Masters of Desaster

Wenn etwas wundersames geschieht und die Betrachtenden sich die Augen reiben, weil sie glauben, das könne doch gar nicht sein, denn so etwas entspräche doch eigentlich nicht dem Wesen der Handelnden, die kenne man doch, so etwas täten sie nicht, dann ist Aufmerksamkeit gefordert. Alles, was die Erstaunen erzeugenden Akteure nach der ersten befremdenden Tat machen, muss genau beobachtet und analysiert werden. Denn in der Folge des ersten Falles lässt sich schnell klären, ob das Getane eine Episode ohne repräsentativen Charakter war oder ob das Bild, das von den Handelnden herrschte, geändert werden muss, weil sich schlichtweg ihr Charakter geändert hat. Diese Aufmerksamkeit ist besonders gefragt, wenn es sich um die Regierung eines Landes handelt. Und stellt sich heraus, dass eine Regierung ganz anders handelt, als es ein wählendes Volk von ihr erwartet, dann wird es heikel. Auf beiden Seiten.

Und so herrschte und herrscht bei vielen Wählerinnen und Wählern im Land noch der Eindruck, die Politik der Bundesregierung im Falle Griechenlands habe etwas mit europäischer Solidarität einerseits und der treuhänderischen Pflicht gegenüber den vereinnahmten Steuergeldern andererseits zu tun. Das Problem, dass sich bei genauer Betrachtung der bundesrepublikanischen Politik in Griechenland ergibt ist die schlichte Verneinung dieser Annahme. Heute ist Griechenland ein Staat, an dessen Ent-Nationalisierung ein ganzes Konsortium von Finanzexperten arbeitet und dessen Staatseigentum an Meistbietende verramscht wird. Und die treuhänderische Verwaltung von Steuergeldern entpuppt sich als Hasardspiel in Zusammenhang mit Phänomenen wie der Insolvenzverschleppung mit Regierungsbeteiligung sowie der erneuten Kreditfallen für Folgenationen.

Nahezu unbemerkt vollzieht sich in der Ukraine eine Entwicklung, die eigenartige Parallelen zu der in Griechenland aufweist. Die nachweislich korrupte Regierung in der Ukraine bekommt groß angelegte Kredite vom IWF sowie aus EU-Mitteln, die in keinerlei Parlamenten legitimiert wurden. Diese Kredite versickern in der Regel in dunklen Kanälen, die skurriler nicht sein könnten. So „verschwanden“ kürzlich 450 Millionen Euro aus dem ukrainischen Militäretat und so liefert Russland trotz Embargo lebenswichtige Waren in die Ukraine, die bezahlt werden wollen. Die 450 Millionen gelten schlichtweg als gestohlen und die neuerlich von der EU beschlossenen 1,8 Milliarden Euro werden wohl dazu benutzt werden, um das Loch im Militäretat zu stopfen und die Rechnungen aus Russland zu bezahlen. Insgesamt sind bereits 45 Milliarden seitens IWF und EU in die Ukraine geflossen. Der IWF koppelt bekanntlich diese Gelder an zu absolvierende Reformvorhaben, und wie die aussehen, zeigt sich gerade in Griechenland.

Die korrupte und kriminelle Elite von Oligarchen, die in der Ukraine gestützt wird, ist nicht der politisch-moralische Wunschpartner der Bundesregierung und ihrer finanzpolitischen Kombattanten, aber sie eignet sich genial, um das Land in die Schuldenfalle zu locken, die in nicht allzu ferner Zeit gnadenlos zuschnappen wird. Dann dreht sich auch der propagandistische Wind. Dann hören wir nichts mehr von den solidarisierungswürdigen Freiheitskämpfern auf dem Maidan, sondern von faulen, korrupten und an Verschwendung gewöhnten Ukrainern und es werden Aufforderungen an irgend eine erbarmungswürdige Nachfolgeregierung gerichtet, die den Schlamassel gar nicht zu verantworten hat, den Oligarchen doch endlich den Marsch zu blasen.

So war das alles im Falle Griechenland, und vieles spricht dafür, dass es nun so in der Ukraine wiederholt wird. Wer glaubt, das alles geschehe aus dem reinen Wunsch nach Demokratie, der macht sich großer Naivität schuldig. Um es so auszudrücken, wie es ist, bedarf es der Sprache, die jeder versteht: Da werden Nationen geschreddert und versilbert, eingelullt vom Gesang unheilvoller Megären.

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4 Gedanken zu „Masters of Desaster

  1. hildegardlewi

    Lieber Gerd, jeder sollte sehr aufmerksam lesen, was Du so gründlich beschrieben hast, daß es sogar im großen Ganzen ein Ignorant begreifen kann. Irgendwie stehen wir alle im Vorhof der Hölle und wollen es einfach nicht begreifen oder sind völliger Lethargie verfallen.

    Augen auf, Ohren auf – Hirn einschalten – wie wollen wir sonst ein paar Schritte zurück
    machen. Wenigstens ein paar….

  2. Nitya

    Lieber Gerd,

    danke für diese klare Beschreibung des Bewusstseinszustands derer, die wir die Krone der Schöpfung nennen. Das, was heute mit Griechenland und der Ukraine geschieht, kann/wird? morgen mit Deutschland passieren. Wir leben im Zeitalter der Aufklärung? Haben wir denn je darin gelebt? Der Krieg Reich gegen Arm, Mächtig gegen Ohnmächtig, scheint seit Menschengedenken auf allen Kontinenten zu toben. Wo sollte da noch Platz für Hoffung sein? Und doch, was bleibt uns allen anderes übrig als, immer wieder aufzuklären? Ich weiß nicht mehr, von wem der Satz stammt: „Ich tue mein Bestes und halte das Schlimmste für möglich.“

  3. gkazakou

    Neuerdings geschieht das Schreddern von Nationen durch die Schuldenfalle. Aber das Schreddern als solches ist ja nichts Neues. In Europa wurde es uns zuletzt am Fall Jugoslawien vorgeführt. Das wichtiste Ingeredienz dieser Strategie ist ausgerechnet ein „ethisches“ (Joschka Fischer: „Nie wieder Auschwitz“ bezüglich des Kosovo). Der „Kampf des Guten gegen die Kräfte der Finsternis“ ist an die Stelle des „Mit uns ist Gott“ getreten, das seit biblischen Zeiten jeden Krieg rechtfertigte. Im griechischen Götterhimmel herrschten noch in Pro und Kontra gespalteten Kriegsparteien (Homer) – das war eine recht aufgeklärte Sichtweise. Seit es nur noch einen Gott gibt, kann es nur noch eine gerechte Partei geben. Und die sagt: „Schuld(en) muss (müssen) gesühnt werden“. Ihre Herrschaft ist überkonfessionell und hebelt sogar das christliche Hauptgebet aus („Vergib uns unsere Schulden, so wie wir vergeben unseren Schuldigern“). Gottseidank, wie die Gläubiger sagen.

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