Verschleiernde Kodizes

Von Kommunikation bis Transparenz, von Augenhöhe bis Wertschätzung, von Achtsamkeit bis Nachhaltigkeit, unsere Sprache wird zunehmend zu einem Kanon an Begrifflichkeiten, die eines gemein haben: Sie beschreiben sowohl einen ethisch-moralischen Anspruch als auch eine Leere in der sozialen Identität, die durch die Programmatik des Begriffs mit gutem Inhalt gefüllt werden soll. Das ist starker Tobak, denn in einer Zeit, in der sich Begriffe wie die angeführten mehren, spricht sehr vieles dafür, dass die Ursachen für Sinnentleerung, Entehrung und Erkaltung mächtiger werden. So wirken diese Begriffe auch weniger wie ein durchdachtes Programm mit politischer Wirkung, sondern eher wie ein Schrei der Hilflosen. Denn selbstbewusste Subjekte wie handlungsfähige Kollektive holen sich die Informationen, die sie brauchen, zwingen die Handelnden, ihr Handeln zu begründen, sehen denen, die sie kontrollieren, direkt in die Augen, haben das Selbstbewusstsein, dass dazu notwendig ist und sind soweit Realisten, dass sie in ihrer Selbsteinschätzung den Irrtum der chronischen Überforderung mit ins Kalkül ziehen.

Was aus den oben genannten Begriffen spricht, ist die Masse derer, die sich ohne Widerstand einem langen Prozess der Entmündigung unterworfen haben. Getrieben hat diesen Prozess ein triumphalistisches Politikgefühl, ausgelöst durch das Ende des Ost-West-Konfliktes, der angeblich das Ende der Geschichte zur Folge hatte und damit die ewige Demokratie einläutete. Eine Politikerkaste, die demselben Glauben nachhing, suggerierte denen, die sie vertritt, dass sie es schon richten werde. Und die Masse glaubte den Unsinn und entließ sich selbst aus der anstrengenden Pflicht, Politik mitzugestalten und für Demokratie zu kämpfen. Das Grillen am 1. Mai wurde attraktiver als die Demonstration und Krankenscheine halfen unspektakulärer, sich von der Arbeit zu entfernen, als ein Streik. Der Kampf wich dem Siechtum, und die politische Präzision den seichten Pamphleten, in denen die Welt heute ersäuft.

Einher mit der ungeheuren Ent-Politisierung der Gesellschaft ging das wohl mächtigste Täuschungsmanöver der Nachkriegsgeschichte, das nur deshalb gelingen konnte, weil der Prozess der Ent-Politisierung in einem derartig hohen Tempo gefahren wurde. Während viele Gewerkschaften das Thema der politischen Bildung aus den Bildungsplänen strichen und dafür Computerkurse anboten, begann der aus den Hochschulen strömende neue bildungsbürgerliche Mittelstand, die eigene Ernährung in den Mittelpunkt der Lebensplanung zu stellen. Viel von denen, die Marx und Hegel gelesen hatten, verpfändeten ihr kritisches Bewusstsein am Tresen des Vegetarismus und trugen so dazu bei, von den wachsenden Belastungen, die die neuen Organisationsformen der Arbeit schufen, abzulenken. Seitdem streitet sich die entmündigte Klientel über Ernährungsweisen und Unverträglichkeiten, als seien es die lebensbestimmenden Faktoren im digitalen Zeitalter.

Die Verselbständigung der digitalen Maschinerie hat die Appendix-Existenz des Individuums in einem bisher ungeahnten Maße gesteigert. Die aus der digitalen Logik und Infrastruktur abgeleiteten Compliance-Systeme haben den Zuchtstab von Arbeitsanweisung und Betriebsordnung ergriffen und führen ein unerbittliches Regiment über die Arbeitenden. Letztere kommen jedoch in den seltensten Fällen noch auf die Idee, dass es sich bei dieser Art von Compliance um von Menschen gemachte Werke handelt, die bestimmten Menschen und ihren Interessen dienen. Nein, der Eindruck hat sich verfestigt, dass die technische Logik die einer höheren Ordnung sei und aufgrund dessen folgerichtig dem schnöden Bedarf humaner Wesen nicht folgen müsse. Die Diktatur der technischen Logik gilt als unangreifbar und die der Menschen, die hinter diesem Artefaktum stehen, werden gar nicht mehr wahrgenommen. Ohne politische Sensorik und Begrifflichkeit erscheint die Welt als ein unübersichtliches Chaos sozialer Enttäuschungen. Die Abkehr von einer Politik, die keine ist, wäre der Anfang von einer Politik, die diesen Namen verdient. Anstrengender würde sie sein. Erheblich.

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3 Gedanken zu „Verschleiernde Kodizes

  1. juttareichelt

    Vielleicht ist das der Grund, warum ich all die von dir zitierten Begriffe nur mit einem unbehaglichen Gefühl verwende – obwohl ich das, was sie bezeichnen ja durchweg schätze … Dass die Bedeutung, die die Ernährung gerade für viele zu kritischem Denken befähigte Menschen einnimmt, religiöse Züge trägt, war mir bewusst – deinen Gedanken, dass das „Poltikersatz“ ist, finde ich absolut einleuchtend!

    1. Bludgeon

      Ich schließe mich an. Marcuses „Eindimensionaler Mensch“ (prophezeit in den 50er Jahren) wurde Wirklichkeit.
      Shop till you drop.

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