehr fragt!
    Von Adolf Hitler (1923)

    Die intrinsische Motivation ist keineswegs immer „gut“ oder „gesellschaftlich nützlich“.
    Die historische Erfahrung zeigt, das viele der größten Verbrechen der Menscheit durch Personen verübt wurden, die wahrscheinlich zu einem hohen Grade intrinsisch motiviert waren, wie z.B Adolf Hitler oder Josef Stalin. Neid, Rachegelüste und der Wunsch andere zu dominieren sind nicht weniger intrinsisch motiviert als Altruismus, Gewissenhaftigkeit und Liebe (vgl. Osterloh/Frey 1999).

    Wenn man weiß, dass gleichzeitig Schiffsladungen von Getreide in afrikanische Länder verschenkt worden sind, als Bruderhilfe und um das Image des revolutionären China aufzubessern, merkt man mit welcher Brutalität und Menschenverachtung Mao und seine Clique das Land unterdrückt und ausgebeutet hat, und alles im Zuge einer abstrusen Ideologie und persönlichem Größenwahn.
    (Maos Großer Hunger: Massenmord und Menschenexperiment in China)
    Vieleicht als Hinweis für eine Amazonbuchbesprechung ?

    P.S.: Wenn das von Ihnen genannte Zitat (Er verglich die Weitsicht der später Geborenen mit Zwergen auf den Schultern von Riesen) ernst gemeint ist, dann können Sie diesen Blog schließen und sich mit den Musikrezensionen „die Zeit um die Ohren hauen“.
    Jedoch bei Quellenangaben bitte beachten:
    Adorno mochte keinen Jazz!

  7. Gerhard Mersmann Autor

    Sehr geehrter Herr Behnke,
    die Entzückung über Ihre Zeilen schwindet schnell, atmen Ihre Worte doch aus jeder Pore den Geist der heiligen Inquisition. Wer selbst nicht an den lieben Gott glaubt, kann gut mit ihm drohen. Sie sitzen in der Hitler-Stalin-Mausefalle und glauben, das sei der Schlüssel zur Geschichte. Lassen Sie sich nicht beirren, denn gegen Zweifel scheinen sie imprägniert zu sein.
    G.M.

  8. alphachamber

    Hallo Herr Mersmann,
    Ich hatte schon eine Replik für Herrn Behnke formuliert, entschied letztlich Ihnen den Vortritt zu lassen, da sein Kommentar persönlich war. Ich hatte Argumente bereitgestellt – aber Ihre Antwort ist viel besser gelungen.
    (P.S. Ich bin dem Kommentator trotzdem dankbar für den Hinweis auf das Gedicht. Egal wer es schrieb, es ist die schönste Ode an eine Mutter, die ich je las. Meine Mutter ist 93 und ich nehme es als Ermahnung)
    Beste Grüße

  9. Just Behnke

    Sehr geehrter Herr Mersmann,
    Sehr geehrter alphachamber,
    anhand der Reaktionen ihrerseits auf meinen Beitrag habe ich wohl ins „Schwarze getroffen“.
    Morgens um 5:27 schon vor dem Frühstück eine Antwort schreiben !!
    Für eine kleine Erläuterung über eine Hitler-Stalin Mausefalle und was ein Schlüssel zur Geschichte bedeutet, freue ich mich.
    Ich bin nichtgläubig, kann meine Erziehung oder „Sozialisation“ jedoch nicht ungeschehen machen.
    Z.Zt. beobachte ich meine Poren schon eine Zeitlang (ca 48 min). Ich kann jedoch nichts erkennen.
    Für einen Hinweis, wie der Geist der heiligen Inquisition auschaut, bin ich Ihnen dankbar.
    Zu alphamacher:
    Selbstverständlich war mein Beitrag persönlich.Unpersönlich sind nur Naturwissenschaften. Jedoch habe ich auch hier meine Zweifel (Trofim Denissowitsch Lyssenko war mit Mao für Misserten bei grossen Sprung verantwortlich)
    „Wenn Sie nicht Ursachen und Ziele der Kulturrevolution kennen, disqualifizieren Sie Ihre eigenen Urteile darüber.“
    Den Begriff „intrinsische Motivation“ habe ich schon erläutert.
    Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.Hier kann ich für mich die mio. von Toten nicht ausklammern.
    Die Geschichte ist wie sie ist.
    Mit „hätte hätte Fahrradkette“ kann ich nichts anfangen und die Toten auch nicht.

    vergelts Gott

  10. alphachamber

    Herr Behnke,
    Dem Hauptteil Ihrer polemischen Replik zufolge, geht es Ihnen wohl mehr um intellektuelles „Schwanzmessen“ (Verzeihung!).
    Wenn wir uns auf Sachliches beschränken wollen:
    Wo lasen SIe, dass Mao „Experimente mit Menschen“ durchführte? In China waren das hauptsächlich die Japanischen Besatzer. Mao selbst war wohl der einzige „Emperor“, der China n i c h t ausgebeutet hat. Durch Brutalität und Menschenverachtung zeichneten sich eher die jeweiligen Kolonialherren aus. Auch konnte er die Grausamkeiten seines Kuomintang-Rivalen kaum übertreffen, der z.B. seine kommunistischen Gegner lebend in die Heizkessel von Lokomotiven warf und dabei die Pfeifen öffnen ließ um ihre Schreie zu übertönen?
    Und nein, „Schöngeistigkeit“ und Brutalität sind weder kausal verbunden, noch schließen sie sich einander aus. Alles Menschliche ist im Menschen inne. Wie es sich entwickelt mitentscheiden die geschichtlichen Umstände.
    Btw: Mit Ihrem Gruß kann ich nichts anfangen.
    .

  11. Just Behnke

    Sehr geehrter alphachamber,
    oft gibt der Autor durch seine Wortwahl seine Kinderstube zu erkennen.
    Ich kenne dies stilvoller formuliert als „Duell des Wissens“ mit einem spitzen Florett überreicht und gespickt mit einem Schuss Ironie.
    Die Quelle über Menschenexperimente (nicht meine Wortwahl) gab ich schon bekannt, hier jedoch nochmal :
    Maos Großer Hunger: Massenmord und Menschenexperiment in China von Frank Dikötter.
    Wenn sie dieses Buch studiert haben, dann lesen sie bitte noch etwas über Lyssenko und Mao.
    http://www.kaltesonne.de/das-dunkle-kapitel-des-lyssenkoismus-wissenschaft-im-dienst-der-ideologie/

    Das Thema „Schöngeistigkeit“ und Brutalität taucht so in meinem Beitrag nicht auf.
    Der Begriff „Ausbeutung“ wird bei Marx ausführlich erläutert.

    „Ich bin seit 1972 Hong Konger Bürger, habe in China gearbeitet und lese Chinesisch, was mir einen klitzekleinen Vorsprung über westliche Reportagen bringt.
    Über Fakten und Geschichte können wir gerne diskutiere.“

    Schade, wenn dann bei so einem langen Auslandsaufenthalt und einem „klitzekleinen Vorsprung“ viele deutsche Idiome, wie „vergelts Gott“ nicht mehr im Gedächniss sind.

    Ich für mich beende jetzt diese unschöne Diskussion, bedanke mich hier jedoch ausdrücklich bei Herrn Mersmann für seine Beiträge und verbleibe (nichts für ungut) mit einem freundlichen Gruß an das Forum
    J. Behnke

  12. alphachamber

    An den stilvollen Herrn Behnke:
    Duell des „Wissens“ war mir doch etwas übertrieben, was sich nach Ihrer Antwort dann bestätigte. „Never take a knife to a gun-fight“, würde Ihnen der Angelsachse sagen.
    Ich hätte Ihnen zwar noch einige andere Quellen zur Beurteilung von Chinas Geschichte und Mao empfehlen können, aber das wäre ja Tee nach China importieren!

    P.S.: Wenn man mit etwas „nichts anfangen kann“, bedeutet das nicht, dass es nicht auch im Gedächtnis ist. Bedeutet das, Sie müssen jetzt alles nochmals lesen?

    Ich bringe mein „spitzes Florett“ jetzt wieder in den Keller.

  13. Uwe Peters

    Sehr geehrter Herr Dr. Mersmann,
    ich habe mir die Mühe gemacht, das von Ihnen lobend erwähnte Buch und auch die Quellen des Herrn Behnke zu lesen um die hier etwas aus dem Ruder gelaufene Diskussion zu verstehen.
    Kernpunkt war hier „der grosse Sprung nach vorn“ Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, das weder Sie noch „alphachamber“ das Buch vollständig gelesen haben können.
    Die Autorin schreibt selbst, dass Mao dieses Massensterben hätte verhindern können, wenn er es gewollt hätte.
    Zitat aus dem Buch Kapitel „Großer Sprung ins Verderben“:
    Warum gab es nirgends Aufstände? Die Betroffenen auf dem Land waren zu schwach, hatten keine Kraft mehr, aber was noch entscheidender war: »Viele Hungernde glaubten, dass Mao nichts von ihrem Leid wusste, und hofften, dass er ihnen helfen könne. In der Tat spielte Mao in dem System eine so zentrale Rolle, dass nur er den Anstoß zu einem Politikwechsel geben konnte«251, schreibt der Sinologe Felix Wemheuer in seinem Buch Der große Hunger. Warum aber schaute Mao Zedong weg und handelte viel zu spät?

    Anfangs lagen ihm falsche Informationen vor, danach hörte er nicht auf Vertraute wie Liu Shaoqi. Aber vor allem wollte der Herrscher sein »Gesicht wahren«: Russland um Getreidelieferungen zu bitten oder von kapitalistischen Ländern Weizen aufzukaufen, hieß einzugestehen, die eigene Bevölkerung nicht ernähren zu können. Genau das hatten die Amerikaner 1949 in ihrem Weißbuch vorausgesagt! Deshalb lud Mao seinen alten Freund Edgar Snow, den Verfasser von Roter Stern über China, im Jahr 1960 ein und gab ihm ein Interview für die amerikanische Öffentlichkeit. Arm und rückständig sei das Land noch und Fleisch weiter knapp, legte Mao offen, aber viele Chinesen seien sowieso Vegetarier. Gezielt wiederlegte er Gerüchte über eine Hungersnot, und natürlich bekam Snow während seiner Reise keine Hungernden zu sehen. Das Ausland glaubte Mao Zedong, der noch im Februar 1961 dem französischen Abgeordneten und späteren Präsidenten François Mitterand versicherte, in seinem Land gäbe es keine Hungersnot. Derweil starben weiter Menschen wie die Fliegen.

    Die Opferzahlen des Großen Sprungs schwanken – nach späteren Schätzungen lagen sie zwischen 10 und 60 Millionen, 30 Millionen gelten als die realistischste Zahl. Doch erst Jahre nach Maos Tod, 1980, werden diese Tatsachen bekannt gegeben und von chinesischen Politikern bestätigt. Zuvor war das wahre Ausmaß der zu 70 Prozent von Menschen gemachten Katastrophe verborgen geblieben.

    War Mao Zedong also wegen der Großer-Sprung-Politik ein »Massenmörder«? Dieser Begriff wird oft verwendet, um ihn auch in eine Reihe mit Hitler zu stellen. Mao hat sich hier auf ganz andere Weise, aber nicht weniger schuldig gemacht. Zwar hat er nicht wie der deutsche Diktator den Befehl zur Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen gegeben, aber trotzdem zwischen 1959 und 1961 Millionen auf dem Gewissen, weil er nicht früher das Signal zum Gegensteuern gab. Er hätte die politische Macht und vor allem die Menschenpflicht gehabt, zu handeln, aber hier versagte er. Erst im Frühjahr 1961 gestand Mao Zedong Fehler und Irrtümer ein, trat in die zweite Reihe zurück, gab Ämter auf und den Weg für einen Politikwechsel frei, wobei er am Ende die Hauptschuld doch wieder auf die örtlichen Kader und ihre falschen Zahlen abwälzte.

    Leider kann ich Ihnen hier nicht die Seitenzahl aus dem Buch angeben, da ich die EPUB-Ausgabe habe.
    mfG
    Uwe Peters

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