Zu lesen wie ein pathologischer Bericht

Unabhängig von den Themen, mit denen sich Politik zu befassen hat und sogar in Kontexten wie dem Feuilleton, in Deutschland ist das Instrument der Analyse relativ stark in Vergessenheit geraten. Dabei hatten es sogar mehrere Generationen in der Schule noch gelernt. Wenn du ein Phänomen analysieren willst, dann beginne zunächst mit einer möglichst neutralen Beschreibung dessen, was du untersuchen willst. Unterlass es, wertende Adjektive und Zuschreibungen zu benutzen. Versuche einen kühlen Blick zu entwickeln. Wenn du das Phänomen beschrieben hast, dann mache dich an die einzelnen Bestandteile und Erscheinungsformen. Eines nach dem anderen, in der gleichen Weise, fertige Beschreibungen der Details an, ohne parteiische Einwürfe. Und wenn die Erscheinungsebenen freigelegt sind, dann versuche, die Kausalitäten der Einzelteile in Bezug auf das Gesamte zu entschlüsseln.

Eine Analyse ist das Handwerk, mit dem der Mensch zu aufgeklärten Urteilen kommen kann. Sie zu beherrschen, erfordert Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie Disziplin. Eine Analyse ist ein kognitiver Prozess. Und kein emotionaler. Und genau da liegt das Problem des zeitgenössischen bundesrepublikanischen Mainstreams.

Material für diese Behauptung liefern zum Beispiel, um gar nicht erst in die hoch emotionalisierte politische Tagespolitik gehen zu müssen, Rezensionen zu Büchern und die Foren, die diese kommentieren. Davon gibt es Tausende und folglich hoch illustres und illustrierendes Material. Auch die Rezension eines Buches, egal ob Roman, Biographie oder Geschichtswerk, muss, sollte es eine bestimmte Qualität besitzen, dem notwendigen Handwerk der Analyse folgen. Zunächst sollte Autorin oder Autor, Land, Zusammenhänge und Zeit vorgestellt werden, dann der Inhalt geschildert, mit ähnlichen Werken verglichen, Vorzüge und Nachteile zu den anderen Werken angezeigt und zum Schluss, ganz zum Schluss eine Empfehlung zur Lektüre angefügt werden. Das ist aber nur ein Nebenprodukt, denn eine gute Rezension geht von einer Leserschaft aus, die sich selbst ein qualifiziertes Urteil bilden kann. Letztendlich geht es um eine Leseempfehlung.

In den Foren allerdings geht es um schnelle Urteile und Meinungen, und allein die Nennung der Autorenschaft reicht zuweilen aus, um heftigste Auseinandersetzungen unter der Kommentatorenschaft auszulösen. Schnell stehen sich zwei Lager gegenüber, die sich übel beschimpfen, als ginge es um Leben und Tod. Und tatsächlich geht es um Haltungen und Meinungen. Besonders empfehlenswert sind die despektierlichen Debatten um Bücher zu Russland und dem Ukrainekonflikt. Der letzte Eindruck, der bei der Lektüre der Kommentare entsteht, ist der, dass man es mit einer Buchrezension zu tun hat. Aber, und das sollte uns allen bewusst sein, es ist realer, nicht zu verdrängender Bestandteil einer Diagnose am Geistes- und Gemütszustand einer Gesellschaft. Politische Artikel in Online-Portalen komplettieren diese Sichtweise, da geht es noch unbedenklicher im Umgang und noch scheußlicher in Bezug auf die qualitativen Mittel der Bewertung zu.

Zum einen ist es eine Katastrophe, dass die handwerklichen Mittel der Analyse nicht mehr zum Grundbesteck der Schulbildung zu gehören scheinen. Zum anderen ist es beschämend, dass diese im gesellschaftlichen Diskurs keine Rolle mehr spielen und jeder emotionale Infantilismus mehr beklatscht wird als eine brillante Idee. Die Basis für den Zerfall der kognitiv-analytischen Zivilisation und Kultur ist das Primat der moralischen Überlegenheit. In Deutschland, in Deutschland!, wurde wieder ein Wesen entdeckt, das sich als Modell der Überlegenheit begreift. Hier, so maßt sich das neue geistige Barbarentum an, leben die besseren Menschen, an deren Wesen die Welt genesen soll. Sie sind ein Atavismus, ein Rückfall in jene Stunden der hiesigen Geschichte, die immer noch zu lesen ist wie ein pathologischer Bericht.

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2 Gedanken zu „Zu lesen wie ein pathologischer Bericht

  1. Leela

    eine solche Analyse erfordert sehr viel Zeit und Belesenheit… wenn jeder den Mund hält, der darüber nicht verfügt, wird das Rauschen im virtuellen Blätterwald beinah verstummen und die wenigen Perlen, die übrig bleiben, wird kaum jemand verstehen… die emotionalste, unqualifizierteste oder prolligste Meinung ist vielleicht besser als überhaupt keine Meinung, denn Meinungen können sich weiterentwickeln und ändern… wer keine Meinung hat, kann nicht wählen und wenn keiner wählt, werden Wahlen überflüssig. Dann aber schwinden auch die letzten Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen…

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