Von Schleusern und Moralisten

Es gehört sich einfach, Schreckliches, das passiert, durch eine eigene Stellungnahme zu kommentieren. So denken zumindest viele in der Republik. Vor allem Politikerinnen und Politiker, deren Geschäft die Republik selbst ist. Vielleicht ist alleine dieser Umstand schon ein Indiz für den Zustand des Gemeinwesens. Warum, so drängt sich schon auf, warum muss immer alle Welt, ob berufen oder nicht, den Mund aufmachen und zu Katastrophen, seien es Unwetter, Unglücke oder Wahnsinnstaten irgendwo auf der Welt, den eigenen Senf zu geben? Und, das wäre die noch wesentlichere Frage, warum versuchen diese Akteure dann nicht, die Vorkommnisse zu erklären – was, nebenbei, auch unerträglich wäre -, sondern warum geben sie ihren moralischen Standpunkt zu dem Geschehenen der Öffentlichkeit preis? Da ist dann immer nur zu hören, dass Abscheu, Entsetzen, Anteilnahme und Erschütterung im Spiele ist. Sind das die Statements, die wir von Profis erwarten, die das Schiff in einer Welt der Turbulenzen steuern sollen? Oder ist es ein Indiz für den Gesamtzustand, dass nur noch ein moralisches Bekenntnis ausreicht, um sich im Lager der Guten zu positionieren? Dann wäre allerdings aus dem Staatswesen, mit Verlaub, zumindest in geistiger Hinsicht, eine Sekte geworden.

Der massenhafte Tod von vermutlich syrischen Flüchtlingen in einem Kühlwagen auf eine Straße in der Nähe von Wien ist so ein Ereignis. Die zufällig in Wien bei einer Tagung mit Staaten des westlichen Balkans erwischten Politikerinnen und Politiker aus den europäischen Chef-Etagen waren tatsächlich bestürzt, was ihnen niemand wird absprechen wollen. Was verstört und beunruhigt, ist, dass das Gefühl, im Lager der Guten zu sein, anscheinend von einer zutreffenden Analyse wie einer den Zuständen begegneten Politik exkulpiert.

Umgehend ist die Diktion der Politik, die wieder einmal 1:1 von den öffentlich-rechtlichen, staatlichen, monopolistischen Medien übernommen wurde, dass das Übel bei den Schleppern liegt. Damit ist der Fall für die Handelnden besiegelt und alles, was sich nun als Konsequenz aus der Katastrophe ableiten lässt, ist eine Fahndung nach den Schleppern und keine Forschung nach der Ursache, erstens, warum Menschen massenhaft flüchten und zweitens, warum sie sich Schleusern anvertrauen, um in Länder zu kommen, die sie als sicher für Leib und Leben definieren.

Diese Fragestellungen sind alt und von deutscher Seite systematisch vor einer Beantwortung bewahrt worden. Die Fortsetzung dieser Politik der Tabuisierung wird noch schlimmere Verhältnisse nach sich ziehen, als diese heute noch harmlosen bereits offiziell dargestellt werden. Dabei ist die Beantwortung dieser Fragen sehr einfach: Erstens existieren in den Ländern, aus denen Flüchtlinge stammen, Verhältnisse, die die dortigen Menschen bedrohen und nicht befriedigen. Die wichtigste Frage dabei ist, inwieweit Länder wie die Bundesrepublik dafür verantwortlich zu machen sind, Länder bewusst destabilisiert zu haben. In Syrien war sie es nicht, auf dem Balkan hingegen die treibende Kraft. Zweitens sollte es möglich sein, legal einzureisen und sofort einen Antrag zu stellen. Solange das nicht geht, wird es einen Markt für Schleuser geben. Die Parole, nun mit aller Macht die Schleuser zu jagen, aber ansonsten alles so zu belassen, wie es ist, reiht sich ein in das allgemeine Programm der Absurditäten. Und drittens sollte es möglich sein, zu definieren, welche Menschen die Bundesrepublik besonders gerne hier begrüßen würde, weil Menschen mit ihren Fähigkeiten und Potenzialen hier fehlen. Selbst derartig einfache und plausible Überlegungen sind Akteueren fremd, die allen Ernstes glauben, die Kürzung von 4 Euro 86 Taschengeld pro Tag für Asylsuchende würde diese davon abhalten können, aus der Hölle von Aleppo zu fliehen.

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12 Gedanken zu „Von Schleusern und Moralisten

  1. SätzeundSchätze

    Sehr gut. Moralische Lippenbekenntnisse sind billig. Eine Veränderung der Außenpolitik – das wäre das Mittel. Schlepper jagen, aber Waffen an Diktatoren verkaufen lassen – die Scheinheiligkeit der Politik.

  2. almathun

    Ja, danke, das gefällt mir. Einige Zusammenhänge würde ich wirklich gerne mal genauer studieren, z.B. das Thema Destabilisierung (Namen, Firmen, Zahlen müssen deutlich benannt werden, auch in den Mainstreammedien). Der peinliche Betroffenheitsdiskurs der Politik soll die Frage nach Verantwortung und Schuld ersetzen. Reicht uns das wirklich?
    Auch peinlich: Die Antworten, die auf die Frage „welche Flüchtlinge wollen wir hier haben?“ gegeben werden. Auffällig: nur wirtschaftliche Kriterien spielen anscheinend eine Rolle.
    Unsere oberflächliche, empathielose Gesellschaft würde von dem inneren Reichtum, den diese Menschen mitbringen unbedingt profitieren. Was wir nicht wollen: patriarchalische Strukturen, die den ohnehin täglich neu zu führenden Kampf um Geschlechtergleichheit und -respekt nur erschweren. Zunächst aber sollten humanitäre Gründe ausreichend sein, diese Menschen bei uns aufzunehmen. Die Wirtschaft sollte diesbzgl einfach mal die Klappe halten.

  3. lawgunsandfreedom

    Die Moralisten im Allgemeinen bestärken sich in ihrer eigenen Gutmenschlichkeit, indem sie die Menschenrechte beschwören, die Ungerechtigkeit der Welt beklagen, fordern, daß man „etwas tun müsse“ um sich dann in ihrer eigenen Selbstgefälligkeit zu suhlen – sie selbst „tun“ … nichts. Denn Veränderungen würden ja Anstrengungen von denen verlangen, die nicht gewillt sind ein bisschen über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Statt dessen wird „der Staat“ gefordert. „Vater/Mutter Staat“ soll es richten, aber mich bitte nicht weiter damit belästigen, damit ich weiterhin – abgekoppelt von der Realität – durch mein rosarotes Utopia paddeln kann. Das ist Infantilismus und Verweigerung von Verantwortung …

    Die Handlungsunwilligkeit der Politik hat System. Es ist einfacher ein Gesetz zu beschließen als es durchzusetzen – und sehr viel billiger. Genau so einfach ist es, die Schuld bei Profiteueren zu suchen, statt an den Umständen, die es Profiteuren erlauben auf Kosten anderer zu profitieren. Statt an den Ursachen anzusetzen, wird kurzsichtig an Symptomen herumgedoktert.

    Würde man sich mit den Ursachen beschäftigen, wäre man ja gezwungen etwas am Status Quo zu verändern. Man könnte ja etwas ändern, aber dazu müsste man vor allem erst mal seine eigenen Denk- und Verhaltensmuster hinterfragen und genau daran scheitert es.

    Denkansatz (eigentlich „moralischer Reflex“) anerkennenswert, aber nicht konsequent weitergedacht und durchgezogen. Den ersten Schritt tun, aber dann stehen bleiben. Deshalb könnten die Moralisten eigentlich die Klappe halten, denn deren Moralpredigten dienen nur dazu, sich selbst in den Reihen der „guten Menschen“ zu verorten.

  4. hildegardlewi

    Die Nacht war kurz. Ich habe noch nicht richtig ausgeschlafen. Deshalb mein Vorschlag: Gegen eine bestimmte Anzahl Flüchtlinge, woher auch immer, ein Tausch von Gutmenschen mit ihren Familien, dann wird es klappen. Immer mit der Ruhe. Es gibt bei uns viele Orte, wo, wie ich kürzlich las, insgesamt bereits 6,3 Millionen deutsche Facharbeiter und Wissenschaftler mit ihren Familien
    z. T. das Land verlassen haben und in der ganzen Welt ob ihrer Fähigkeiten mit Freude aufgenommen werden. Die Studierten und Gebildeten sind überall gern gesehen. Deutschland und die Deutschen werden keinesfalls aussterben – vielleicht erobern sie die Welt? Und die Gutmenschen überlassen wir dann mit Kind und Kegel der sich neu formenden Bevölkerung. Alles Facharbeiter. Schäuble und Merkel werden glücklich sein, daß sie das Richtige getan haben, wenn die deutsche Wirtschaft ungeahnte Höhen erreicht und wenn die ganzen neuen Deutschen uns dann auch gegen das schreckliche Rußland verteidigen. Und natürlich auch weiterhin die Banken retten und Griechenland wie einen Wurm zertreten. Die Frage ist ja auch noch: lassen sie uns überhaupt hierbleiben? Also mir ist es Schnuppe, ich werde ja nicht ewig leben.
    Ich habe ja schließlich in einer aufregenden Zeit gelebt und den geistigen und moralischen Verfall aus erster Hand und nächster Nähe gesehen – also meine Erwartungshaltung ist mir selbst noch ziemlich schleierhaft – ich werde erst mal frühstücken. Radio habe ich selten an, ich kann diese exaltierten Stimmen nicht ausstehen. Haltet durch, Kumpels – meine Devise

  5. almabu

    Der Westen erntet jetzt, was er mit der Destabilisierung Nordafrikas, des Nahen und Mittleren Ostens selbst initiiert und provoziert hat. Das sind wirklich UNSERE Flüchtlinge

    1. almabu

      Wie ich las, wollen sich selbst die nicht ganz unbeteiligten USA an der Aufnahme von Flüchtlingen beteiligen und zwar mit 0,25%!!

  6. almabu

    Wir Deutschen werden uns nicht auf Dauer auf dem Sofa im TV die Verwerfungen, Kriege und Flüchtlingsströme zu Gemüte führen können. Spätestens mit den Syrern ist die brutale Wirklichkeit in Deutschland angekommen. Wenn die USA in der Ukraine einen Krieg vom Zaune brechen (lassen), dann stecken wir bis zum Hals mit drin. Frau Merkel und Frau von den Leichen werden uns dann erklären, warum dieser Krieg ganz vollkommen alternativlos ist…

    1. Bludgeon

      3x Zustimmung zu almabu; genauso sehe ich das auch. Kann mich noch gut erinnern, wie Scholl-Latour anlässlich des bevorstehenden letzten Irak-Krieges abgewatscht wurde von einer vereinten Talkrunde:
      Er zu einem US-Botschaftsangestellten: „Sie destabilisieren die Region, wenn sie Hussein beseitigen – der hält den drohenden Clash zwischen Sunniten und Schiieten in seinem Land (noch) auf.“
      Der Mann ist gereist bis 10 Minuten vor seinem Sterbetermin.
      Die Schnösel, die sich ihr Weltbild aus der zusammengekürzten Presseschau ihrer Referenten zusammenklauben, wiesen ihn zurecht: „Das ist überholtes Denken. Wir leben nicht mehr in den 60ern.“ Aus die Maus.

  7. Dr.med.Beck

    Anbei ein Beitrag aus der Ärzte Zeitung online, 07.07.2015:

    http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/aids/article/890131/aids-fluechtlingszustrom-wirkt-hiv-neudiagnosen.html#comment
    AIDS
    Flüchtlingszustrom wirkt sich auf HIV-Neudiagnosen aus

    Die Zahl der HIV-Neudiagnosen ist in Deutschland gestiegen. Dafür gibt es mehrere Gründe – auch die steigenden Flüchtlingszahlen, wie ein Bericht des Robert Koch-Instituts zeigt.

    BERLIN. Die steigende Zahl von Flüchtlingen in Deutschland zeigt sich auch bei den HIV-Neudiagnosen. Das geht aus einem am Montag veröffentlichten Bericht des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin hervor.

    Demnach wurden dem RKI 2014 bundesweit 3525 neue Diagnosen gemeldet – ein Anstieg um 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

    „Ein großer Teil von ihnen stammt aus Ländern, in denen HIV besonders häufig ist“, teilte die Deutsche Aids-Hilfe mit. Die Übertragung habe meistens im Herkunftsland stattgefunden.

    „Hier spiegeln sich steigende Flüchtlingszahlen in den HIV-Diagnosezahlen“, erklärte die Organisation. Das erkläre auch den vergleichsweise starken Anstieg in der Gruppe der Heterosexuellen.
    30 Prozent mehr Neudiagnosen

    Die Zahl der Neudiagnosen war bei ihnen im vergangenen Jahr um rund 30 Prozent gestiegen.

    Nach RKI-Angaben wuchs der relative Anteil der Neudiagnosen bei Menschen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara zudem von 10 auf 15 Prozent. Die Mehrheit der Infektionen, die sich Betroffene im Ausland zugezogen haben, ereignete sich demnach ebenfalls dort.

    Der relative Anteil an HIV-Neudiagnosen bei Menschen deutscher Herkunft fiel demnach von 68 auf 64 Prozent. Im bundesweiten Vergleich wurde das Virus in Berlin im vergangenen Jahr am häufigsten neu diagnostiziert.

    Dort kamen 12,9 Fälle auf 100 000 Einwohner – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Am niedrigsten war der Wert in Thüringen (1,9). Bundesweit waren es im Schnitt 4,4.
    Verbesserte Datenerhebung

    Der Anstieg der gemeldeten Neudiagnosen ist laut RKI zum Teil auch auf Verbesserungen bei der Datenerhebung zurückzuführen.

    Die Zahl der HIV-Neudiagnosen darf den Experten zufolge nicht mit der Zahl der Neuinfektionen verwechselt werden.

    Sie lässt keinen direkten Rückschluss auf das Infektionsgeschehen in Deutschland zu, sondern gibt nur an, wie viele Menschen erstmals HIV-positiv getestet wurden.

    Die meisten von ihnen haben sich schon vor Jahren infiziert.

    Die Zahl der Neuinfektionen kann laut RKI nur geschätzt werden. Die Schätzung für 2014 wird zum Welt-Aids-Tag (1. Dezember) veröffentlicht. (dpa)

    Anschl. ein Kommentar:

    „Flüchtlings“-Strom
    Die Migranten auf den Lampedusa-Booten sind so gut wie keine „Flüchtlinge“ (Verfolgte oder Vertriebene im Sinne der UNHCR-Definition). Darüber kann jeder afrikanische E-Helfer aufklären. Es sind die Geflüchteten von den Äckern der Mütter und aus dem Sozialverband „Familie“. Gestrandet zunächst in den Slums der großen Städte Afrikas, wo sie von -zumeist arabischen- Schleppern gehört haben, daß es die 5 Bedingungen menschlichen Lebens (housing, clothing, nutrition, education und health care) ohne eigenes Zutun gibt, wenn man die Mutation vom Migranten zum „Flüchtling“ und Asylsuchenden durch die illegale Einwanderung geschafft hat.
    Die voyous aus den Slums der Vorstädte bringen natürlich als „Flucht“-Begleiter auch gehäuft die Tuberkulose und SIDA (Aids)mit auf die lange Reise. Insofern ist unser öffentliches Gesundheitssystem schon bei der Erstaufnahme im Interesse der Authochtonen gefordert. Die Konsequenzen aus der Berliner Masern-Epidemie müßten rasch gezogen werden; insbesondere bei Menschen, die schamlos auf die Straße spucken.

    Dr. med. ………………………

  8. gkazakou

    Ich möchte auch meinen Senf dazugeben – nein, nicht zu der Bockwurst des Dr. Beck, sondern zur Auswahl der Flüchtlinge. Wenn solch eine Möglichkeit überhaupt besteht. M.E. müssten vor allem die aufgenommen werden, die aus religiösen etc Gründen – also den klassischen Asylgründen – in ihren Heimatländern verfolgt werden. Das sind leider bereits sehr große Gruppen. Die sollten möglichst vor Ort abgeholt werden. Illusorisch? Ja, wahrscheinlich. So wie es jetzt ist, schaffen es nicht die Schwächsten und Gefährdetsten, sondern die Stärksten und diejenigen, die finanzielle Mittel haben. Darwinsche Auslese.

  9. Pingback: Blogger für Flüchtlinge | Die Stoppelhopser

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